Unser fleißiger Gastautor @wikipeter sinniert heute für uns über das, was dieses Twitter eigentlich ausmacht. Es folgt: Eine Grundsatzrede.

Eigentlich dürfte ich ja gar nicht über dieses Thema referieren. Ich bin ja noch so jung hier, gerade erst neun Monate „dabei“. Aber:

Immer wieder (und damit meine ich sowohl immer als auch immer wieder aufs Neue) werde ich gefragt, was das denn so auf sich habe mit diesem Twittern. Mit dieser ganzen öffentlichkeitsbezogenen Selbst… ähm… kasteiung. Ich muss gestehen, dass mir dazu auch nach dreivierteljähriger Erfahrung selten eine geeignete Ausrede einfällt. Und also sprach Wikipeter:

Twitterer (Twitteratis) nehmen sich Freiheiten heraus, die im Gesellschaftsmodell des beginnenden 21. Jahrhunderts so nicht vorgegeben sind, als da wären:

Die Anstiftung zu eigenem Urteil. Es gibt so viele Meinungen, Richtungen, politische und emotionale Gewichtungen, dass man sich zwangsläufig nicht einigen kann und so angehalten wird, sich ein eigenes Bild des Geschehens zu machen und dieses auch kundzutun. Dadurch wiederum erfährt man Kritik, mit der umzugehen, wie jeder weiß, nicht allzu leicht ist. Aber – und wir lernen weiter – mit der Kritik „geschätzter Fremder“ (aka Twitterer) kann man leichter umgehen und erfährt auf wundersame Weise eine neue Gabe: Man wird zu Toleranz angestiftet, erzogen, gebildet.

Doch Twitterer erfahren noch mehr. Durch den im alltäglichen Leben eher unwahrscheinlichen Fall, dass sich konträre Ansichten wahrlich friedlich debattieren lassen, bietet Twitter ein Modell der friedlichen Koexistenz unterschiedlichster Ansichten über alle Fragen des Lebens, des Universums und des ganzen Restes dar. Denn einige Eigenschaften scheinen besonders ausgeprägt bei der Masse der Twitten und Twitteratis zu sein, die ich so eher selten in freier Wildbahn erlebte:

Da ist ein gesundes Misstrauen gegenüber politischem Konsens, gerne auch feierlich zelebriert und von „Gegnern“ milde konterkariert. Da ist, und das mehrheitlich, ein äußerst schönes, quasi post-anarchistisches, unfeierliches Verhalten zum Staat, ausgedrückt durch schonungslose Kritik einerseits und bedingungsloses Wertehalten andererseits. Das wiederum impliziert einen weiteren Konsens der Twittergemeinde: ein schier boshaftes Festhalten an der schönen Utopie von der allseits gebildeten und interessierten Persönlichkeit. (Im Gegenzug dazu haben wir das Kreditkartenproletariat, eine Elite von bürgerlich blödgebildeten Miniintellektuellen, die sich nicht mit der Rohkost von “Außenseitern” abspeisen lassen will. Diese nennen wir gern vereinfachend „Bild-Leser“, auch wenn sie auf den Bahnhöfen der Republik mit der „Zeit“ gehen.)

Manch einem geht das zu weit. Erholung! heißt der Plan, und dieser wird in teils unerträglicher Masse öffentlich zelebriert (vgl. twitkrit 07/01/10). Es erfolgt, zumindest teilweise, ein Rückzug ins Privatleben, das nur existiert, weil es zum Bestehen des Öffentlichen beiträgt. Doch das ist wieder eine neue Twitkrit wert.

Und zur Untermauerung meiner Thesen sei hier ein folgerichtiger Tweet angebeispielt:

isso
[Link]


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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Kageetai

Und was ist, laut deinem Text hier, jetzt an Twitter groß anders als an diversen Foren, Chats, etc?
Das was Twitter so einzigartig macht, ist, meiner Ansicht nach, eher die asymmetrische Kommunikation, die vorherrscht und was diese bewirkt.
Was du hier beschreibst, sind doch nur die Auswirkungen…

Gepostet von Kageetai am 14. Januar 2010 um 18:57.
Tweets die Twitkrit » Über Sinn und unter Sinn des Twitterns erwähnt -- Topsy.com

[…] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Markus Trapp, helgethomas, ChristopherFunk, twitkrit, Peter D. und anderen erwähnt. Peter D. sagte: Nochmal: RT @twitkrit: Warum Twitter geil ist. Heute erklärt von @wikipeter: "Twitterer nehmen sich Freiheiten heraus…": http://is.gd/6fL3x […]

Gepostet von Tweets die Twitkrit » Über Sinn und unter Sinn des Twitterns erwähnt -- Topsy.com am 14. Januar 2010 um 23:53.
LeaMaria

@wikipeter:) Was verstehst du bei Twitter unter Toleranz auch in Abgrenzung zu deiner genutzten Möglichkeit,jemanden zu blocken, weil dich seine Themen nerven?

Gepostet von LeaMaria am 16. Januar 2010 um 20:06.