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#S21

Twitter kann viel sein. Ein Nachrichtenkanal, eine Dialogmaschine, ein Unterhaltungsmedium. Kommt darauf an, was man daraus macht.

Twitter kann aber auch ein Podium sein, ein riesiger Runder Tisch, um ein Problem zu diskutieren, eine politische Entscheidung zu begleiten, einen Prozess abzubilden. Das geschieht gerade IMHO zum ersten Mal in beispielhafter Art und Weise bei #S21.
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Du sollst dir ein Bildchen machen

Der Avatar, das Profilbild zum Twitteraccount – es gibt kaum ein Thema in Twitterland, das nicht insgeheim für wichtiger gehalten und dennoch so gut wie nie thematisiert wird. Ganz heikles Ding, wie wir uns an dieser empfindlichen Stelle der Öffentlichkeit präsentieren, denn Bilder sind noch weniger steuerbar als Worte, in Bezug auf die Bedeutung und die Interpretationsmöglichkeiten des zumeist hyperkritischen Publikums. Da kommen Kriterien wie “hübsch” und “hässlich” ins Spiel. Wer will schon hässlich sein?

Unternehmen und Leute wie Spreeblick machen es sich einfach, die greifen zu ihrer Logo, Bild- oder Wortmarke. Fall erledigt. Klar, SM-Experten raten natürlich ab – “Echte Menschen sind essentiell bei der dialogorientierten Kommunikation!” – aber Scheiß drauf.

Andere Twitteros verwenden irgendso’n Quatsch als Bildchen, Comicsachen sind beliebt, Schafe, Kinderfotos oder ach, keine Ahnung, alles halt, was sie für witzig, bedeutsam oder auch furchterregnd halten. Die Mehrheit greift auf ein Selbstbild zurück oder Teile davon, was in Ordnung ist. Einfach in die Kamera lächeln, fertig.

Wie heikel das ganze Thema genommen wird, zeigt der Umstand, dass es eine ganze Menge sehr nervöser Twitterleutchen gibt, die ihr Bildchen andauernd wechseln. Mich persönlich nervt das. Ich blick dann auf den ersten Blick nicht mehr durch, wer wer ist im Tweetstrom. Andere haben ihr Bildchen zur Ikone gemacht, auch daran basteln sie ständig rum, als ironisches Zitat ihrer selbst. Das ist schwer verwurbelt, intellektuös. Dann gibts da noch die “Twibbon”-Seuche, also diese Bekenntnisschleifchen für die schlimmeschlimme Sau, die grad durchs Twitterdorf geprügelt wird. Ja, ist okay, muss ich aber nicht haben.

Mitschreiben —> Macht doch, was ihr wollt!

Sympathisch sind mir in diesem Zusammenhang Tweets, wie dieser hier von dem auch ansonsten amüsanten, rotzfrechen, aber nicht zu anstrengendem Account von @steaklight.

steaklight

Genau so ist es doch. Man kann es eh nicht allen recht machen. Mach dein Ding so gut, wie’s geht, du wirst schon Fans kriegen. Die, die es Scheiße finden, sollen sich verpissen. Pff.

Und die netten Piepels, die machen dann auch noch mehr mit deinem Avatar. Mitteleuropäisches Voodoo-Zeug zum Beispiel.

euphoriefetzen

Von mir aus.

The Politics of Twitter

Rückblick: vor 25 Jahren wäre es fast soweit gewesen. Ostblock und Westblock nestelten am roten Knopf, waren nur ein paar Millimeter davon entfernt, sich gegenseitig die Hucke voll zu nuken. Apocalypse now, Milliardentote, nuclear desert storm. Ja, genau, ihr Jungspunde, Atomkrieg mit tausenden von Wegsprengköpfen. Hatten die USA und die UdSSR in ihren Kellern gebunkert. Oder in Bunkern gekellert. Egal, auf jeden Fall: Wahnsinn! Nannte man Kalter Krieg, damals.

Vorbei, Geschichte.

Jetzt hat man sich fast lieb. Die UdSSR heißt Russland. Das Böse ist abgewandert in Koranschulen und Trainingscamps in der pakistanisch-afghanischen Pampa. Es trägt inzwischen einen langen Bart und wird mit Drohnen abgeballert. Die Raketen rosten.

Dieser doch welthistorische Sinneswandel findet auch auf Twitter statt. Als Beispiel schauen wir uns diesen Tweet von US-Präsident BarackObama genauer an.

Obama


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Und die Voodoozeela spielt dazu

Es ist WM-Zeit. Sport, Spiel, Spannung. Fussi-Wahnsinn auch in Twitterland. Timelines, vollgestopft mit #worldcup-Tweets wie die Fankurve beim Pokalendspiel. Wie in jedem Stadion trifft man bei Twitter die unterschiedlichsten Verrückten. Philosophierende Ästheten, die ein Spiel des Lebens sehen, den Kick als Metapher für die Welt an sich. Pöbelnde Hools, die den Inselaffen (#eng) die Packung wünschen. Leder-Experten, die bei Steilflanken in die Tiefe des Raums in die Knie gehen.

Und die Voodoozeela spielt dazu.

Die WM ist aber auch Strafraum der Erinnerungen. Das liegt daran, dass es sich dabei um ein Gemeinschaftserlebnis voller Erregungen handelt hat, um eine Spielfläche der Identifikation. Papa macht noch ein Bier auf, schreit auf, sogar Mama und die Oma fiebern mit. Obwohl die sich für das Gekicke sonst null interessieren. Daran erinnern wir uns noch lange. Vor allem bei der nächsten WM. Muss irgendwie so eine Art Trauma sein.

In solchen Situationen entstehen Helden. Fußballgötter. Diese Übermenschen berühren Dinge, die sofort heilig werden. Es entstehen anbetungswürdige Devotionalien.

All diese ganzen Stimmungen, die uns in den vier WM-Wochen überfallen, diese Mischung aus ungeschlachten Emotionen und Sentimentalitäten hat HilliKnixibix in einem einzigen Tweet zum Ausdruck gebracht.

Ich werde den hier nicht weiter kommentieren. Lasst ihn einfach auf euch wirken.

Hilliknixbix

Nachrichten von der hässlichen Seite der Welt

Fans, will jemand sowas wirklich haben? War es nicht letztlich doch eine weise Entscheidung von Facebook, dieses Wort aus dem internen Sprachgebrauch zu streichen? Ich meine Ja. Wir erinnern uns: Fan kommt von “Fanatiker”, was der Duden als “blinder, rücksichtsloser Eiferer” definiert. Nach diesem Tweet heute hier darf man dem sehrsehr unbedingt zustimmen.

Bieber-Fan 2

Was ist passiert? Wir erinnern uns: Justin Bieber (JB) ist ein Teenager, ein 17-jähriger Kanadier, der mit einem dünnen Stimmchen ausgestattet ist und Popmusik vorträgt, die an Seichtigkeit kaum zu übertreffen ist. Gut, er hat Erfolg, seine Veröffentlichungen stürmen die Charts. Popdreck bleibt das trotzdem. Mit eben diesen beschmeißen die Fanatiker, die Bieber-Eiferer, den Sender Pro7 und zwar wegen diesen Beitrags im Boulevardmagazin TAFF.

Harmloser, leicht ironischer Beitrag. Aber Achtung, Bieber hat Fans. Die fallen jetzt gerade massenweise über den Sender her. Zum Beispiel mit sowas.

Bieber-Fan 1

Noch Fragen? Der Mob ist los. Fans? Ich will keine haben.

Sie sollen zur Hölle fahren mit ihrem scheißhektischem Ding

Das Leben – ein einziges großes Abenteuer! Unerwartete Wendungen, die wir nicht eingeplant, Vorgänge, die wir nicht auf dem Zettel hatten. Die Kaffeedose ist doch leer, die Milch ist abgekackt, das Messer rutscht ins Fleisch ab oder ein DENIC-Route-Server fällt aus. Irgendwas ist halt verdammt immer.

Oft wird behauptet, diese Wendungen des Alltags sind das Salz in der Lebenssuppe, aber ist dem wirklich so? Suchen wir das Abenteuer wirklich? Ist die Überhöhung ungewisser Umstände nicht vielmehr das Fügen in die Schicksalhaftigkeit der Geschehnisse? Geht nicht vielmehr von den Routinen, dem immer Gleichen, eine beruhigende, labsalende Wirkung aus? Denn wir haben es uns irgendwie nett eingerichtet in dieser Welt, ein Plätzchen erobert, und wenn wir da herausfallen, dann tut das manchmal ganz schön weh. Wie geprügelte Kinder ziehen wir uns daher gerne auf das Altbekannte zurück. Auch wenn uns das manchmal etwas langweilig erscheint.

Twitter trägt trotz aller gehetzt wirkenden Nachrichtenhuberei offenbar einen gehörigen Teil dazu bei, wie Luisante festgestellt hat.

Luisante

Dazu muss man wissen, dass der Herr Wimbauer ein Verleger, Publizist und vor allem Versandantiquar ist, der uns tagtäglich über seinen Lebenslauf informiert. Der ist nicht geprägt von Sensationen, Skurrilitäten und extremen Vorfällen. Vielmehr von immer wiederkehrenden Alltagstätigkeiten. Da werden Bestellungen abgearbeitet, Bücher verpackt, dem Mahnwesen gehuldigt. Abends gibt es selbstgefertigtes Vegetarieressen – “100 % Bio wie immer” – und um Punkt 22 Uhr den schon fast sprichwörtlichen “Wein-nach-ten”.

Nun ist ja einer der Hauptvorwürfe gegen Twitter, dass all die veröffentlichten Kurznachrichten mit alltäglichen Vorgängen unbekannter Menschen unsinnig sind, nicht relevant, vielmehr total banal, was mit Absicht nach “total Banane” klingt. Das ist natürlich nicht ganz falsch, was die Inhalte an sich betrifft, gleichwohl Unfug, wie Luisante zu Recht nachgewiesen hat.

Das gleichmäßige Pulsieren unserer Timeline wird zu einem Stück Alltagsrhythmus. Alles ist gut, wenn es ist wie immer. Wenn es lauter wird, hektisch, chaotisch, dann wissen wir gleich: irgendwas ist passiert da draußen. Meistens nicht sehr angenehm. Deshalb brauchen wir diese Alltäglichkeiten, um ein bisschen Halt zu finden in diesem scheißhektischen Ding, das sie Welt nennen. Oder moderne Zeiten. Sie sollen zur Hölle fahren.


Die Twitterse

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