Twitter gibt es jetzt auch auf Deutsch – das war DIE Nachricht der letzten Woche aus unserem beliebten Paralleluniversum. Tatsächlich hatte sich in den vergangenen Monaten eine ganze Horde Freiwilliger daran gemacht, die komplette Benutzeroberfläche ins Deutsche zu übersetzen. Das Ergebnis hat zwar noch einige Ecken und Kanten, kann sich aber soweit sehen lassen. Das Ziel, Twitter für Leute nutzbar zu machen, die sich in der englisch dominierten Websprache nicht auskennen, ist soweit erreicht.

Auf den schnellen Blick fallen allerdings zwei haarsträubende Ungereimtheiten auf, die leider mal wieder vermuten lassen, dass sich mehr IT-Menschen an der Sache beteiligt haben und kaum Texter mit echten Sprach- und Rechtschreibkompetenzen.

He, Leute: „du“, „dich“, „deiner“ – die Anrede in der zweiten Person wird KLEIN geschrieben und NICHT groß. Auch wenn ihr es lieber seht und eine Analogie zur Anrede in der dritten Person – „Sie“ – herstellen wollt: „Du“ ist definitiv falsch.

Ein zweiter Punkt: Ist der Übersetzungsmeute wirklich nichts besseres eingefallen für „Following“, also die Bezeichnung für diejenigen, deren Nachrichten ein Nutzer folgt? „Follower“ ist ja noch akzeptabel, hat sich verbreitet in der Webwelt, aber „Following“? Das sagt doch kein Mensch! Ähnlich ist auch weiter von „Timeline“ die Rede. Nachrichtenstrom? Zeitleiste?

Irgendwie, und das ist jetzt unsere ganz und gar nicht deutschfrömmelnde, sprachpuristische Meinung, sind die Deutschen – vor allem in der Web- und Werbewelt – ganz-ganz feige. Unterhaltsame Sprachkreationen in unserer Vati-/Muttisprache sind verpönt. Wer schlau und weltgewandt wirken will, streut englische Begriffe in die Monologe ein. Dabei, und das sei hier klargestellt, ist es an sich völlig unkritisch, ob Wörter importiert werden. Wenn es woanders ein besseres Wort für einen bestimmten Zustand oder Tätigkeit gibt als bisher, her damit! Problem ist immer nur der Zwang, diese auch englisch aussprechen zu müssen. Wer es nicht tut und „Computer“ ohne „j“ spricht, macht ebenso sich zum ungebildeten Deppen, wie derjenige, der „Kompjuter“ schreibt.

Das finden wir schade, jammerschade. Andere Sprachen sind da viel selbstbewusster. Wir meinen da jetzt gar nicht unbedingt die Franzosen, deren Anstrengungen, Begriffe in der eigenen Sprache zu etablieren, manchmal etwas bemüht wirken. Andere, wie die Spanier und die Polen zum Beispiel, sind da viel lockerer und nationalisieren munter die fremden Worte. Unterwerfen sie einfach in Aussprache und Grammatik ihren eigenen Gesetzen. Nur die Deutschen bestehen weiter auf Aussprache in fremder Zunge und maulen dann auch noch, wenn sich im Laufe der Jahrzehnte die Rechtschreibung der Aussprache anpasst, wie bei „Portmonee“.

Zu welch argen Verwirrungen diese Haltung inzwischen führt, illustriert diese Nachricht von @diestoffel.

diestoffel

Da geht offenbar einiges durcheinander in den Köpfen. Die Folge: man versteht sich einfach nicht mehr. Und das ist die wichtigste Funktion der Sprache: sich zu verstehen. Der ganze Rest ist scheißegal.

PS: Froh stimmt uns übrigens der Umstand, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache das Verb „twittern“ auf seiner Liste der Worte des Jahres 2009 platziert hat. Wenn wir jetzt noch bald von „Twiets“ lesen, wird’s richtig gut.


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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Jeky

Ich gehöre eindeutig zu den maulenden Deutschen, denn „Portmonee“ finde ich ebenso gruselig wie „Twiets“.
Und warum sprechen Sie tweets wie twiets, wenn das doch nur Deppen tun? Hieße es dann für gebildete, mutige Sprach-Nicht-Puristen dann nicht eher „tweets“ statt „tweets“…äh… „twiets“… äh… egal..

Gepostet von Jeky am 22. Dezember 2009 um 12:56.
Snoopsmaus

„Du“ und „Dich“ ist auch wieder richtig! Nach der letzten Reform der Rechtschreibung wurde dieser Passus wieder rückgängig gemacht. So wie früher ist nun auch wieder die Großschreibung neben der Kleinschreibung gültig!

Gepostet von Snoopsmaus am 22. Dezember 2009 um 13:02.
Dentaku

Ich kann einfach nicht verstehen, was die Leute alle mit der Groß-/Kleinschreibung der Anrede Du/du haben. Darüber wurde im Oktober ellenlang und ergebnislos auf der Twitter-Translate-Mailingliste diskutiert (inklusive Drohung beider Seiten, twitter nie wieder zu benutzen, wenn die jeweils andere Variante eingeführt würde). Dann wurde die Betaversion der deutschen Seite freigeschaltet, und die „du“-Fraktion der Liste heulte auf. Jetzt ist Deutsch allgemein zugänglich und es melden sich neue Leute in der Mailingliste an(!) nur um zu schimpfen:

Ich habe gerade die deutsche Übersetzung von Twitter gesehen und bin entsetzt! Wieso wird „du“, „dein“ usw. ständig großgeschrieben? Das ist kein Brief! Und der Hammer ist noch das hier: „Twitter fragt eine einfache Frage „? Soso, von Twitter werden Fragen gefragt. Und nicht etwa gestellt. Habt ihr etwa gleich die erstbeste Übersetzung genommen und die Alternativen ignoriert? Ich könnte weitermachen, aber fest steht, dass die ganze Übersetzung völlig überholt werden muss!

Und jetzt steht das hier schon wieder, in einem Artikel der auf

Und das ist die wichtigste Funktion der Sprache: sich zu verstehen. Der ganze Rest ist scheißegal.

endet. Da ist doch irgendwie ein Widerspruch drin.

Gepostet von Dentaku am 22. Dezember 2009 um 13:05.
baranek

Zum „du“: Mir war auch so, als ob ich das gehört hätte. Habe dann aber heute noch mal beim Duden online geschaut. Da stands so, wie von mir beschrieben …

Kann man machen, wie man möchte. Nur was mich nervt, ist der Umstand, dass man sich auf die Schreibung von Worten nicht verlassen kann, sondern immer wissen muss, woher sie importiert wurden. Wenn da „tweets“ steht, darf man eben nicht [twehts] sagen, sondern muss wissen, dass es aus dem Englischen kommt und [twiehts] aussprechen. Das ist dämlich.

Gepostet von baranek am 22. Dezember 2009 um 13:07.
Snoopsmaus

Das mit dem „Du“ und „Dich“ ist mir ja eigentlich egal, bin ja froh, wenn man Tweets überhaupt irgendwie entziffern kann, so wie manche schreiben. ;)

Ansonsten habe ich meine Twitterversion nach einer halben Stunde Nutzung in Deutsch wieder auf Englisch umgestellt. Es nervte nur. Vielleicht ist man aber einfach nur die alte Version so sehr gewöhnt, daß es schwerfällt, eine andere zu nutzen. Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier.

Gepostet von Snoopsmaus am 22. Dezember 2009 um 13:11.
baranek

@dentaku Widerspruch kann man sehen, klar. Aber einmal geht es um Rechtschreibung und beim anderen um gesprochene Sprache.

Gepostet von baranek am 22. Dezember 2009 um 13:12.
KiGaNa

Following=Abonnements, Followers=Abonnenten, Listed=Nennungen, Direct Messages=Private Nachrichten, Retweets=Zitate, … würde vermutlich etwas ungewohnt und staubig wirken auf dem elektronischen Datensichtgerät.

Gepostet von KiGaNa am 22. Dezember 2009 um 13:13.
moeffju

Nachrichtenstrom? Zeitleiste?

ZeitLEISTE?

Sogar Zeitlinie oder Zeitstrahl finde ich nicht super, aber ZeitLEISTE geht in meinem Sprachgefühl gar nicht. Und Nachrichtenstrom finde ich holprig – vier Silben statt zwei, und eine andere Bedeutung.

Ich bin – obwohl selber Twitter-Übersetzer – kein sehr großer Freund der deutschen Twitter-Version, wegen dem großgeschriebenen „du“ (wofür die Twitteraner gute Gründe vorweisen können, und was laut Duden korrekt ist) und sonst so ein paar Holprigkeiten, aber ich finde Twitter auf Deutsch dennoch um Welten besser als z.B. Facebook auf Deutsch.

Zu „Following“: Ich habe lange gegrübelt, wie man das übersetzen könnte, und dabei auch an sowas wie „Abonnierte“ oder „Freunde“ gedacht. Ich halte aber beides für verfehlt, da Following meiner Meinung nach ein anderes Konzept ist als „Abonnieren“ oder „Freund“. Publish/Subscribe als Konzept ist ja selbst im englischsprachigen Raum noch neu, aber bis wir hier Worte dafür haben…

Gepostet von moeffju am 22. Dezember 2009 um 14:19.
Miss Daisy

Ich bin für „Verfolgte“ und „Verfolger“!

Gepostet von Miss Daisy am 22. Dezember 2009 um 14:48.
Miss Daisy

Das meine ich ernst.

Gepostet von Miss Daisy am 23. Dezember 2009 um 19:02.
oliverg

Dann lieber Exhibitionisten und Paranoide ;) scnr

Gepostet von oliverg am 26. Dezember 2009 um 09:53.
Thomas Pfeiffer

Hallo,
Hallo,
das Schöne an Sprache ist ja, dass jeder ein Experte ist (ähnlich wie bei Social Media :-)

Was wäre denn, hätte jeder eine eigene Sprachdatei, auf Deutsch oder Denglisch, mit Groß- oder Kleinschreibung, mit „Zeitleiste“ oder „Timeline“?

Die Stille in unserer ansonsten so an Diskussionsanlässen armen Welt – sie wäre unerträglich.

Tom

Gepostet von Thomas Pfeiffer am 28. Dezember 2009 um 13:25.
baranek

Dass jeder ein Experte für Sprache sein will, damit habe ich kein Problem, weil wirklich fast alle eine benutzen. So wie halt alle Philosophen sind irgendwie, weil sie leben und sterben und darüber nachdenken.

Dass aber alle behaupten, Experten für Social Media zu sein, das ist natürlich Unfug. Denn 95 Prozent der Deutschen Bevölkerung wissen doch damit rein gar nichts anzufangen. (Die Zahl ist keine subjektive Schätzung, sondern wurde von mir persönlich in einem eintägigen Feldversuch in meinem Lieblingszeitungskiosk erforscht.)

Gepostet von baranek am 28. Dezember 2009 um 19:54.
Miss Daisy

@oliverg
Ich meine, daß „Verfolger“ und „Verfolgte“ absolut nicht so negativ ist, wie’s zunächst klingt.
Man doch auch z.B. Sendungen im Radio oder im Fernsehen, die Nachrichten usw. – ich bei Twitter ja nicht Personen, sondern das, was sie verbreiten!

Leider sind uns die Mehrfachbedeutungen unserer Wörter oft schon abhandengekommen – schade.

Gepostet von Miss Daisy am 02. Januar 2010 um 09:43.
Miss Daisy

Ach diese Zeichen, die ganze Wörter zum Verschwinden bringen:

Es heißt natürlich: „Man verfolgt doch auch z.B. Sendungen… – ich verfolge bei Twitter…“

Hoffe es wird klar, was ich meine.

Gepostet von Miss Daisy am 02. Januar 2010 um 09:46.
baranek

Ja, es wird klar, danke. Und statt dem sperrigen „entfolgen“ könnte man auch einfach „abschalten“ nehmen.

Gepostet von baranek am 02. Januar 2010 um 12:07.