Die heutige Twitkrit wirft einen Blick auf das Genre der Mitbewohner-Tweets (MBT). Ein beliebtes Sujet im Strom der Kurzmeldungen, bietet das WG-Zusammenleben doch ein Füllhorn von Textvorlagen und die daraus resultierenden Tweets werden von den Lesern unterschiedlichster Altersgruppen – egal ob WG-erfahren oder nicht – gern gelesen. Wenn sie gut sind.
Hier eine kleine Auswahl von drei guten Mitbewohner-Tweets. Wer tiefer gehende und umfassendere wissenschaftliche Untersuchungen betreiben möchte, werte akribisch 3-6 Monate diese Mitbewohner-Twittersuche (m/w) aus. Alle anderen – gerne natürlich auch die mitlesesende Twitterforschung – freuen sich bitte mit mir auf diese drei Tweets aus dem laufenden Monat März:
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Das wirklich Wahre, Gute und Schöne zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es über die Zeiten beständig bleibt, sich gleichzeitig aber mit der Zeit wandeln kann.
Wer hätte zum Beispiel damals, als der Herr Goethe mit einem Bleistift eine Hüttenwand vollkritzelte, gedacht, dass Graffitti einmal ernstgenommene Kunst werden können?
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Weltfrauentag auf Twitter. Eigentlich eine dieser Sachen, über die ich keinen Satz zu viel verlieren möchte (allein die Tatsache, dass es so einen Tag gibt, und wir so etwas brauchen…) Genderthemen sind ja meine heimliche Leidenschaft, uns verbindet da so eine Hassliebe, die nie zu Ende gehen wird. Trotzdem war es gestern das dominanteste Thema in der Timeline, und am Ende ist das dann doch relevant.
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Oft werde ich ja gefragt:
“Du, Onkel @mspro, Du schreibst ja immer so altkluges Zeugs über Tweets und Internet, aber wir hier auf den Barrikaden, heldenhaft in märtyrerpose kämpfend gegen das System, die politische Ökonomie und den Raubtierkapitalismus, wir kämpfen ja gar nicht für dich, du Lattemacciato-Linker, du bürgerlichste Ausgeburt der Bohème, die sich heute Honig ums Handgelenk schmiert und morgen einen auf Salonrevoluzzer macht! Nein! Wir kämpfen für die Armen und unterdrückten, denen, die nicht auf der schöngeistigen Sonnenseite des Lebens, fröhliche Wortspielereien in die Tastatur ihres Apple Macbooks hacken, sondern wir kämpfen für die, denen es wirklich dreckig geht im Leben und die jeden Tag um ihr kümmerliches Dasein fürchten müssen. Hast Du die etwa vergessen, in deiner verqueren Rechnung, zwischen Aufmerksamkeitsökonomie und esoterischen Exoskeletten?”
“Nein“, antworte ich dann. “Nein, vergessen habe ich die nicht. Ich praktiziere täglich die Übungen des Herrn @Haekelschwein“:

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Sprachübergreifendes findet wenig Anwendung auf Twitkrit. Zu Unrecht eigentlich, denn nirgendwo kann man besser über den sprachlichen Tellerrand der unterschiedlichen Nationen schauen, als in diesem international genutzten Microbloggingdienst. Gelebte Interkulturalität in genuiner Selbstbegrenzung auf 140 Zeichen. Wenn sich diese linguistische Mauerschau dann auch noch metakritisch mit Twitter selbst beschäftigt, ist die vorliegende Rezension geradezu eine Pflichtübung der länderübergreifenden Twitteraturkritik. Genug Geschwurbel, jetzt zur Twitkrit:
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Früher bestimmten die Eltern, was der Junge werden musste, und wen das Mädchen heiratete.
Er malochte dann die Kohle ran, um die Wohnung für sich, die Frau und die sechs Gören und die Kartoffeln, das Bier, samstags die Fußballkarte und sonntags den Braten zu bezahlen. Sie hielt die Wohnung in Schuss, kochte, putzte und ging alle drei Jahre auf Kosten des Müttergenesungswerks ihren Nervenzusammenbruch auskurieren.
Dann merkten die Leute, dass Fremdbestimmung blöd ist und mittlerweile genug Grundwohlstand da ist, um auch mal was auszuprobieren. Stichwort “Selbstverwirklichung”.
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