Twitkrit

Ein Phänomen

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Unser heutiger Gastautor Ennomane ist ein langjähriger, unglaublich guter Blogger, der aber erst durch Twitter nach langer Auszeit wieder zu seinen Worten fand. Nach allerlei Herumprobierei bloggt er zunehmend erfolgreich auf ennomane.de, einer Sitzgelegheit für Couchpotentials. Natürlich ist auch sein Twitteraccount @ennomane jederzeit follownswert, nicht nur wegen des Katzenkontents.
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Eine kleine Recherche fördert es an den Tag: Katzencontent ist ein Thema, das bei Twitkrit bisher sträflich vernachlässigt wurde. Sträflich weil – seien wir ehrlich – der Siegeszug des Web 2.0 untrennbar mit damit verwoben ist. Wo wäre z.B. Twitter heute ohne Twitpics von Samtpfoten? Als ich hier meine ersten Gehversuche machte, war es der Katzencontent, der mir massiv Follower bescherte. Kein Katzentweet (egal in welcher Sprache) ohne neue, oft wildfremde Follower aus Übersee. Kein Twitpic ohne Replies, in denen laut HOW CUTE! MARVELOUS! gerufen geschrieben wird. Wellen kommen und gehen, mal twittern wir wie bei Muttern, mal schreien wir #Zensursula! Allein das Interesse am Katzencontent scheint kaum Schwankungen unterworfen zu sein.

Über die Ursachen dieses Phänomens haben sich schon größere Geister den Kopf zerbrochen. Natürlich sind Katzen süße Fellknäuel, aber daran kann es nicht liegen, oder hat es jemand geschafft, mit Hamstern, Zwergkaninchen oder Laufenten 500.000 Follower zu gewinnen? Natürlich sind Katzen das Standard-Informatiker-Haustier überhaupt, aber auf Twitter tummeln sich längst nicht nur Nerds. Ist es die zuweilen köstliche Ironie der LOLcat-Bildchen? Auch nicht, denn der größte Teil des Katzencontent kommt ohne sarkastische Taglines aus. Vielleicht liegt es daran, dass Katzen liebenswerte Individualisten sind – genau wie die meisten Twitterer.

Leider kann ich keine neuen Antworten geben. Ich weiß es einfach nicht. Was ich aber weiß: Warum Hundecontent niemals ein vergleichbares Potenzial haben wird.

twitkrithuendin
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Die kürzeste Erzählung ever.

Die wunderbare, kaffeetrinkende und literaturtheoriebesessene Miss Sophie lieferte und einen Gastbeitrag, der ein altes Subgenre der Twitkrit aufgreift und doch radikal neu interpretiert. Endlich wieder statt Tweetkritiken eine Twittererkritik. Und dann noch eine, die die Texte des Autors links liegenlässt (beinahe), und sich nur seinem Namen widmet. Grundlagensemiotik at it’s very best!
(P.S.: Ihr dürft auch Gastbeiträge einschicken! Einfach an kritiker bei twitkrit und dann ein Punkt und de mailen. Was gefällt, von guten Freunden ist oder genug Penunzen im Anhang hat, mag der Beginn einer wunderbaren Twitkritkarriere sein.)

*schlürf* … Sekunde, bitte. Bin gleich soweit. … *runterschluck*
So, jetzt. Ich musste mir diesen Twitternamen schnell noch wortwörtlich auf der Zunge zergehen lassen: @5Kaffeespaeter
Als gestandenem Koffeinjunkie und gleichzeitiger Literaturwissenschaftlerin bereitet mir der Name sowohl gustorischen als auch intellektuellen Hochgenuss.

„Wat? Wat willse denn jetze? Intellektueller Hochjenuss? Wat is an dieser schwarzen Plörre denn bitte intellektuell?“ „Jahaa, uffjepasst und druff jelauscht!“

@5Kaffeespaeter ist nämlich ein heißer Kandidat für die kürzeste Erzählung ever.

Was macht eine Erzählung zu einer Erzählung? Irgendwer macht irgendwas und da quatscht einer drüber? Den Typen in der Geschichte passiert was und dann ist nachher alles anders als vorher? Ja, so in etwa.
Da ist also dieser Irgendwer und da ist irgendwas mit diesen 5 Kaffee. Aber was war vorher? Und was kommt jetzt? Und sowieso und überhaupt: Was ist dazwischen passiert? Oder auch nicht passiert, denn wenn jemand ganze 5 Tassen Kaffee trinken muss, dann ist da was – ihr ahnt es – da ist was im Argen.

Das verschleierte Hirn, dessen Vorhang heute unter keinen Umständen mit den üblichen 3 Kaffee zum Öffnen bewegt werden kann. Vielleicht auch das Design, das heute Nacht noch fertig werden muss. Das Treffen mit der Freundin, die einem die Trennung von der ach so großen Liebe offenbart. Oder doch ein ganz normaler Arbeitstag, klassisch from 9 to 5. Was soll man in seinem Büro schon machen außer Kaffee Kaffee Kaffee … Und was war vorher?
Durchzechte Nacht. Die Arbeit mal wieder bis auf den letzten Drücker vorgeschoben. Statt dem Kundenauftrag das nächste große Ding programmiert … Und danach?
Schlafen. Nach 5 Kaffee ist das wohl nur bei koffeinresistenten Zeitgenossen oder eben Junkies wahrscheinlich.
Wie ein Flummi durch die Gegend hopsen. Schon eher. Des Nächtens wach im Bett liegen und über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit sinnieren …

Da steckt ne ganze Menge drin, in dieser Erzählung „5kaffeespaeter“. Da kann man als Leser schon genüsslich seine Gedanken schweifen lassen. Vielleicht ist da ja auch gar nichts im Argen. Nein, kein Drama, keine Hektik, keine großen Gefühle. Bei mir zum Beispiel…

coffee
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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 10: @mcwinkel in Bild und Ton

Den krönenden Abschluss unserer Jubiläumsgasttwitkritwochen bereitet uns @mcwinkel. Normalerweise beglückt uns der wohl bekannteste Blogger der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt mit dem geschriebenen Wort auf whudat.de, heute allerdings präsentiert er uns in mehr als 140 Sekunden, aber dann doch deutlich weniger als 140 Minuten, seine Lieblingstweets in Bild und Ton. Wir freuen uns darüber und sagen artig: Danke! 

 
Direktgasttwitkritwinkel

Und hier noch die Links zu den besprochenen Tweets:

[Lachsöl]
[Yoga]
[Vergesslichkeit]
[H-Ausfall]
[Ice Cube]
[John Lennon] 

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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 9: @baranek über Modern Leasing

Die vorletzte JGT zu unserem langen Geburtstagsfest stammt von unserem fleißigsten Gastkritiker @baranek, dem wir an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die stete Begleitung und Unterstützung entgegen rufen!

Was kann man heutzutage nicht alles mieten! Oder mietkaufen oder leihen oder leasen (sprich: liesen)? Autos, Möbel, Apparate, ja, ganze Wasserwerke und Krankenhäuser, von Fußballstadien und Großraumfliegern ganz zu schweigen. Großes Geld ausgeben? Pah! Nix da! Jeden Tag ein bisschen löhnen, das tut weniger weh. Obwohl es natürlich mehr kostet, ganz am Schluss. Aber wer rechnet sich das schon schlecht, wenn es auch schön geht? Niemand. Eben.

Kürzlich konnten wir diese Nachricht von @tineroyal lesen, die uns ein neues Universum eröffnet: Twitterer leasen.

modern leasing
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Ist doch nett: man weiß nichts mit sich anzufangen und leiht sich mal so einen Tweetschreiberling. Der macht einem dann die Timeline voll und gut ist. Soll erfüllt, viel kommuniziert, Spaß gehabt für lau. Aber halt! Wer ist @jfschlinck? Tja, Leute, Pech gehabt, das ist nämlich ein Hosenscheißer, ein Würmchen, ein Milchsauger, wie er im Buche steht. Aber schon twittern! Macht wohl seine Bezugsperson für ihn, eben @tineroyal (frau/mama/single). Die weilte, als sie dieses Leasingangebot twitterte, gerade auf dem MCDD09 (manchmal wissen wir auch nicht mehr, was die Camp-Hashtags bedeuten: Mamacamp Dresden 2009?). Und wollte wohl mal ihre Ruhe haben. So mag der Plan entstanden sein, den Wonneproppen für einen kleinen Spaziergang in der frischen Luft abzugeben.

Wir meinen: klasse! Zwanzig Minuten Papa/Mama-spielen, mal so richtige Erwachsenenweltluft schnuppern, Verantwortung für echtes Leben übernehmen. Schult. Gibt good vibes. Macht einen schlanken Fuß (würde @nico sagen). Und für die Herren: Babys machen Männer extrem attraktiv für die Damenwelt! Der beste Leasingvertrag also, der uns bisher untergekommen ist.

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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 8: @happyschnitzel über den Weg aus der misanthropischen Tagesstätte

Heute beglückt uns @happyschnitzel mit einem Gastbeitrag. Sie macht selbst TV-Ereignisse wie #dsds erträglich. Kein Wunder also, dass sich ihr Aufstieg in den „Twittercharts der Herzen“ rasant entwickelt hat. In mehr als 140 Zeichen schreibt die glückliche zum braten bestimmte, dünne Fleischscheibe nicht nur regelmäßig in ihr eigenes Weblog, sondern weist uns auch heute an dieser Stelle den Weg aus der misanthropischen Tagesstätte.
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Es gibt diese Momente in meinem Twitterstream, in denen mir beim Lesen nach Weglaufen zumute ist. Manchmal langweile ich mich, wenn ich aus eurem Leben lese. Man kann ja auch nicht jeden nach einem schlechten Tweet sofort unfollowen, so geht das nicht, also müssen wir da zusammen durch. Und dann gibt es diese Tweets, die mich schallend laut lachen lassen, vorzugsweise an Orten, an denen man zum Lachen eher in den Keller gehen würde. Es sind meistens die kleinen und feinen Beobachtungen des Alltags, die mich fast vom Stuhl reißen. Die Erkenntnis irgendwo zwischen „Kenn ich.“ oder „Da wäre ich gerne dabei gewesen.“ Twitter scheint an manchen Tagen eine Tagesstätte für Misanthropen zu sein, hier kommen wir her, um unter uns zu sein, und mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, ohne sie direkt zu beleidigen.

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Hier kommen die unterschiedlichsten Phänomene zum Vorschein: Die visuell-ästhetische Vergewaltigung, die einen auf öffentlichen Bürgersteigen der Bundesrepublik jederzeit erwischen kann. Oder wenn man erkennt, dass sogar die abstoßendsten Randgruppen mit kleinen, hässlichen Hunden spazieren geht, nimmt ihnen das jegliches Potenzial als gesellschaftliche Gefahr. Gerne gesehen auch die Momente, an denen der Typ an der roten Ampel neben uns mit dem Gas spielt, und sich eine Mischung aus Wagen- und Penisneid in uns breit macht. Selbst, wenn wir selbst gar keinen Penis haben. Und als letzter Schreckensfaktor – der Deutschen liebster Feind, der Nachbar. Er bedroht uns durch Bohrmaschineneinsätze, wenn wir mal frei haben; er hört nachts laute Musik, wenn wir schlafen wollen; er sonnt sich mit seinem failwhaleartigen Speckwanst im Garten, wenn wir ungestört auf dem Balkon stehen wollen.

Mit der zahlenmäßigen Häufung solcher Alltagsbeobachtungstweets scheint es, dass wir aus der misanthropischen Tagesstätte unseren Weg gefunden haben, die Schrecken der Straße zu verarbeiten. Dann sehen wir unseren eigenen dicken Nazinachbarn in einer Netzstrumpfhose, und anstatt uns hemmungslos davon irritieren zu lassen, sind wir durch unsere Verbündetentweets abgehärtet. Das einzige Problem ist dann nur noch, wie wir diese horrende Abscheulichkeit geschmeidig in 140 Zeichen unterbringen, ohne dabei etwas Wesentliches auszulassen.

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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 7: @saschalobo macht übern teich

Unser heutiger Gastautor ist Sascha Lobo. Sascha Lobo ist quasi Blogger auf dem zweiten Bildungsweg. Er kommt eigentlich aus der Werbung und versucht sich gerade ein wenig im digitalen Leben einzufinden. Der ein oder andere hat vielleicht schon seine Versuche auf Twitter wahrgenommen. Er glaubt aber weiterhin an die „enormen Möglichkeiten“ die Papier und Frisuren angeblich bieten würden und so schreibt er noch heute irokesenbeschnitten beumschlagte Langtweets auf Papier. Sein Jubiläumstext hingegen blickt sehnsüchtig ins Weite.

Tribute to favrd

Es ist ein vermintes Terrain, über die Überlegenheiten einer Kultur über eine andere zu schreiben. Aber – es ist an dieser Stelle notwendig. Zu allem Überfluss handelt es sich auch noch um ein Lamento, das zu einem Allgemeinplatz der Postintellektuellen Webaffinen geworden ist, nämlich um die gleichzeitig begeisternde und beängstigende Überlegenheit der englischen Sprache gegenüber der deutschen, was Humor angeht. Der (ungelenke) Versuch einer Erklärung: durch die Kürze und Präzision im Englischen kann soetwas wie Fallhöhe viel leichter entstehen – die häufig vorhandene Länge und Kompliziertheit im Deutschen verwandelt die Fallhöhe von einem Abgrund in einen sanften Abhang.

Soweit, so bekannt, so unoriginell als Kritik und wenn man regelmässig Jon Stewart oder Stephen Colbert ansieht, wenn man Sarah Silverman betrachtet oder Dmetri Martin, dann ahnt man, dass 1.000 Harald Schmidts mit 10.000 Autoren an 100.000 Schreibmaschinen vermutlich nie diesen Witz und die Gagenergie erreichen werden können. Bullys Gags müssten man in den USA erst zweimal umschreiben, bevor man sie wegwerfen könnte.

Diese Kritik gilt aber nicht nur der Medienelite, sondern uns allen, uns deutschsprachigen Twitteren. Wir sind alle schlecht. Jedenfalls zu schlecht. Es gibt eine Seite, die nennt sich favrd.textism.com. Dort werden die meistgefavten und damit besten Tweets gesammelt, jeden Tag. Wenn man ein Datum selbst in der Adresszeile einträgt, kann man durch die Monate wandern und erhält etwa seit letztem August die Twitterbeiträge, die von den anderen Nutzern am häufigsten per Klick mit einem Sternchen ausgezeichnet wurden. Dort finden sich jeden einzelnen Tag mindestens 30 Aphorismen, Witze, Nanoweisheiten, Sprüche, aufgeschrieben von den besten Twitterern der Welt. Ganz normale Menschen, wenn man ihnen in die Timeline schaut, mit kleinen Kindern, arbeitend in Agenturen, normale Probleme mit ihren Lebenspartnern habend, produkteshoppend durch die moderne Welt taumelnd.

Eine Szene hat sich herausgebildet, denn beinahe jeden Tag sind es die selben Menschen, die siebzig, achtzig, einhundert Favs bekommen: @fireland, @hotdogsladies, @CcSteff, @badbanana, @bcompton, @zolora, @cleversimon, @adamisacson, @tehawesome, @sween. Sween! Ich bete sie alle an; es ist, als bekäme man jeden Tag eine Portion zeitgenössischen Loriot serviert, mit ähnlich gesellschaftsanalytischer, entlarvender, aber nicht belehrender Komik. Die dazu auch noch witzig ist wie nichts anderes! Kein Zufall, dass man bei der Suche nach deutschsprachigem Vergleichsgut nicht nur keinen Twitterer, sondern einen Komiker bemühen muss, der sein Großwerk vor über 30 Jahren geschaffen hat. Kein Zufall, weil hier ganz offenbar die deutsche Sprache der englischen unterlegen ist wie Harald Schmidt Jon Stewart, wenn man nicht annehmen möchte, dass Deutschsprachigkeit generell bescheuert macht.

Und um diese Unterlegenheit zu illustrieren, habe ich einen vollkommenen, geradezu monolithisch für sich stehenden und damit gar nicht twitkritisierbaren Tweet von adamisacson herausgesucht; einen der witzigsten, die ich je gelesen habe, wenn nicht der witzigste – besonders im Kontext, denn geschrieben wurde er am Tag, als der Kongress beschloss, ein Stimuluspaket von 787 Mrd. Dollar auszuschütten.

saschatwitkrit
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