Twitkrit

Nachdenken über Socken

Es gibt Dinge, denen gemeinhin zu wenig Beachtung geschenkt wird – so auch der Socke. Obwohl wir sie gewöhnlich täglich an unseren Füßen tragen, und sie somit wesentlicher Bestandteil unseres ganz alltäglichen Daseins sind, werden Strümpfe von den Medien weitestgehend ignoriert: Sowohl im Fernsehen als auch in den Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen, aber auch im Radio sowie in den Weblogs dieser Welt hört, sieht und liest man verhältnismäßig wenig über den „textilen, zum Bein hin offenen, am Zehenende geschlossenen Schlauch“, wie sie die Online-Enzyklopdie Wikipedia zu beschreiben pflegt. Dabei bieten Socken einige Vorteile: sie verhindern den direkten Kontakt des mit fiesesten Chemikalien behandelten Lederschuhs mit der empfindlichen Haut unserer Füße und wärmen letztere überdies angenehm. Nachteile des Sockentragens ergeben sich lediglich bei unsachgemäßer Pflege derselben: zu unregelmäßige Reinigung führt zu unangenehmer Geruchsentwicklung.

Dass Twitter anders ist als alle anderen bekannten Nachrichtenkanäle, zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Nutzer dieses praktischen Microbloggingdienstes intensiv über Socken und ihren Verbleib nachdenken. Viele Twitterer scheinen besonders reinliche Menschen zu sein, was jedoch nicht selten mit größeren Unwägbarkeiten verbunden ist.

@genesis3000 bringt es auf den Punkt:


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Oder wie es @AF_Blog noch eine Spur metaphorischer ausdrückt:


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Die allen naturwissenschaftlichen Gesetzen widersprechende Immaterialisierung von Sockenmaterial während des Waschvorgangs dürfte jedem Top- oder Frontloader-Besitzer bereits in der Praxis begegnet sein. Dieses Phänomen ist unter Wissenschaftlern anerkannt und hinlänglich dokumentiert; die Lösung des Rätsels ist neben der Bewältigung von Wirtschaftskrise und Klimakatastrophe eine der großen Fragen unserer Zeit. Eine der kleineren, aber ebenso interessante Frage stellt @kumullus:


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Das fragen wir uns auch, können auch nach intensiven Überlegungen keine abschließenden Antworten auf diese Frage geben und warnen an dieser Stelle ausdrücklich vor ausweglosem Kreisdenken. Ausklingen lassen wollen wir unsere Serie „Nachdenken über Socken“ jedoch mit etwas Versöhnlichem – einem Tweet, der in diesen schwierigen Zeiten Mut macht und zeigt, dass es auch anders geht. @TravellingJack zeigt uns, wie es nach der Sockenkrise aussieht:


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Fortsetzung folgt eventuell (wenn der Verbleib obiger Socken geklärt ist).

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Raubtiere

Eine der nie endenden Debatten der Philosophie ist ja die zum Verhältnis von Mensch und Natur. Einerseits entsteht Zivilisation eben aus der Entfremdung vom Naturzustand. Es ist gerade die Natur des Menschen, sich über die Natur zu erheben. So wirklich gut können wir mit der Natur nicht.
Deshalb neigen wir auch dazu, die Dinge, die wir in unserem eigenen System nicht verstehen oder gut heißen, mit Naturmetaphern zu belegen.
Aktuelles Beispiel ist der sogenannte Raubtierkapitalismus.
Andererseits drängt es uns gerade aufgrund der Überzivilisierung aus den grauen Städten in die Natur. Das geht zwar auch nur in einem vermittelten Zustand mit domestizierter Natur, aber immerhin. Viele Menschen kultivieren Gärten und halten Haus- oder Nutztiere. Letztere sind dann gerne Opfer wilder Raubtiere. Wir kennen das aus unserer eigenen Krise und fühlen mit.
In der deutschen Twittersphäre trifft die böse Natur oft auf unser Federvieh. Da wird von schlimmen Füchsen berichtet, die Hühner und Laufenten morden.
[Exkurs: Sind Laufenten gerade en vogue? Gestern erst erzählte mir ein offline-Freund, er müsse am Wochenende die Laufenten eines Bekannten hüten, weshalb er am Samstag keine Zeit für mich habe.]

Wie grausam, wie brutal diese Natur doch ist. Wie dieser Kapitalismus, dessen Wesen die Gier ist, wie das Fachblatt für Naturkunde „Der Spiegel“ diese Woche weiß.
Oder? Tun wir den Raubtieren unrecht, wenn wir sie so bezeichnen und sie für die Brutalitäten des menschlichen Miteinanders Pate stehen müssen? Unterliegen die nicht ihren eigenen ökonomischen Zwängen?

fuchs
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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 10: @mcwinkel in Bild und Ton

Den krönenden Abschluss unserer Jubiläumsgasttwitkritwochen bereitet uns @mcwinkel. Normalerweise beglückt uns der wohl bekannteste Blogger der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt mit dem geschriebenen Wort auf whudat.de, heute allerdings präsentiert er uns in mehr als 140 Sekunden, aber dann doch deutlich weniger als 140 Minuten, seine Lieblingstweets in Bild und Ton. Wir freuen uns darüber und sagen artig: Danke! 

 
Direktgasttwitkritwinkel

Und hier noch die Links zu den besprochenen Tweets:

[Lachsöl]
[Yoga]
[Vergesslichkeit]
[H-Ausfall]
[Ice Cube]
[John Lennon] 

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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 9: @baranek über Modern Leasing

Die vorletzte JGT zu unserem langen Geburtstagsfest stammt von unserem fleißigsten Gastkritiker @baranek, dem wir an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die stete Begleitung und Unterstützung entgegen rufen!

Was kann man heutzutage nicht alles mieten! Oder mietkaufen oder leihen oder leasen (sprich: liesen)? Autos, Möbel, Apparate, ja, ganze Wasserwerke und Krankenhäuser, von Fußballstadien und Großraumfliegern ganz zu schweigen. Großes Geld ausgeben? Pah! Nix da! Jeden Tag ein bisschen löhnen, das tut weniger weh. Obwohl es natürlich mehr kostet, ganz am Schluss. Aber wer rechnet sich das schon schlecht, wenn es auch schön geht? Niemand. Eben.

Kürzlich konnten wir diese Nachricht von @tineroyal lesen, die uns ein neues Universum eröffnet: Twitterer leasen.

modern leasing
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Ist doch nett: man weiß nichts mit sich anzufangen und leiht sich mal so einen Tweetschreiberling. Der macht einem dann die Timeline voll und gut ist. Soll erfüllt, viel kommuniziert, Spaß gehabt für lau. Aber halt! Wer ist @jfschlinck? Tja, Leute, Pech gehabt, das ist nämlich ein Hosenscheißer, ein Würmchen, ein Milchsauger, wie er im Buche steht. Aber schon twittern! Macht wohl seine Bezugsperson für ihn, eben @tineroyal (frau/mama/single). Die weilte, als sie dieses Leasingangebot twitterte, gerade auf dem MCDD09 (manchmal wissen wir auch nicht mehr, was die Camp-Hashtags bedeuten: Mamacamp Dresden 2009?). Und wollte wohl mal ihre Ruhe haben. So mag der Plan entstanden sein, den Wonneproppen für einen kleinen Spaziergang in der frischen Luft abzugeben.

Wir meinen: klasse! Zwanzig Minuten Papa/Mama-spielen, mal so richtige Erwachsenenweltluft schnuppern, Verantwortung für echtes Leben übernehmen. Schult. Gibt good vibes. Macht einen schlanken Fuß (würde @nico sagen). Und für die Herren: Babys machen Männer extrem attraktiv für die Damenwelt! Der beste Leasingvertrag also, der uns bisher untergekommen ist.

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Jubiläumsgasttwitkrit (JGT) 8: @happyschnitzel über den Weg aus der misanthropischen Tagesstätte

Heute beglückt uns @happyschnitzel mit einem Gastbeitrag. Sie macht selbst TV-Ereignisse wie #dsds erträglich. Kein Wunder also, dass sich ihr Aufstieg in den „Twittercharts der Herzen“ rasant entwickelt hat. In mehr als 140 Zeichen schreibt die glückliche zum braten bestimmte, dünne Fleischscheibe nicht nur regelmäßig in ihr eigenes Weblog, sondern weist uns auch heute an dieser Stelle den Weg aus der misanthropischen Tagesstätte.
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Es gibt diese Momente in meinem Twitterstream, in denen mir beim Lesen nach Weglaufen zumute ist. Manchmal langweile ich mich, wenn ich aus eurem Leben lese. Man kann ja auch nicht jeden nach einem schlechten Tweet sofort unfollowen, so geht das nicht, also müssen wir da zusammen durch. Und dann gibt es diese Tweets, die mich schallend laut lachen lassen, vorzugsweise an Orten, an denen man zum Lachen eher in den Keller gehen würde. Es sind meistens die kleinen und feinen Beobachtungen des Alltags, die mich fast vom Stuhl reißen. Die Erkenntnis irgendwo zwischen „Kenn ich.“ oder „Da wäre ich gerne dabei gewesen.“ Twitter scheint an manchen Tagen eine Tagesstätte für Misanthropen zu sein, hier kommen wir her, um unter uns zu sein, und mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, ohne sie direkt zu beleidigen.

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Hier kommen die unterschiedlichsten Phänomene zum Vorschein: Die visuell-ästhetische Vergewaltigung, die einen auf öffentlichen Bürgersteigen der Bundesrepublik jederzeit erwischen kann. Oder wenn man erkennt, dass sogar die abstoßendsten Randgruppen mit kleinen, hässlichen Hunden spazieren geht, nimmt ihnen das jegliches Potenzial als gesellschaftliche Gefahr. Gerne gesehen auch die Momente, an denen der Typ an der roten Ampel neben uns mit dem Gas spielt, und sich eine Mischung aus Wagen- und Penisneid in uns breit macht. Selbst, wenn wir selbst gar keinen Penis haben. Und als letzter Schreckensfaktor – der Deutschen liebster Feind, der Nachbar. Er bedroht uns durch Bohrmaschineneinsätze, wenn wir mal frei haben; er hört nachts laute Musik, wenn wir schlafen wollen; er sonnt sich mit seinem failwhaleartigen Speckwanst im Garten, wenn wir ungestört auf dem Balkon stehen wollen.

Mit der zahlenmäßigen Häufung solcher Alltagsbeobachtungstweets scheint es, dass wir aus der misanthropischen Tagesstätte unseren Weg gefunden haben, die Schrecken der Straße zu verarbeiten. Dann sehen wir unseren eigenen dicken Nazinachbarn in einer Netzstrumpfhose, und anstatt uns hemmungslos davon irritieren zu lassen, sind wir durch unsere Verbündetentweets abgehärtet. Das einzige Problem ist dann nur noch, wie wir diese horrende Abscheulichkeit geschmeidig in 140 Zeichen unterbringen, ohne dabei etwas Wesentliches auszulassen.

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