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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 7: @saschalobo macht übern teich

Unser heutiger Gastautor ist Sascha Lobo. Sascha Lobo ist quasi Blogger auf dem zweiten Bildungsweg. Er kommt eigentlich aus der Werbung und versucht sich gerade ein wenig im digitalen Leben einzufinden. Der ein oder andere hat vielleicht schon seine Versuche auf Twitter wahrgenommen. Er glaubt aber weiterhin an die “enormen Möglichkeiten” die Papier und Frisuren angeblich bieten würden und so schreibt er noch heute irokesenbeschnitten beumschlagte Langtweets auf Papier. Sein Jubiläumstext hingegen blickt sehnsüchtig ins Weite.

Tribute to favrd

Es ist ein vermintes Terrain, über die Überlegenheiten einer Kultur über eine andere zu schreiben. Aber – es ist an dieser Stelle notwendig. Zu allem Überfluss handelt es sich auch noch um ein Lamento, das zu einem Allgemeinplatz der Postintellektuellen Webaffinen geworden ist, nämlich um die gleichzeitig begeisternde und beängstigende Überlegenheit der englischen Sprache gegenüber der deutschen, was Humor angeht. Der (ungelenke) Versuch einer Erklärung: durch die Kürze und Präzision im Englischen kann soetwas wie Fallhöhe viel leichter entstehen – die häufig vorhandene Länge und Kompliziertheit im Deutschen verwandelt die Fallhöhe von einem Abgrund in einen sanften Abhang.

Soweit, so bekannt, so unoriginell als Kritik und wenn man regelmässig Jon Stewart oder Stephen Colbert ansieht, wenn man Sarah Silverman betrachtet oder Dmetri Martin, dann ahnt man, dass 1.000 Harald Schmidts mit 10.000 Autoren an 100.000 Schreibmaschinen vermutlich nie diesen Witz und die Gagenergie erreichen werden können. Bullys Gags müssten man in den USA erst zweimal umschreiben, bevor man sie wegwerfen könnte.

Diese Kritik gilt aber nicht nur der Medienelite, sondern uns allen, uns deutschsprachigen Twitteren. Wir sind alle schlecht. Jedenfalls zu schlecht. Es gibt eine Seite, die nennt sich favrd.textism.com. Dort werden die meistgefavten und damit besten Tweets gesammelt, jeden Tag. Wenn man ein Datum selbst in der Adresszeile einträgt, kann man durch die Monate wandern und erhält etwa seit letztem August die Twitterbeiträge, die von den anderen Nutzern am häufigsten per Klick mit einem Sternchen ausgezeichnet wurden. Dort finden sich jeden einzelnen Tag mindestens 30 Aphorismen, Witze, Nanoweisheiten, Sprüche, aufgeschrieben von den besten Twitterern der Welt. Ganz normale Menschen, wenn man ihnen in die Timeline schaut, mit kleinen Kindern, arbeitend in Agenturen, normale Probleme mit ihren Lebenspartnern habend, produkteshoppend durch die moderne Welt taumelnd.

Eine Szene hat sich herausgebildet, denn beinahe jeden Tag sind es die selben Menschen, die siebzig, achtzig, einhundert Favs bekommen: @fireland, @hotdogsladies, @CcSteff, @badbanana, @bcompton, @zolora, @cleversimon, @adamisacson, @tehawesome, @sween. Sween! Ich bete sie alle an; es ist, als bekäme man jeden Tag eine Portion zeitgenössischen Loriot serviert, mit ähnlich gesellschaftsanalytischer, entlarvender, aber nicht belehrender Komik. Die dazu auch noch witzig ist wie nichts anderes! Kein Zufall, dass man bei der Suche nach deutschsprachigem Vergleichsgut nicht nur keinen Twitterer, sondern einen Komiker bemühen muss, der sein Großwerk vor über 30 Jahren geschaffen hat. Kein Zufall, weil hier ganz offenbar die deutsche Sprache der englischen unterlegen ist wie Harald Schmidt Jon Stewart, wenn man nicht annehmen möchte, dass Deutschsprachigkeit generell bescheuert macht.

Und um diese Unterlegenheit zu illustrieren, habe ich einen vollkommenen, geradezu monolithisch für sich stehenden und damit gar nicht twitkritisierbaren Tweet von adamisacson herausgesucht; einen der witzigsten, die ich je gelesen habe, wenn nicht der witzigste – besonders im Kontext, denn geschrieben wurde er am Tag, als der Kongress beschloss, ein Stimuluspaket von 787 Mrd. Dollar auszuschütten.

saschatwitkrit
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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 6: Forza! mit Leidenschaft!

Vollblut-Ottensener, Vollblut-Blogger, Vollblut-Paulifan, der Mann, dem der erste Real-Tweet gewidmet wurde! und überhaupt: @ring2 pustet wie kein Zweiter seit mehr als einem Jahrzehnt seine Leidenschaften in den elektronischen Äther. Wir freuen uns sehr, diese heute auf Twitkrit päsentieren zu dürfen:

Twitterture automatique

Je straffer das Format, desto freier der Inhalt. Diese Gesetzmäßigkeit fällt schon bei Weblogs auf, wenn man die Zeit und den Autoren als Maß gebende Formatierung begreift.

Denkt man sich das Autorenprinzip weiter und das Format enger, landet man bei Twitter und der Erkenntnis, dass jeder Tweet im Grunde ein psychologisch wirksames Konstrukt bildet, das Teile der Autorenpersönlichkeit hinaus entführt. In eine Welt, die manchmal Schwierigkeiten hat, sie einzuordnen, diese Fragmente, überrumpelt von einer Direktheit, die sich ohne die Erfahrungen des Autoren nicht erschließen. Man könnte auch sagen, ohne Macke kein Sinn.

Löst man nun noch weitere sprachformale Barrieren auf, brandet das, was in uns ist, frei assoziiert in eure Zeitlinie. Ecriture automatique, very persönlich.

Das ist manchmal verwirrend nah dran, geradezu entlarvend, was sich in uns an Bildern aufgebaut, hat zu einem gewissen Sujet. Die Liebe in Abgrenzung zu einer Farbe, einer Institution und dann, auf den ersten Blick ohne Zusammenhang: #Lehmann.

the mutti
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„Das automatisch Niedergeschriebene, welches sich einem planvollen Aufbau ebenso widersetzt wie einer nachträglich zensierenden Korrektur, … postuliert die unbewussten, traumhaften und spontanen Elemente menschlicher Eingebung als Grundlage für eine neue Art der Kreativität.“ (wikipedia)

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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 5: Spreeblick entspannt

Wir als Team scheitern immer wieder an der Erfüllung der Frauenquote. In der Redaktion, bei der Auswahl der Gasttwitkritter, vielleicht gar bei der Wahl der Getwitkritteten. Schön, das für Deutschlands emanzipatorischstes Weblog die Chefin an die Tweets geht! Ein aufs Detail achtendes JGT-Kleinod von @elektrotanja:

Spreeblick glückwünscht!

Dies ist ein klarer Fall von Chefsache und hab es mir nicht nehmen lassen, unseren Jubiläumsbeitrag höchstpersönlich zu überbringen, denn schließlich hab ich inzwischen (ich schau grad mal nach, damit ich mich nicht zu falschen Sensationsmeldungen hinreißen lasse) 82 Follower [in der Walpurgisnacht waren es dann schon 149, die Red.] und weiß also, was geht.

Ich freue mich ja immer, wenn aus Ideen Taten werden und scheinen sie auch noch so absurd. Denn absurd erschien mir das Ganze anfangs schon. 140-Zeichen-Geblablabla, braucht man das? Und muss man sich dann auch noch zur Kritik selbiger hinreißen lassen?
Nö, muss man natürlich nicht, kann man aber.
Und es stimmt schließlich, dass 140 Zeichen durchaus reichen können, um kleines Leben groß oder großes Leben klein zu posaunen und es gibt Tweets, die ob ihrer Reduzierung von geradezu melodiöser Epik sind und mich anstiften, ganze Szenarien hinzu zu fantasieren. Das ging mir früher schon mit den, gern als Vergleich herangezogenen, japanischen Haikus so. Meine ehemalige Yoga-Vortänzerin las uns zum Ausklang einer jeden Yoga Stunde immer ein Haiku vor, auf das wir besser Rumliegen und Entspannen könnten.
Das klappte bei mir nie.
Eines (sagt man DAS Haiku?) blieb mit unvergesslich und ich hab’s sogar wieder gefunden,

Kirschblüten fallen -
auch du mögest
ein Flusspferd werden

Wie soll man da entspannen? Ich möge ein Flusspferd werden? Na, das ließe sich auch ohne Yoga machen. Ich assoziiere also lieber den eher unkirschblütenhaften freien Fall zweier Flusspferd-ähnlicher Frauen der Yogatruppe (scheiß auf Entspannung!) und freue mich über die Haiku’sche Inspiration, der die folgende wärmende Tweet-Miniserie in nichts nachsteht:

schwadroneuse3
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Drei Worte, mehr braucht ein Astra-Kopfschmerz nicht. Man hockt in der Küche und brummelt genau das.
Zehn Minuten später aber keimt der Wille auf, das Schicksal selbst in die Hände zu nehmen. Die Nacht ist jung, man rafft sich auf :

schwadroneuse2
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Oh ja! Und der erwähnte Schlafmittelzusatz wird noch mal toller, wenn man nur eine Minute nach seiner Einnahme, nachts um kurz vor halb Zwölf feststellt, dass die verbleibenden 35 Minuten des Tages keine Sensationen versprechen, die ein Schlafmittel unter Umständen vereitelt hätte:

schwadroneuse1
[Link]

Yoga mach ich übrigens schon länger nicht mehr.

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