So ne Phase
Früher bestimmten die Eltern, was der Junge werden musste, und wen das Mädchen heiratete.
Er malochte dann die Kohle ran, um die Wohnung für sich, die Frau und die sechs Gören und die Kartoffeln, das Bier, samstags die Fußballkarte und sonntags den Braten zu bezahlen. Sie hielt die Wohnung in Schuss, kochte, putzte und ging alle drei Jahre auf Kosten des Müttergenesungswerks ihren Nervenzusammenbruch auskurieren.
Dann merkten die Leute, dass Fremdbestimmung blöd ist und mittlerweile genug Grundwohlstand da ist, um auch mal was auszuprobieren. Stichwort “Selbstverwirklichung”.
Meine Eltern machten deshalb einen Tanzkurs. Einmal hatten sie keinen Babysitter und nahmen mich mit und ich musste völlig übermüdet eines Werktags abends anderthalb Handvoll deutschen Kleinbürgerpaaren dabei zuschauen, wie sie in einem dämmrig rot ausgeleuchteten Ballettsaal die Stöcke in ihren Ärschen zu Tangorhythmen bewegten.
Später hieß das Projekt dann “Saunieren”. Dafür wurde extra eine Sauna in den Keller des Eigenheims gebaut. Rechtzeitig, bevor eine Abzahlung des Hauskredits in greifbare Nähe kam, führte die Selbstverwirklichung dann zum Trennungskrieg mit Scheidung.
Aber das ist schon ok. Unsere Elterngeneration übte das Selbstsein ja noch, da konnte noch nicht alles rund laufen.
Wir dagegen sind Selbstverwirklichungsprofis. Wir bekamen das Schlagzeug, auch wenn wir kein halbes Jahr darauf spielten, auch die Gebühren für den Taekwondokurs wurden gern übernommen, obwohl dann doch Basketball cooler war. Während mein Vater nicht auf die Kunsthochschule durfte und was Technisches studieren musste, war es für mich kein Problem, 17 Semester Literatur zu studieren, um irgendwas mit Medien zu machen. Oder doch Theater?
Es gibt so vieles, was unser Selbst wirklich machen könnte, und bevor wir das verpassen, was es letztlich ist, probieren wir besser alles aus, was uns zu besonderen Menschen machen könnte.
Wohl wissend, das bald was anderes kommt.

[Link]
Kommentieren