Der eine oder andere dürfte es schon mitbekommen haben – mein gesteigertes Interesse an gewissen, auf den ersten Blick niveaulosen, Fernsehsendungen. In Wirklichkeit ist das alles ganz anders – und das beste Beispiel ist eine meiner absoluten Favoritensendungen – „Bauer sucht Frau“. Hierbei spielt vor allem ein gewisses soziologisch ausgerichtetes Interesse eine Rolle, denn RTL schafft es jedes Jahr, ganz erstaunliche Fälle hinter irgendwelchen Strohballen hervorzucasten.
Es gibt da diesen Film namens „Eve und der letzte Gentleman“, mit Brendan Frasier, und die Geschichte geht irgendwie so: Ein Wissenschaftler schließt sich und seine schwangere Frau während der Kubakrise für 35 Jahre in einem Bunker ein, da er Angst vor einem Atomkrieg hat. Die Frau bringt da unten einen Jungen zur Welt, und in diesem Bunker wächst dieser zu einem absolut wohlerzogenen Gentleman heran. Nach Ablauf der 35 Jahre kommt er dann auf die Welt, die natürlich total roh und komisch ist, und dann gibt es da noch eine Frau, und irgendwie stolpert sich der letzte Gentleman dann so durch die Realität, mit einem Happy End.
Mit den Bauern ist das mit der Sozialisation in einem sozialen Vakuum ähnlich, nur irgendwie auch anders herum. Der absolute Härtefall war Bauer Jürgen – auf einem Hof am Arsch der Welt aufgewachsen, die einzige Frau, mit der er je mehr als nur ein Wort gewechselt hat, war seine Mutter – und mit 40 hatte er immer noch keine Freundin gehabt. So ähnlich sah er auch aus. Da kam dann Inga Bause in sein Leben, und mit RTL die dicken Scheinwerfer. Auf dem Hoffest traf Jürgen sich mit zwei Damen, die ihm einen Brief geschrieben hatten. Die eine ziemlich groß und schlank, die andere etwas kleiner und dicker. Als die Entscheidung näherrückte, welche der beiden mit ihm für eine Woche auf den Hof sollte, sagte die große Frau von sich aus, dass sie sich das mit Jürgen nicht vorstellen konnte. Also saß der Bauer neben seiner übrig gebliebenen Kandidatin, und nachdem diese meinte, dass jetzt wohl nur noch sie beide übrig wären, sagte er: „Naja, ein bisschen dünner wäre halt schon schön.“ Sie weinte daraufhin große Krokodilstränen, und seine hilflosen Versuche, irgendwas zu retten, machten alles nur noch schlimmer. Leider wollte sie nicht mehr mit ihm auf den Hof, obwohl er sie doch so nett noch fragte.
Im Verlauf des Abends lernte er dann eine Kandidatin kennen, die von einem anderen Bauern eine Abfuhr bekommen hatte, aber gerne bereit war, stattdessen mit Jürgen auf den Hof zu fahren. Mit dieser auch recht, sagen wir, aparten Dame, verbrachte er eine sehr platonische Woche. Doch vor einem Jahr trat Julia in sein Leben, nachdem sie ihn damals im Fernsehen gesehen hatte. Das wurde dann alles ganz toll mit Jürgen und Julia, und diesen November bekommen sie ihr erstes Baby.
Ohne RTL hätte der sympathische Ackerbauer Jürgen sicher keine Chance auf ein Happy End gehabt. Er stand auf Darwins Liste sozusagen nicht mal mehr drauf. In zwischenmenschlichen Beziehungen absolut unvermittelbar. Jetzt stellt er schonmal den „Stubenwagen“ auf, und sucht mit seiner phlegmatischen Frau einen Namen für das Kind, von dem er auf dem Ultraschallbild mal so genau gar nichts erkennen konnte. Dass die Frau, na sagen wir mal, etwas anders ist, bringt @luzilla auf den Punkt:

Dass der Ackerbauer Jürgen, na sagen wir mal, auch selbst ein bißchen komisch ist, sagt @Steffipunkt sehr schön in ihrem Tweet:

Ab September geht es für neue Bauern auf die Suche nach dem großen Glück. Da wird es viel zu erleben geben, wie das @haekelschwein und @riot36 schonmal schön in der Vorschau zeigen:



Für alle intellektuellen Nicht-Fernseher, die das hier gelesen haben: nein, hier wird jetzt nicht immer über Fernsehen geschrieben. Die Staffel geht ja auch erst im September los.








2. Juni 2009 um 10:06
Ich finde es toll, dass @HappySchnitzel hier auch mal ein heißes Eisen anfasst oder wie man bei uns sagt: anfässt. Und schön geschrieben ist es auch noch. Was also will man mehr?!
4. Juni 2009 um 23:32
[...] unter Twitterern, gar in Kreisen von Twitteraturkritiern, nimmt die zweifelhafte Vorliebe für gewisse TV-Formate einen bedenklich großen Raum [...]