Twitkrit

Bonmot

Als ich mich am Freitag wieder mal in gebildetere Ecken der Welt verkrümelte (als das Netz) wurde mir mal wieder etwas beigebracht. Nämlich, was ein Bonmot ist. Das Bonmot geht zurück auf Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord und seine Bedeutung ist schwerlich in Worte zu fassen. Die Wikipedia hat nur teilweise recht, wenn es es in die Nähe des Aphorismus rückt. Jedenfalls lässt sie etwas wesentliches weg. Nämlich, dass das Bonmot unwiederholbar ist. Man kann es nicht in seiner vollen Pracht zitieren, weil es immer in die jeweilige Kontextualität der Situation eingewoben ist. Man müsste also zunächst die gesamte Situation, in der so ein Bonmot geschieht, rekonstruieren, und selbst dann verleibt nur ein blasses Abziehbild des ursprünglichen Witzes. Jeder, der einmal die Witzigkeit einer Situationskomik veranschaulichen wollte, steht vor einem ähnlichen Problem. So bleibt jedes Bonmot ein Original.

Zurück zu mir! Als Twitkriter stehe ich oft vor eben diesem Problem. Viele Tweets, vor allem die besten, sind Bonmots. Der Echtzeitaspekt bei Twitter nämlich führt zu den wildesten und schönsten Spielereien in Sachen Situationsausnutzung. Ich habe diesen Aspekt schon einmal ausführlich dargelegt.

Jedenfalls ist es der Bonmotigkeit geschuldet, warum oft die besten Tweets nicht getwitkrittet werden und bei Lesungen nicht gelesen werden können. Um auch nur ansatzweise zu verstehen, wovon ich rede, möchte ich an dieser Stelle an einen der besten Tweets erinnern, der mir je in die Timeline rutschte. Dieser Tweet ist vom 15. Januar 2009. Und zwar um 19:51 abgesendet. Das ist ganz wichtig für die Einordnung. Denn nicht mal eine Minute früher wurde auf Ebay das Blog basicthinking.de versteigert, das erste Blog in Deutschland, das über den Ladentisch ging und natürlich gab es zu dieser Zeit kein anderes Gesprächsthema auf Twitter. Aber ach, Ihr sehr schon. Es ist ja doch vergeblich den Kontext wieder heraufzubeschwören.

sillium
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Wortsport auf Twitter: Sprichwörter & Redensarten

Ein beliebtes Thema auf Twitter sind Sprichwörter und Redensarten, am liebsten natürlich abgewandelt, im Idealfall möglichst originell verfremdet. Der Klassiker in diesem jungen Wortsport ist dabei die Morgenstund, die mit und ohne Gold im Mund gerne mal verzwischert wird. Als Beispiel seien hier zwei Morgenstundperlen genannt, die bei aller Wertschätzung aber nur den Spannungsbogen bilden, bis wir zu dem eigentlichen Twitkrit-Tweet der Redensartverdrehung kommen:

@DerEchte kombiniert die Morgendstund mit einer weiteren Redensart:

derechte

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@Ennomane tauscht Material und Körperteil des bekannten Sprichwortes und kommt zur surrealen Morgendstund-Conclusio:

ennomane

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Doch nun, liebe Twitkrit-Leser, wollen wir mal schauen, was man noch so durch Verdrehung von Redensarten in Kombination mit wortstarken Bildern auf unter 140 Zeichen – es sind genau 100 – zu leisten vermag. Bitte zurücklehnen, anschnallen und ganz langsam und vorsichtig runterscrollen, um den wunderbaren Tweet von @bhrgero zu genießen, der unbenommen des vielleicht traurigen Erkenntnisgewinns für den Autor, dem diese Meldung vorausgegangen sein muss, für mich der Tweet der Woche ist:

 

 

 

 

 

 

bhrgero2

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Jubeltrubel

Ich kenne Menschen, die heute Knoblauch-Hochzeitstag haben. Klingt komisch, ist aber so (und riecht auch ganz anders). Die konkret merkwürdige Bezeichnung dieses besonderen Jahrestages ist mir zugegebenermaßen auch nur bekannt, weil ich die werte Tante Google befragte, welche freundlicherweise flugs in ihrer schlauen DIY-Bibliothek nachschlug. Meine Güte, was es da nicht alles gibt! Silber, Gold, Diamant – ja selbst die Petersilien-Hochzeit war mir durchaus noch ein Begriff. Hammel, Jute und Seife riefen allerdings schon eher Verwirrung hervor. Doch der Vogel ward endgültig abgeschossen, als mir das mit Uran bedachte Jubiläum ins recherchierende Auge sprang. “Schatz, wir sind nun ganze 53 Jahre verheiratet, aber du strahlst immer noch wie am ersten Tag!” Oder wie? Ist Herr Ahmadinedschad eigentlich verheiratet?

Wie dem auch sei. Unsereins durfte ja selbst erst kürzlich den eigenen Ehrentag ordentlich begehen, welcher meine lieben Kollegen in alkoholisierter Laune zusammenführte und seitdem erst recht nicht mehr zu trennen vermag, aber besondere Zahlenfolgen sind selbstverständlich auch bei unserem Microblogging-Dienst der Herzen ein Thema. Da strengt sich nämlich der gemeine Twitter-User das kleine Quentchen mehr an, um dem nächsten Update gebührenden Respekt zu zollen und sonst simple Tweets werden schließlich zum Feuerwerk der guten Laune:

Informationsgehalt
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Ähm ja. In diesem Punkt hat halt jeder seine eigenen Ansprüche. Diese können dann auch durchaus speziellerer Natur sein, werden deswegen aber nicht minder sympathisch. Besonders wenn man dadurch bedrohte Wörter auf das Podest der Aufmerksamkeit hievt und wieder in den gesellschaftlichen Fokus rückt, wie es puppiges jüngst in einer nahezu selbstlosen Aktion tat:

Schlüpfer
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Nix sorry. Voll dufte! Allein, weil ich es kann und derlei Engagement ehren will, möchte ich es hier nun noch einmal laut heraustippen: Schlüpfer! So. Hm, sollten wir den 2500. Tweet etwa fortan allgemein als Schlüpfer-Update feiern?

Damit der nächste Jubiläumstweet der hier geschätzten Leserschaft jedenfalls nicht im Followerstrom untergeht und ihr ihn vielleicht ähnlich sinnvoll nutzen könnt, weise ich euch gerne noch auf den Jubilizr hin, welcher eigens für diesen Zwecke geschaffen wurde, mir viel zu unbekannt scheint, aber bei den ausgelasteten Hirnen2.0 heutzutage kaum entbehrlich sein dürfte. Ich hätte schließlich auch die Knoblauch-Hochzeit verträumt, wenn mich mein Handy nicht beherzt brummend daran erinnert hätte.

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Where will it lead us from here?

Sie ist die Grand Dame des Infotainments in diesem Vorvätermedium namens Fernsehen. Sie ist der Beweis dafür, dass dort, wo das Englische auf Party setzt, das Deutsche nüchtern bleibt. Sie ist eben keine große Show, sondern die Tagesschau.
Konservatives Auftreten, seriöse Berichterstattung, so etwas erwartet der geneigte Gebührenzahler vom Flaggschiff unter den Nachrichtensendungen. Und so twittert die Tagesschau auch. Eine Schlagzeile, ein Link, fertig ist der Tweet. Keine Replies, keine Retweets, ein reiner Nachrichtenticker.
Und dann das:

angie
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Angie. Was bitte soll das denn bedeuten? Ich meine, unter “Twitter-Affäre” beschäftigt Bundestags-Präsidium kann ich mir ja noch recht eindeutig etwas vorstellen. Aber Angie?
Der Stones-Song? Zu alt für eine Nachricht. Oder, ganz gegen die eigene Biederkeit, die Bundeskanzlerin???
Klicken wir auf die TinyURL. Aha, es handelt sich um http://www.tagesschau.de/schlusslicht/mauerfall136.html und da ist das zu sehen:

not found

Wir fassen zusammen:
Unter der Schlagzeile Angie ist der Mauerfall nicht zu finden.

Wie auch. Sie war ja zu der Zeit in der Sauna.

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Fresssex

Kommen wir gleich zur Sache – es geht um diesen Tweet von @placetogo

fresssex

So ganz sauber ist der ja nicht. Es fehlt ein Komma und ein “l”. Schwamm drüber.

Bedenklich ist daher vor allem die Botschaft. Denn eigentlich, wenn wir Siggi Freud und sein Konzept der Sublimierung richtig verstehen, entsteht infolge der Abwesenheit geschlechtlicher Aktivität etwas “höheres”. Siggi meinte damit Schreiben, Denken, Schaffen. Das ganze Zeugs, das wir Kultur nennen. Sowas wie Kerkeling-Wanderführer, Andre Rieu und #gtnm #gntm in EINEM. Fressen ist in diesem Konzept allerdings nicht vorgesehen.

Wie wir aber alle wissen, ist das Gegenteil der Fall. Keinsex macht traurig. Frustfressen stopft diese Löcher. Soweit so schlecht. Der obige Tweet behauptet aber mehr. Nämlich dass Fressen besser ist als Sex.

Nochmal von vorne: Bisher hat Fressen Sex so einigermaßen ersetzt. Jetzt ist Sex ein minderwertiger Ersatz für Fressen. Und dann handelt es sich auch um noch um das Grillen, der anthropologisch gesehen primitivsten Form der Speisezubereitung: Feuer anfachen, totes Tier reinschmeißen, warten bis es stinkt, fertig. Wenn DAS die Zukunft sein soll, finden wir das nicht gut. Wir lehnen diesen Tweet ab. Und haben jetzt Kuschelsex. Am Grill.

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Ein Phänomen

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Unser heutiger Gastautor Ennomane ist ein langjähriger, unglaublich guter Blogger, der aber erst durch Twitter nach langer Auszeit wieder zu seinen Worten fand. Nach allerlei Herumprobierei bloggt er zunehmend erfolgreich auf ennomane.de, einer Sitzgelegheit für Couchpotentials. Natürlich ist auch sein Twitteraccount @ennomane jederzeit follownswert, nicht nur wegen des Katzenkontents.
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Eine kleine Recherche fördert es an den Tag: Katzencontent ist ein Thema, das bei Twitkrit bisher sträflich vernachlässigt wurde. Sträflich weil – seien wir ehrlich – der Siegeszug des Web 2.0 untrennbar mit damit verwoben ist. Wo wäre z.B. Twitter heute ohne Twitpics von Samtpfoten? Als ich hier meine ersten Gehversuche machte, war es der Katzencontent, der mir massiv Follower bescherte. Kein Katzentweet (egal in welcher Sprache) ohne neue, oft wildfremde Follower aus Übersee. Kein Twitpic ohne Replies, in denen laut HOW CUTE! MARVELOUS! gerufen geschrieben wird. Wellen kommen und gehen, mal twittern wir wie bei Muttern, mal schreien wir #Zensursula! Allein das Interesse am Katzencontent scheint kaum Schwankungen unterworfen zu sein.

Über die Ursachen dieses Phänomens haben sich schon größere Geister den Kopf zerbrochen. Natürlich sind Katzen süße Fellknäuel, aber daran kann es nicht liegen, oder hat es jemand geschafft, mit Hamstern, Zwergkaninchen oder Laufenten 500.000 Follower zu gewinnen? Natürlich sind Katzen das Standard-Informatiker-Haustier überhaupt, aber auf Twitter tummeln sich längst nicht nur Nerds. Ist es die zuweilen köstliche Ironie der LOLcat-Bildchen? Auch nicht, denn der größte Teil des Katzencontent kommt ohne sarkastische Taglines aus. Vielleicht liegt es daran, dass Katzen liebenswerte Individualisten sind – genau wie die meisten Twitterer.

Leider kann ich keine neuen Antworten geben. Ich weiß es einfach nicht. Was ich aber weiß: Warum Hundecontent niemals ein vergleichbares Potenzial haben wird.

twitkrithuendin
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