Der Identitätsreichtum des @hoch21
Wenn man gefragt wird, was man so beruflich tut, geht es meist darum, den anderen einzuschätzen. Welche Branche, welche Position, welche Themen. Die Berufswelt hat unseren Alltag und den unserer Mitmenschen so sehr strukturiert, dass alle anderen Merkmale neben dem Job nur als identitäre Restbestände ohne jede Aussagekraft problemlos wegignoriert werden. Klar, wenn man 9 bis 12 Stunden in seinem Beurf aktiv ist, interessiert es nur noch nebenher, ob man eigentlich ein leidenschaftlicher Hobbyornithologe wäre, welche Lieblingssendung im Fernsehen man regelmäßig verpasst, welche Freunde man vernachlässigt und welche Bücher man gerne lesen würde, wenn man abends nicht so müde wäre.
Du bist dein Job. So wird das gesehen.
Wie anders ist das Selbstbild aber, wenn man – aus welchen Gründen auch immer- Zeit hat und einen Kanal sich auszudrücken. Wenn man anfängt – so ganz nebenbei – über Dinge zu schreiben. Sein Leben, seine Gedanken, seinen Alltag.
Wir Internetmenschen haben das Netz als Möglichkeitsraum der Identitätsentwicklung entdeckt. Es gibt eben mehr Möglichkeiten als “Verkaufsleiter bei einem Großfachhandel” oder “Human Resources bei einem IT-Dienstleister” zu sein. So viele, dass man sie nicht einmal in einen Titel oder gar in einem Satz zusammenfassen kann.
Deswegen gibt es Timelines. Heute ist man dies, morgen das. Eine Stunde später schon was ganz anderes. Das Netz gibt uns die Möglichkeit uns ständig durch uns selbst, in unserer ganzen Komplexität und identitären Bandbreite zu formulieren. Ständig, täglich, immer auf’s neue. Dabei formuliert man sich aber nicht nur, sondern erschafft sich, wie es im Berufsumfeld ja gar nicht möglich wäre. Im Internet ist der identitäre Möglichkeitsraum nicht mehr in erster Linie durch Einkommen beschränkt (Statussymbole, Weltreisen, etc), sondern durch die eigenen Fähigkeiten – und die Zeit – sich jeden Tag neu zu erschaffen.
Jemand, der genau das wie kein anderer versteht, ist @hoch21. Auch wenn er selber – nicht zu unrecht – fürchtet, dass die Gesellschaft noch nicht so weit ist, das angemessen zu würdigen:

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Das sagen die Anderen:
Was ich an diesem Internetdings so interessant finde, dass man die Ichheit so sehr zentriert. Es ist quasi eine Perversion der Individualität: Du findest kaum Follower, wenn du nicht besondere Merkmale aufweist.
Allerdings dreht sich die Perversion der Individualität an ihrem Ende wieder in ein soziales “Wir” (das allerdings immer noch aus “vereinzelten Ichs” aufgebaut ist), das genauso mit einer Stimme sprechen kann. Sehr interessant, rein philosophisch jetzt mal.
Ich finde übrigens, dass man sich auch im Beruf ständig neu erfinden kann. Aber natürlich sicherlich nicht in dem Maße, wie es im Internet möglich ist, da stimme ich zu.
Gepostet von Addliss am 12. Mai 2011 um 19:57.Naja, sei doch mal ehrlich: Das “… Zeit hat – aus welchen Gründen auch immer -” macht im Umkehrschluss klar, warum so ein großer Anteil unserer Mitmenschen eben gezwungen ist, sich “for an Oil Refinery(Food) as Automation Engineer” zu verdingen, wie ich gestern bestürzt von einem ehemaligen Kompositionsstudenten lesen musste.
Gepostet von melchior blausand am 30. Mai 2011 um 16:06.Du selbst beweist es, indem Du versuchst uns vorzugaukeln (habe gerade zu ersten Mal ein Komma vor erweitertem Infinitiv weggelassen #neueRechtschreibung #aversion #heilbar), Einkommen und (freie) Zeit seien nicht linear abhängige Variablen:
“Im Internet ist der identitäre Möglichkeitsraum nicht mehr in erster Linie durch Einkommen beschränkt …, sondern durch … die Zeit …”