Wir haben in der Vergangenheit – und nicht nur in dieser Woche ;-) – schon häufig aufgezeigt, was auf Twitter alles möglich ist und warum Menschen twittern. Die heutige Twitkrit setzt diese Reihe anhand zweier Tweets fort, von denen zunächst nur einer die Bedingung zu erfüllen scheint, Aufschluss über die Motivation für’s Twittern zu geben:

Twitter-Beobachter @Schrngg liefert mit der Gegenüberstellung von Microblogging vorm Monitor und Alltags-Kontemplation am Fenster einen sehr treffenden Vergleich:

schrngg

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Die kleine grammatikalische Schwäche möge man dem Autor nachsehen. Auch das gehört zu Twitter: beim Kasus mal daneben hauen. Sprachliebhabern wird manchmal etwas Toleranz abverlangt. Und jene, die darüber nicht verfügen, liegen dann halt kopfschüttelnd am virtuellen Fensterbrett und stöhnen ein «Tsssz – das muss doch ‘von gegenüber’ heißen!» in ihre Timeline.

Der zweite Tweet zeigt nur vordergründig eine Motivation zum Twittern auf. @jkuri teilt uns darin mit, was er gerade liest:

jkuri

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Doch in dem verlinkten Hemingway’schen Text liegt eine zweite und dritte Motivation versteckt, warum manche von uns twittern. In «Paris – Ein Fest fürs Leben» (aus dem Englischen übersetzt von Werner Schmitz) schrieb Hemingway:

Du brauchst nur einen einzigen wahren Satz zu schreiben. Schreib den wahrsten Satz, den du kennst.

Das kann man auch wunderbar auf Twitter übertragen und ich denke, bei so manchem liegt auch hierin eine Motivation:

Du brauchst nur einen einzigen wahren Tweet zu schreiben. Schreib den wahrsten Tweet, den du kennst.

Wem das zu übertrieben scheint, oder wer diese Motivation auf keinen Fall persönlich teilt, der mag sich in den Zeilen vor diesem Zitat wieder erkennen:

Es war wunderbar die vielen Treppen in dem Bewusstsein hinunterzusteigen, dass ich mit der Arbeit gut vorangekommen war. Ich arbeitete immer, bis ich etwas geschafft hatte, und hörte immer auf, wenn ich wusste, wie es weitergehen würde. Auf diese Weise konnte ich sicher sein, am nächsten Tag weiterzukommen. Aber manchmal, wenn ich eine neue Geschichte anfing und nicht in Schwung kam, saß ich vor dem Kamin und quetschte die Schalen der kleinen Orangen über der Flamme aus und sah ihrem blauen Funkenstieben zu. Oder ich stand auf und schaute über die Dächer von Paris und dachte…

Da haben wir es: auch Hemingway betrieb astreine Prokrastination: Übertragen auf heute: Twittern und arbeiten. Weiter twittern, irgendwann wieder weiter arbeiten. Und aus dem Fenster schauen. Und irgendwann schreiben wir den wahrsten Tweet, den wir kennen.

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Matthias

Die wahrsten Tweets sind die langweiligsten. Zum Beispiel: “Ich gehe jetzt essen.”

Gepostet von Matthias am 11. November 2011 um 14:54.
Addliss

Danke für diese Betrachtung, so habe ich das noch nie gesehen. Aber die Verbindung von Hemingway und Twitter passt absolut!

@Matthias: Es gibt jedoch auch Tweets, die sehr wahr sind, aber verborgene Wahrheiten aussprechen und nicht Redundanzen, wie in deinem Beispiel.

Gepostet von Addliss am 29. November 2011 um 17:55.