Dissen für Lohas und Co.
Im klassischen Hip Hop gehört es zu den Must-haves, das genregerechte Dissen der Konkurrenz. Dabei gilt es der behaupteten Härte der im Ghetto wurzelnden Popsubkultur gerecht zu werden. Anständig Dissen bedeutet hier: sexistische, misogyne (vor allem Partnerinnen und Mütter betreffende), homophobe (Erniedrigung durch mann-männlichen Sex) und gewalttätige Verbalangriffe auf den Gegner.
Der gemeine, nicht alt werden wollende Bildungsbürger rezipiert solcherlei fasziniert, verbrämt seinen Spaß an dieser Kunstform aber politisch korrekt, in dem er fortwährend analytisch darüber spricht. Rapper übertreiben doch bewusst, das ist doch alles ironisch zu verstehen, etc. pp.
Diese intelektuelle Distanzierung liegt unter anderem darin begründet, dass der brave Bohèmien die echte Straße gar nicht aushalten würde, sie aber gleichzeitig für die eigene Ich-Konstruktion in Anspruch nimmt. Denn was wäre eine individualistische Biographie bei den sowohl gutsituierten als auch libertär gesinnten Neubürgerlichen ohne einen Verweiß auf die eigene verwegene Jugend und damit letztlich irgendeine Form der Streetcredibility? Nichts.
Und so wie der Bildungsbürger durch ihre Begeisterung für Streetart diese letztlich mit in die Galerien treibt, wo diese dann von den sogenannten “Reichen” (die er heimlich beneidet, obwohl deren ökologischer Fußabdruck indiskutabel schlimm ist und in Russland Menschenrechte mit Füßen getreten werden) gekauft wird, so fängt er irgendwann auch an, nur noch Musik zu hören, die irgendwie Bezug zur Straße behauptet und gleichzeitig schick ist.
Dies kann dem Bildungsbürger vorgeworfen werden. Dafür kann er gedisst werden, der alte Spießer. Aber dann bitte so, dass es ihn direkt betrifft. So, dass es weh tut:

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