Twitkrit

Max Joseph: #babelfail – Walter Benjamins Memmaschine

/*** Dieser Text ist im Magazin Max Joseph erschienen.***/

„Die Zeit schwingt sich wie eine Brezel durch die Natur. Die Feder malt die Landschaft, und entsteht eine Pause, so wird sie mit Regen ausgefüllt. Man hört keine Klage, denn es gibt keinen Firlefanz.“

Dies ist das Ergebnis eines Kinderspiels, wie Walter Benjamin es in einer Passage seiner Denkbilder erzählt. Die Worte “Brezel“, “Feder“, “Pause“, “Klage” und “Firlefanz” sollten in dieser Reihenfolge in einem sinnvollen, möglichst kurzen Text münden. Benjamin ist voller Bewunderung für diese Zeilen, vergleicht sie mit den Texten der heiligen Schriften, bei denen ebenfalls „der Sinn nur Hintergrund [ist], auf dem der Schatten ruht, den [die Worte] wie Relieffiguren werfen.” Regeln, Vorgaben, ein Kind, ein Spiel; schreiben kann so einfach sein.

Dies ist ein Tweet, also eine Statusnachricht aus dem Internetdienst Twitter. Auf Twitter (zu deutsch „Zwitschern“) unterhalten sich Menschen in Textform in „Echtzeit“ miteinander. Jeder hat ein eigenes Profil und man kann die Nachrichten des jeweils anderen abonnieren. Wenn ich Abonnent von den Statusnachrichten eines anderen bin, heißt das aber nicht umbedingt, dass er meine Nachrichten ebenfalls abonniert hat. Es entstehen dadurch eigensinnige Formen von vernetzter Öffentlichkeit, bei denen manche Leute viele, andere weniger Leser erreichen. Ein Tweet hat wenig Regeln, eigentlich nur eine: fasse dich kurz, verwende weniger als 140 Zeichen.

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In dem Text „Die Aufgabe des Übersetzers” bezeichnet Benjamin den heiligen Text als „übersetzbar schlechthin.” Die Frage der Übersetzbarkeit eines Textes stellt er so: “[…] ob es seinem Wesen nach Übersetzung zulasse und demnach – der Bedeutung dieser Form gemäß – auch verlange.” Ein Text ist eine Aufforderung zur Übersetzung, sagt Benjamin. Imperativ! Übersetze!

Wenn man auf einen Tweet stößt, den man lustig findet, kann man versuchen, auf den Witz einzugehen, ihn zu variieren, vielleicht in die eine oder andere Richtung weiterzuspinnen. Manche Tweets tragen ihre eigene Konstruktionsanleitung in sich, die die Leser zum Spiel auffordert. Wenn dies gelingt und viele mitmachen, nennt man das ein “Mem”. Auf Twitter „ereignen sich“ des öfteren solche Meme.

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Doch was ist denn nun die “Aufgabe des Übersetzers“? Benjamin verwehrt sich dagegen, dass es irgendwie darum ginge, einen eventuellen Sinn aus dem Original in die Zielsprache zu transferieren. Vielmehr gehe es um den Dienst am Werk. “Denn in seinem Fortleben, das so nicht heißen dürfte, wenn es nicht Wandlung und Erneuerung des Lebendigen wäre, ändert sich das Original.” In den Übersetzungen lebt das Werk weiter, entwickelt sich gar: “In ihnen erreicht das Leben des Originals seine stets erneute und umfassendste Entfaltung.

Das Wort “Mem” brachte der Evolutionsbiologe Richard Dawkins auf. In seinem Buch „Das Egoistische Gen” stellt er gegen Ende fest, dass es kulturelle Artefakte gibt, die sich ähnlich der Gene verhalten. Wie sich die DNA vermittels der RNA immer wieder selbst repliziert, erschaffen, kopieren und verwandeln sich die Meme mittels unserer Gehirne. Demokratie wäre so ein Mem oder der Monotheismus, aber auch Jeanshosen oder Ohrwürmer, Philosophien, Malstile und Vorurteile. Was Dawkins nicht vorhersah: er schuf die Grundlagen zur wichtigsten Kulturtheorie des Internets.

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Denn kein Gedicht gilt dem Leser, kein Bild dem Beschauer, keine Symphonie der Hörerschaft.“, stellt Benjamin klar. Die Intention hat zurückzutreten, das Übersetzersubjekt hat in der Übersetzung keine Rolle zu spielen. “Die wahre Übersetzung ist durchscheinend, sie verdeckt nicht das Original, steht ihm nicht im Licht, sondern läßt die reine Sprache, wie verstärkt durch ihr eigenes Medium, nur um so voller aufs Original fallen.” Der Übersetzer als schöpferisches Subjekt verunreinigt diesen Vorgang nur.

Das Wort mit dem vorangestellten Rautezeichen, “#babelfail“, ist die Konstante in diesem Twittermem. Es versammelt alle Tweets dieses Mems, wie Scherben eines zerbrochenen Gefäßes. Das Wort „Fail“ ist von „Failure“ (Versagen) abgeleitet und selbst ein Internet-Mem. In dem Forum 4chan wurde das Fail-Mem geboren und hat bis heute eine beachtliche Karriere gemacht. Niemand weiß, wer es erfand, aber darauf kommt es auch nicht an. Meme ereignen sich und sie schreiben sich selbst immer weiter fort. Sein Autor ist das Konstruktionsprinzip, seine Identität das Schlagwort, Gehirnmasse ist nur das Trägermedium.

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Die Übersetzung hat nach Benjamin nur ein Ziel: “Wie nämlich Scherben eines Gefäßes, um sich zusammenfügen zu lassen, in den kleinsten Einzelheiten einander zu folgen, doch nicht so zu gleichen haben, so muß, anstatt dem Sinn des Originals sich ähnlich zu machen, die Übersetzung liebend vielmehr und bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbinden, um so beide wie Scherben als Bruchstück eines Gefäßes, als Bruchstück einer größeren Sprache erkennbar zu machen.

Der Reiz eines Mems macht dessen Variationsbreite aus. Es braucht neben einem wiedererkennbaren Kern immer auch alternierende Elemente. Das geht so: Jeder neue Tweet muss zu den bisherigen Tweets seine Anschlussfähigkeit behalten und gleichzeitig so originell rüberkommen, dass er erneut eine Irritation auslöst. Denn es geht nicht um den einzelnen Tweet, sondern um das Ganze, das Mem, das versucht, sich immer wieder zu replizieren. Jeder Wendung, jede Neuerung ist eine Hypothese, die einen neuen evolutionären Sprung verspricht, oder in einer Sackgasse endet. Die Vielheit durch Einheit, Einheit durch Vielheit und der umbedingte Wille zu überleben, das zeichnet das Mem aus.

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Doch wie kann der Aufgabe des Übersetzers überhaupt entsprochen werden? Wie kann das Fortleben des Werkes einerseits und das übergeordnete Ziel – das Fügen der Bruchstücke dieser größere Sprache – von statten gehen? Benjamin überrascht: „Das vermag vor allem Wörtlichkeit in der Übertragung der Syntax und gerade sie erweist das Wort, nicht den Satz als das Urelement des Übersetzers. Denn der Satz ist die Mauer vor der Sprache des Originals, Wörtlichkeit die Arkade.

Wörtlichkeit in der Übersetzung kann zu lustigen Tweets führen. In unserem, extra für diesen Text gestarteten Twittermem “#babelfail” entspringt aus der Interlinearübersetzung geflügelter englischer Worte ein eigenwilliger Dialog der Sprachen. Dem des Englischen mächtigen Leser kommt die Syntax und Grammatik zwar bekannt vor, doch wirkt dies in der Kombination mit den deutschen Begriffen irritierend. Das Konstruktionsprinzip ist leicht zu verstehen und lädt unterbeschäftigte Gehirne ein, nach ähnlichen Beispielen zu fahnden.

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In dem frühen Aufsatz „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ beschreibt Benjamin seine Vorstellung vom Ursprung der Sprachen. Seiner Ansicht nach drücken die Dinge in der Welt ihr Wesen in ihrer jeweils eigenen Sprache aus. Der Mensch ist nun das Geschöpf, das diese Sprache zu vernehmen vermag und sogleich übersetzt. Die Übersetzung dieses “Sich-mitteilen-der-Dinge” ergibt eine universellere, höhere Sprache: die Menschliche. Die Menschensprache abstrahiere quasi die Sprache der Dinge in eine Sprache höherer Ordnung. „Alle höhere Sprache ist Übersetzung der niederen, bis in der letzten Klarheit sich das Wort Gottes entfaltet, das die Einheit dieser Sprachbewegung ist.

Im Gegensatz zur Sprache findet die Übersetzungsleistung bei Memen nicht auf der wörtlichen Ebene statt. Statt Worten wird ein Formungsprinzip, eine Handlungsanleitung übersetzt. In unserem Beispiel: „Nimm englische Phrase, übersetze sie wörtlich, prüfe ihre humoristische Qualität, twittere sie mit dem Schlagwort “#babelfail“. Eine Art Algorithmus ist es, der übersetzt, jedes Mem ist eine Maschine. Und gleichzeitig können Internet-Meme als eigene Form von Sprache aufgefasst werden. Eine Metasprache, die sich statt aus Worten aus abstrakten Strukturelementen zusammensetzt, die eine ungekannte Komplexität erreicht, aber im Endeffekt ähnlichen Regeln gehorcht.

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Der übersetzbare Text nach Benjamin ist – wie der heilige Text – ein Text jenseits des Sinns. “Wo der Text unmittelbar, ohne vermittelnden Sinn, in seiner Wörtlichkeit der wahren Sprache, der Wahrheit oder der Lehre angehört, ist er übersetzbar schlechthin.” Wie das Kinderspiel am Anfang des Textes aus den Elementarteilchen der Wortwahl, so erschafft die treue Wort-für-Wort-Übersetzung ein quasi-algorithmisches Satzformungsschema, das den Sinn „von Abgrund zu Abgrund” stürzen lässt. Ich habe mir erlaubt, dieses Satzformungsschema in ein Twittermem zu übersetzen. Warum? Walter Benjamins Memmaschine verlangte es von mir.

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Twitterlesung auf der Mobile Tech Conference

Es ist wieder so weit. Die nächste Twitterlesung naht. Diesmal am 4. September auf Einladung der Mobile Tech Conference in Frankfurt am Main. Wir werden wieder Tweets lesen, die thematisch passen, was uns nicht schwer fällt, denn der mobile Lebensstil ist immerhin der Gründungsmythos der hiesigen Twitteria.

Das Ganze findet im Rahmen der Abendverstanstaltung – der Mobile Community Night – statt. Und das beste ist: Obwohl die Konferenz Geld kostet, ist die Abendveranstaltung und damit die Twitterlesung frei! Man muss sich nur anmelden.

Also kommt alle vorbei und nehmt Eure Freunde und deren Brüder und ihre Freundin und deren Mütter mit!

Hier die Daten:

Ort: Interkontinental Frankfurt am Main
Wilhelm-Leuschner-Strasse 43
60329 Frankfurt am Main

Zeit: 4. September 2012, 20:45 – 22:00 Uhr.

Es lesen:

@PickiHH
@branek
@mspro

Eintritt frei!

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Ein Mac für @hoch21

@hoch21 ist kein Unbekannter. Vor allem nicht hier. Und er hat ein Problem. Sein Rechner ist kaputt und er kann sich keinen neuen leisten.

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Ich bin der Meinung, dass wir unser Geld kaum besser anlegen können, als in die Zukunft unserer Timelines. Also in @hoch21. Und deswegen habe ich eine Spendenseite auf Betterplace.org eingerichtet, um ihm seinen Mac zu bezahlen. Aus dem Text:

Und weil ich finde, dass @hoch21 immer von überall her twittern soll, will ich dass er ein Macbook haben soll. Pro. Oder Air. Was immer er haben will. Und vielleicht sogar Software dazu. Deswegen setze ich die Summe mal auf 2500 Euro an.

Bitte geht also rüber und BEZAHLT IHM SEINEN VERDAMMTEN MAC!

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Perfektion und Geschmack

Es gibt Dinge, die sind gut. Es gibt Dinge, die sind schlecht.

Dann gibt es Dinge, die sind im Prinzip gut, sind aber schlecht gemacht.

Und dann gibt es Dinge, bei denen es egal ist, ob sie schlecht gemacht sind, weil sie trotzdem gut sind. Und vica versa.

Und dann gibt es noch Dinge, die nur perfekt gut genug sind, um nicht schlecht zu sein.

Wie Modetwitterer @Euphoriefetzen weiß:

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Witze über den Tod auf Twitter

Es war eine Lawine, nein, zwei, nein, drei. Erst die Newsmeldungen, die einer, zwei, alle retweteten. Dann die Trauerbekundungen. “Danke”, “wird fehlen”, “eine großer” bekam man überall zu lesen. Dazu kamen die Zitate. Alle, wirklich alle zitierwürdigen Passagen aus seinem Werk wurden in Tweets verpackt, “Ente in Badewanne”, “Sitzkreis”, “Lametta”, immer wieder, überall, alles mehrfach. Einige beschränkten sich darauf, Sketche auf Youtube zu verlinken. Einige Stunden ging das so. Deutschlands Twitterer kannten gestern kein anderes Thema als den Tod von Loriot.

Und auch wenn das nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven ging, hatte das alles seine Berechtigung. Die Leute waren berührt und jeder trauerte auf seine Art. Es gibt nur wenige, die von allen geliebt werden und zwar zurecht. Loriot ist – nicht nur in diesem Punkt – eine extreme Ausnahme.

Das Einzige, was wirklich schlimm war, waren die schlechten Gags. Nicht, dass man über den Tod keine Witze machen sollte, das soll man schon. Aber wenn einer wie Loriot stirbt, dann bitte nur gute!

Einen, habe ich gezählt. Einen einzigen guten. Von @diktator:

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Too Much Information

Eine Frage, sich sich der gemeine Twitterer immer wieder stellt, ist: Wo beginnt too much information? Ich, als Frei-Schnauzetwitterer, habe das schon oft an den Kopf geworfen bekommen, zum Beispiel als ich vom Geruch meines Urins nach einem Spargelmahl twitterte, der in seinem Aroma … lassen wir das.

Gerade gestern kam ich wieder in so eine Verlegenheit, darüber nachzudenken, was geht und was nicht. Ich hatte die Google Bildersuche, die man jetzt auch mit einer URL zu einem Bild als Suchanfrage bestücken kann, ausprobiert. Und zwar mit meinem Twitterprofilbild. Ich wollte schauen, wie weit da die Gesichtserkennung andere Bilder von mir findet, aber unter “optisch ähnliche bilder” warteten andere Überraschungen: Nämlich der ein oder andere Blowjob.

Blowjobs, die aussehen wie ich? GEIL! Gerade wollte ich anfangen, ein Meme daraus zu basteln: #blowjobslookalike – du twitterst ein Blowjobbild, von dem Google meint, dass es aussieht wie dein Gesicht. Der Tweet war bereits fertig, inklusive einem Link zum entsprechenden Bild, da überfielen mich Zweifel. Schnell brachte ich noch ein #nsfw an. Aber auch das löste die Hemmung nicht. Also ließ ich es.

Nun bin ich ein freiheitliebender Mensch, besonders was meine Redefreiheit angeht, und es ist ein blödes Gefühl, etwas nicht zu sagen oder zu twittern, um andere nicht damit zu belästigen. Aus diesem Grund habe ich damals eigentlich die “Filtersouveränität” erfunden. Sie ist meine in der Filterfähigkeit des Anderen realisierte, absolute Redefreieheit, und so antwortete ich unlängst auf Formspring auf die Frage, wo “too much information” anfängt folgerichtig mit: dort, wo follow aufhört.

Aber natürlich ist es schwierig, das Filtern. Selbst auf Twitter. Wenn ich jahrelang immer anständigen Kram getwittert habe und auf einmal mit Penisbildern komme, dann hilft kein Filter gegen dieses Ereignis. Der Abonnent muss schließlich wissen, auf was er sich einlässt.

Und da kommt mir wieder die Idee der “Cannels statt Circles” in den Kopf. Wenn ich jetzt einen eigenen Channel für “Not Safe For Work” eröffnete und bediente, würde jeder wissen, was ihn dort erwartet. Die Idee ist jetzt übrigens bereits umgesetzt, auf ne Art. Und zwar in Subjot. Da hab ich ihn einfach mal realisiert, meinen #nsfw-Channel.

So ist das nämlich. Es braucht nur feiner granulierte Filterung auf Twitter. Überhaupt, sollte man alles ganz genau einstellen können, damit sich die Filtersouveränität des Anderen um so speziefischer entfalten kann. Und zwar als Channel, als abonnierbaren Content, nicht als Privacyeinstelltung des Senders. Sonst passiert das hier:

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PS: Ich wünsche Subjot gutes Gelingen und ein schöneres Interface!

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