Wenn sich neue Kulturtechniken Bahn brechen, ruft dies Vor- und Nachdenker auf den Plan, um dieses Phänomen zu bewerten. Im Angebot des intellektuellen Bauchladens ist meist etwas für jeden Geschmack. Die Apologeten für die anschmiegsamen Fortschrittsenthusiasten finden sich ebenso wie Apokalyptiker für diejenigen, die schon immer alles Scheiße fanden, die Welt und überhaupt. Die Wahrheit ist meist viel komplizierter. Das ist bei der neuen Kulturtechnik Twitter nicht anders, wie man in diesen Tagen rund um die Geschehnisse im Iran leider manchmal schmerzhaft erfahren konnte.

Zunächst mal müssen wir zugeben, dass es uns ging wie @theJof

Aus dem grünen Strom

Wir haben in den unglaublich breiten #iranelection-Strom geschaut, stundenlang. Nichts anderes mehr gemacht, wie gebannt saßen wir davor. Die normale, gute, alte Timeline erschien danach nur noch als schwacher Abklatsch der Wirklichkeit. Warum dieser Sog? Wir wissen es nicht. Voyeurismus? Kann sein. Stärker, wollen wir zur eigenen Beruhigung annehmen, war jedoch die Aussicht, uns ein eigenes, unverstelltes Bild von diesen welthistorischen Ereigenissen zu machen. Live.

Über die Rolle von Twitter in Bezug auf den Iran ist bereits einiges geschrieben und vermutet worden. Wir glauben aber weder den Apologeten (“Twitter-Revolution”) noch den Apokalyptikern (“Alles Desinformation!”) sondern schauen weiter kritisch und skeptisch in den grünen Strom. In dem schwimmt vermutlich alles: die Propagandisten aus dem Exil, die ihre alten Rechnungen begleichen; die Irren, die Verschwörungen riechen; die Leichtgläubigen, die jede Kampagne mitmachen; die Naiven, die alles glauben und aufgeregt nachplappern; die Geschäftemacher, die ihre Kommerzmühlen in den Strom dirigieren.

Aber es gibt auch die echten Stimmen. Wahrscheinlich gibt es sie, muss man sagen, weil sich nichts überprüfen lässt. Aber dass es sie gibt, bestätigt unter anderem der Umstand, dass Twitternachrichten Stunden später durch YouTube-Videos bestätigt werden. Eine solche Stimme ist wohl Mirriaam, deren Account inzwischen verschwunden ist. Wir hatten uns einen ihrer Tweets gemerkt, aber keinen Screenshot gemacht. Allerdings wurde er dutzendfach retweetet und bleibt so der Nachwelt erhalten.

Aus dem grünen Strom

Kann so etwas gelogen sein? Kann es nicht, es macht einfach keinen Sinn, sich so etwas auszudenken. Deshalb war Mirriaam eine sehr glaubwürdige Quelle. Dem Journalisten Georg Watzlawek vom Handelsblatt-Blog Madagaskar ist es sogar gelungen, ein kleines Twitterinterview mit Mirriaam zu machen (auf 20:55 MEZ scrollen). Kurzum: Mirriaam ist/war echt. Ihr Tweet oben zeigt eindrucksvoll die ganze Stärke von Twitter und gleichzeitig seine ganze Schwäche. Die Schwäche ist: Die Relevanz der Information geht nach den Gesetzen der Medienwelt ziemlich gegen null. Eine über die Misshandlung ihrer Freunde weinende junge Frau hat keinen Nachrichtenwert. Aber: Der persönliche Blick, die daraus resultierende Möglichkeit zur Empathie, der Umstand, das man hautnah spürt, was jetzt passiert und was es für die Menschen dort bedeutet – das ist die Stärke von Twitter.

Trotz des nicht abebbenden Stroms erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass die Apologeten recht haben: Es handelt sich nicht um eine Twitterrevolution, weil das Medium nur nach außen wirkt und wohl nicht im Iran selbst. Dort scheinen die eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten nur noch wenigen offen zu stehen, worauf auch der stets gut informierte und vorsichtige @Persiankiwi hinweist.

Aus dem grünen Strom

Deshalb ist dieser Kommentar von @joysamcyborg überhebliches, altkluges Gelaber.

Aus dem grünen Strom

Gut, vielleicht meinte er ein paar aufgeregte Teenager, aber insgesamt glaubt auch im Iran niemand, mit Twitter konkret eine Revolution zu organisieren. Vielmehr ist eines unstrittig: Twitter schafft weltweite Öffentlichkeit, sofort, ohne Umwege. Zwar ist die iranische Revolte politisch nicht lupenrein demokratisch, aber offenbar verbindet die junge, technologisch ausgebildete Generation mit ihr alle Hoffnungen auf eine Veränderung in Richtung einer freieren Gesellschaft. Dabei hilft Twitter. Deswegen schauen wir nicht nur in den grünen Strom, sondern machen ihn breiter wie @Luca

Aus dem grünen Strom

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Matthias

Sehr gut beschrieben.

Gepostet von Matthias am 23. Juni 2009 um 13:39.
baranek

Vielen Dank euch.

Gepostet von baranek am 23. Juni 2009 um 13:44.