Sie sollen zur Hölle fahren mit ihrem scheißhektischem Ding
Das Leben – ein einziges großes Abenteuer! Unerwartete Wendungen, die wir nicht eingeplant, Vorgänge, die wir nicht auf dem Zettel hatten. Die Kaffeedose ist doch leer, die Milch ist abgekackt, das Messer rutscht ins Fleisch ab oder ein DENIC-Route-Server fällt aus. Irgendwas ist halt verdammt immer.
Oft wird behauptet, diese Wendungen des Alltags sind das Salz in der Lebenssuppe, aber ist dem wirklich so? Suchen wir das Abenteuer wirklich? Ist die Überhöhung ungewisser Umstände nicht vielmehr das Fügen in die Schicksalhaftigkeit der Geschehnisse? Geht nicht vielmehr von den Routinen, dem immer Gleichen, eine beruhigende, labsalende Wirkung aus? Denn wir haben es uns irgendwie nett eingerichtet in dieser Welt, ein Plätzchen erobert, und wenn wir da herausfallen, dann tut das manchmal ganz schön weh. Wie geprügelte Kinder ziehen wir uns daher gerne auf das Altbekannte zurück. Auch wenn uns das manchmal etwas langweilig erscheint.
Twitter trägt trotz aller gehetzt wirkenden Nachrichtenhuberei offenbar einen gehörigen Teil dazu bei, wie Luisante festgestellt hat.
Dazu muss man wissen, dass der Herr Wimbauer ein Verleger, Publizist und vor allem Versandantiquar ist, der uns tagtäglich über seinen Lebenslauf informiert. Der ist nicht geprägt von Sensationen, Skurrilitäten und extremen Vorfällen. Vielmehr von immer wiederkehrenden Alltagstätigkeiten. Da werden Bestellungen abgearbeitet, Bücher verpackt, dem Mahnwesen gehuldigt. Abends gibt es selbstgefertigtes Vegetarieressen – “100 % Bio wie immer” – und um Punkt 22 Uhr den schon fast sprichwörtlichen “Wein-nach-ten”.
Nun ist ja einer der Hauptvorwürfe gegen Twitter, dass all die veröffentlichten Kurznachrichten mit alltäglichen Vorgängen unbekannter Menschen unsinnig sind, nicht relevant, vielmehr total banal, was mit Absicht nach “total Banane” klingt. Das ist natürlich nicht ganz falsch, was die Inhalte an sich betrifft, gleichwohl Unfug, wie Luisante zu Recht nachgewiesen hat.
Das gleichmäßige Pulsieren unserer Timeline wird zu einem Stück Alltagsrhythmus. Alles ist gut, wenn es ist wie immer. Wenn es lauter wird, hektisch, chaotisch, dann wissen wir gleich: irgendwas ist passiert da draußen. Meistens nicht sehr angenehm. Deshalb brauchen wir diese Alltäglichkeiten, um ein bisschen Halt zu finden in diesem scheißhektischen Ding, das sie Welt nennen. Oder moderne Zeiten. Sie sollen zur Hölle fahren.

Kommentieren
Das sagen die Anderen:
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dirk Baranek, Markus Trapp, twitkrit, Olaf S., Olaf S. und anderen erwähnt. Olaf S. sagte: RT @twitkrit: Sie sollen zur Hölle fahren mit ihrem scheißhektischem Ding http://bit.ly/c1aK34 [...]
Gepostet von Tweets die Twitkrit » Sie sollen zur Hölle fahren mit ihrem scheißhektischem Ding erwähnt -- Topsy.com am 19. Mai 2010 um 21:28.