Twitkrit

Hektische Zeiten

Hektische Zeiten, mein Schatz. Wir sind kaum noch im Stande, der Nachrichtenlage zu folgen. Der wievielte Euro-Rettungsschirm wurde gerade beschlossen? Wie wird die Pflegeversicherung refomiert? Was war der jüngste Piraten-Skandal? An allen Ecken und Enden stürmt es Stuhlgang. Früher, als alles besser war, haben wir das manchmal am Folgetag entspannt bei einer Tasse Kaffee in der gedruckten Zeitung unseres Vertrauens ganz in Ruhe nachgelesen. Heute wird im Minutentakt der neueste Scheiß in all unsere Kanäle gepusht. Ja, auch wenn wir es nicht zugeben wollen, wir sind von der medialen rastlosigkeit heillos überfordert. Da ist es nur gut, wenn die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten einmal etwas Druck herausnehmen und uns via Twitter-Eilmeldung Raum zur Kontemplation geben. Danke, @ZDF:

zdf_eil

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Witzerklärung

Wir mögen feinsinnigen Humor. Manchmal lachen wir auch über einen derben Witz. Selbst für halbseidene Wortspielereien haben wir ein ausgeprägtes Faible. Und deshalb sind wir hier, auf Twitter. Was wir gar nicht mögen, sind Witzerklärungen. Die fanden wir nämlich schon scheiße, als uns unsere Eltern früher nicht vorhandene Pointen nahebringen wollten.

Richtig schade ist es indes, wenn einem durchaus annerkennenswerten humoristischen Tweet ein erläuterndes Hashtag hinzugefügt wird, das auf ein ihm innewohnendes Wortspiel hinweist. So etwas wollen wir nicht, das macht alles kaputt. Wir wollen kurz stutzen und uns dann darüber freuen, dass wir den Witz erfolgreich umzingelt haben. Also, @theuer, weniger ist manchmal mehr. So auch hier:

mood

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Ist Twitter überhaupt noch lustig?

Es ist etwas still um uns geworden. Twitter scheint sich verändert zu haben. Vor fünf Jahren, als alles noch neu war, da gab es viele von ihnen: hintergründige Tweets mit viel Humor, die zeigten, dass es Twitterer gibt, die sich darin verstehen, die Dinge prägnant auf den Punkt zu bringen. Und heute? Ist Twitter nur noch ein Tool zur Organisation von Revolutionen und eine Schleuder für Links, die RSS längst abgelöst hat?

Ich glaube nicht. Zwar ist das anfängliche Herzklopfen, wenn ein neuer Tweet in unserer Timeline erscheint, gewichen. Und auch die überschwängliche Verliebtheit hat sich etwas gelegt. Aber das ist völlig normal. Wer kann schon über Jahre hinweg verliebt sein? (Da wird man noch verrückter als man eh schon ist.) Was noch immer da ist: die große Liebe. Und die zeigt sich, wenn man auch nach Jahren des Zusammenlebens noch gemeinsam lachen kann – auch über so Quatsch.

waumiau

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Wenn ich erst der Demografische Wandel geworden bin

Unser heutiger Gastautor @Pausanias beschwert sich nicht nur, dass auf Twitkrit gerade nicht so viel passiert, er ergreift die Initiative und schickt uns einen Gastbeitrag. Wenn er nicht twittert, versucht er, sich in seinem Blog zu benehmen. Wir finden das gut.
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Mein Leben, das geht so ab gerade. Da sind die Kinder, die zu betreuen sind, ich muss mit ihnen reimen und ihnen die Zähne putzen, da ist Politik zu verfolgen und es ist daran teilzunehmen, dann muss gearbeitet und die Buchhaltung gemacht werden, da muss Biofleisch ausgesucht und zubereitet werden und mitten in der Woche spielt plötzlich der BVB wieder in der Champions League – abends! Kurz: Ich befinde mich derzeit in der Rush Hour des Lebens. So sagt man. (Ist nicht eigentlich zur Rush Hour immer am meisten Stau? Naja, steht wohl auf einem anderen Blatt …)

Und manchmal, wenn ich in einem Aufzug mit Spiegel stehe, dann habe ich eine Minute, in der denke ich: Was kommt danach? Wozu diese Hektik, dieser Leistungsdruck, dieses ewige Spülmaschine-Ausräumen-to-Death? Und dann wird mir klar: Unmittelbar nach der Rush Hour des Lebens werde ich der Demografische Wandel sein. Und alle so: Oh Schreck!

Aber der Demografische Wandel wird anders sein als die Fratze, die wir heute allenthalben an die Wand malen, denn ich werde mit meiner Rush Hour des Lebens dafür sorgen, dass meinesgleichen sich anders verhält. Ich und meinesgleichen werden uns, bis wir zum Demografischen Wandel geworden sind, einen Alltag geschaffen haben, der ausgewogen ist, in dem zu gleichen Teilen Arbeit, Familie, Politik und Freizeit ihren Platz gefunden haben werden, wir werden dieses Leben führen, bis wir sterben. Wir werden nicht sechzig Jahre in einem langweiligen Job vertan haben, um danach die letzten dreißig Jahre damit zu verschwenden, gar nichts mehr zu tun. Wir werden die Rush Hour des Lebens zähmen und in einem Strom der Zufriedenheit alt werden. Und dann werden wir was ganz Tolles tun, nämlich das, was @Pia_Poulain vor einiger Zeit mit seherischen Fähigkeiten geweissagt hat:

Twitter    Pia_Poulain  Wenn ich Rentner bin  möch ...

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Der Klick als hypermediales Satzzeichen

Führt ein Dienst ein neues Feature ein, hat das meist Vor- und Nachteile. Der Service selbst, geht natürlich davon aus, dass die Vorteile überwiegen, sonst würde er die neue Funktion ja nicht bringen. Irgendwann hat Twitter das Feature eingeführt, ein in einem Tweet verlinktes Bild gleich gemeinsam mit dem Text anzuzeigen, ohne dass man extra noch auf den Bilderlink klicken muss. Das ist für Viele praktisch, zerstört aber womöglich einen vom Autor intendierten Überraschungsmoment, oder zumindest einen kleinen Spannungsbogen, den er zwischen Text- und Bildinformation aufbaut. Gleiches gilt für Videos, was etwa das beliebte Rickrolling gehörig erschwert.

Ein Tweet, an dessen Beispiel ich die Pause zwischen Text und Bild zeigen möchte, ist der folgende von @Heartcore, in dem er eine Frage stellt, die durch das im Anschluss an das Fragezeichen gesetzte Ausrufezeichen gleichsam eine Aussage darstellt: «Wie kann etwas nur so perfekt sein?!»:

heartcore

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Man liest diesen Satz und fragt sich gespannt: Was meint er wohl, was da so perfekt sein möge? Der besonne Leser überlegt vor dem Klick erst einmal, was es wohl sein könnte, was @Heartcore da so ins Schwärmen bringt. Ein, zwei Vermutungen werden angestellt, und erst dann klickt man auf das wunderschöne Bild und kann nicht anders, als ihm sofort recht zu geben.

Praktisches Feature hin oder her, ein Nachteil wird hier deutlich: durch die direkte Bildanzeige, die übrigens auch mittels Browser-Add-Ons oder in verschiedenen Twitter-Clients erwirkt werden kann, wird die vom Tweetautoren beabsichtigte Pause in der Informationsaufnahme des Rezipienten aufgehoben. Was verloren geht: der Klick als quasi hypermediales Satzzeichen der Netzautoren.

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Schreib den wahrsten Tweet, den du kennst

Wir haben in der Vergangenheit – und nicht nur in dieser Woche ;-) – schon häufig aufgezeigt, was auf Twitter alles möglich ist und warum Menschen twittern. Die heutige Twitkrit setzt diese Reihe anhand zweier Tweets fort, von denen zunächst nur einer die Bedingung zu erfüllen scheint, Aufschluss über die Motivation für’s Twittern zu geben:

Twitter-Beobachter @Schrngg liefert mit der Gegenüberstellung von Microblogging vorm Monitor und Alltags-Kontemplation am Fenster einen sehr treffenden Vergleich:

schrngg

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Die kleine grammatikalische Schwäche möge man dem Autor nachsehen. Auch das gehört zu Twitter: beim Kasus mal daneben hauen. Sprachliebhabern wird manchmal etwas Toleranz abverlangt. Und jene, die darüber nicht verfügen, liegen dann halt kopfschüttelnd am virtuellen Fensterbrett und stöhnen ein «Tsssz – das muss doch ‘von gegenüber’ heißen!» in ihre Timeline.

Der zweite Tweet zeigt nur vordergründig eine Motivation zum Twittern auf. @jkuri teilt uns darin mit, was er gerade liest:

jkuri

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Doch in dem verlinkten Hemingway’schen Text liegt eine zweite und dritte Motivation versteckt, warum manche von uns twittern. In «Paris – Ein Fest fürs Leben» (aus dem Englischen übersetzt von Werner Schmitz) schrieb Hemingway:

Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.

Das kann man auch wunderbar auf Twitter übertragen und ich denke, bei so manchem liegt auch hierin eine Motivation:

Du brauchst nur einen einzigen wahren Tweet zu schreiben. Schreib den wahrsten Tweet, den du kennst.

Wem das zu übertrieben scheint, oder wer diese Motivation auf keinen Fall persönlich teilt, der mag sich in den Zeilen vor diesem Zitat wieder erkennen:

Es war wunderbar die vielen Treppen in dem Bewusstsein hinunterzusteigen, dass ich mit der Arbeit gut vorangekommen war. Ich arbeitete immer, bis ich etwas geschafft hatte, und hörte immer auf, wenn ich wusste, wie es weitergehen würde. Auf diese Weise konnte ich sicher sein, am nächsten Tag weiterzukommen. Aber manchmal, wenn ich eine neue Geschichte anfing und nicht in Schwung kam, saß ich vor dem Kamin und quetschte die Schalen der kleinen Orangen über der Flamme aus und sah ihrem blauen Funkenstieben zu. Oder ich stand auf und schaute über die Dächer von Paris und dachte…

Da haben wir es: auch Hemingway betrieb astreine Prokrastination: Übertragen auf heute: Twittern und arbeiten. Weiter twittern, irgendwann wieder weiter arbeiten. Und aus dem Fenster schauen. Und irgendwann schreiben wir den wahrsten Tweet, den wir kennen.

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