Twitkrit

Ein Quantum Trost

Wer zu einem ungünstigen Zeitpunkt einen Blick in die Medien oder Timeline wagt, der könnte meinen, die Welt sei voller #dsds und #amokläufe. Zum Glück sind dies Ausnahmezustände. In Wirklichkeit sind es die kleinen beiläufigen Dinge, die Twitter so wertvoll machen.

Das weiß auch @stijlroyal. Wie ein Romanheld aus der Feder des Büchner-Preis-Trägers Wilhelm Genazino hängt er seinen Gedanken nach. Der Held seines Tweets ist natürlich kein Held im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Anti-Held, in diesem Falle ein Flaneur. Gut ausgebildet, aber unter seinen Möglichkeiten bleibend, strebt er immer wieder – selbstredend gegen seinen Willen – nach etwas Zerstreuung:

Es ist Montagmorgen. Während der Protagonist (Abteilungsleiter der Buchhaltung in einem mittelständischen Unternehmen aus dem Bereich Maschinenbau) aus dem Fenster blickt und dabei an einer Büroklammer herumbiegt, feilt sich seine Sekretärin nebenan die Fingernägel. Draußen regenet es und er müsste  dringend ein unangenehmes Telefonat erledigen. Entgegen seiner Gewohnheit schließt er die Bürotür zum Nebenzimmer, jedoch nicht, um das Telefonat führen zu können, sondern um dem unablässigen Gefeile zu entgehen. Das Geräusch des Fingernagelabriebs seiner Sekretärin dringt durch den kleinsten Türspalt geradewegs in sein empfindliches Ohr. Seit jeher scheut der harmoniebedürftige Protagonist jeglichen Konflikt und verzichtet darauf, seine Mitarbeiterin ob ihren Nagelfeilens zurechtzuweisen. In diesem Moment betrübt ihn seine mangelnde Durchsetzungskraft und er gelobt sich Besserung. Doch wie schon so oft in diesem Momenten wünscht er sich insgeheim, er hätte die Beförderung abgelehnt. Dann säße im Nebenzimmer jetzt keine fingernagelfeilende Sekretärin, sondern er könnte gemeinsam mit seiner attraktiven Kollegin, die er vergangenes Jahr auf der Weihnachtsfeier im Rauschzustand geküsst hat, Mittagspause machen und eine Bratwurst essen. Das einzige, was ihn noch am Leben hält, ist der Blick nach vorn:

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Dieser Tweet beeinhaltet die ganze Zuversicht aller leidgeplagten Angestellten, die sich montags im oder bereits auf dem Weg ins Büro quälen. Ein Quantum Trost gibt es nicht nur im großen Kino, sondern auch in 140 Zeichen. Das macht diesen Tweet so wertvoll.

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Sag mal, brätst du?

vordachpfütze
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Ist das nicht das Schöne an diesem Dazwischen aus Schlaf und Wachsein, diese Vermengung der Sinne? Wer käme denn bei voller Aufmerksamkeit auf die Idee, erhitztes Bratfett an seinem Klang anstelle seines Geruchs auszumachen? Und ist es nicht eben jene Verwirrung des Noch-Nebels in diesen Momenten des Übergangs, die einen auf Gedanken bringen, die nichts mit der sich gerade erhellenden Umwelt zu tun haben, aber doch irgendwie aus ihr stammen?
Dieses Paradox zwingt einen dann zur Suche nach dem Auslöser des halbwachen Gedankens. Eine Suche, deren Ergebnis wie auch im vorliegenden Fall an Präzision meist ihresgleichen sucht. Oder hat sich schon mal jemand außerhalb eines Hörspieltonstudios Gedanken darüber gemacht, wie genau jetzt Regen auf Vordachpfützen klingt?
Überhaupt, Vordachpfützen. Wir kennen Regen, der auf Wellblechdächer prasselt und gegen Scheiben peitscht. Aber eher selten wird über den Klang von Regen, der in Pfützen fällt, berichtet. Aber auch da macht er offenbar nicht einfach platsch. Je nach Pfützen- und Regenart ergibt sich wohl ein eigener Klang. Ohne ein kleines Zutun des alten Morpheus wäre dies für die Vordachpfütze vielleicht nie herausgefunden worden.
Dem Aufwachen und der Formulierungskunst von FrauJ sei’s gedankt, ich habe ein neues Klangbild in der Nase.

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Skandaleuze

malte
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Früher, ja früher hätte dieser Tweet zu schlimmen Reaktionen geführt. Wütende Christen hätten ausgedruckte Tweets verbrannt und Scheiben von Internet-Service-Providern wären eingeworfen worden. @MalteWelding hätte in weltweit ausgestrahlten Interviews Abbitte leisten müssen, kurz nachdem Biz Stone sich von ihm öffentlich distanziert hätte. Twitter wäre als Teufelszeug auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden (in Wirklichkeit wäre es ein Haufen iPhones gewesen, aber früher nahm man sowas ja nicht so genau.) Feuilletonisten der ganzen Republik hätten über Meinungs-, Religionsfreiheit, Verantwortung und Rücksicht debattiert und Paulskirchenreden gehalten.

10 Jahre danach wäre dem „Streit“ eine „Tweet & Kritik“ Ausgabe gewidmet gewesen, mit @maltewelding auf dem Cover. Germanistikstudenten würden in Seminaren wie „Twitteratur und Geschichte“ die Ereignisse Aufarbeiten und liberale und extrem differenzierte Meinungen dazu entwickeln.

Aber heute ist nun mal heute. Und man muss schon noch in seiner Jugend in der SS gedient haben, um irgendwen hinter irgendwas hervorzuholen. Und auch wenn wir vermuten, dass @maltewelding sich diesen Ablauf insgeheim genau so gewünscht haben dürfte, wollen wir es ihm nicht gönnen. Nicht den brutalen Kampf um die Wahrheit und nicht die Pein im Dauerfeuer der mörderischen Springerhetze. Und dennoch war sein Tweet ja nicht ohne Resonanz. Ich zum Beispiel musste herzlich lachen und fünf Favs sind als Lohn für heutige Agents Provokateur sogar eine okaye Ausbeute. Da muss man nur mal Schlingensief fragen.

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Herdentriebe

ach Samstagabend, was bist du nur für ein feiner Gradmesser der Gesellschaft.
Wie eine Herde >Tierart einfügen< scharren wir uns um den Fernseher, aufgeteilt in DSDS Gucker, WOK-WM Gucker und Nix-Gucker Mauler. Dabei geht es doch gar nicht um >dämliche TV-Show einfügen< sondern um das gemeinsame Twitterstream-Erlebnis. Es ist diese brilliante Kombination aus intellektuell hochwertigen Kommentaren und unterirdischen TV-Protagonisten. Wie die Ochsen sitzen wir mit unseren Laptops auf dem Sofa und geifern sabbernd nach dem nächsten Witz, den es in einen Tweet zu verwandeln gilt.

Und manchmal, ja manchmal, schiebt sich in diesen Twitterstream die Manifestation des Web2.0-Ochsen, dem statt dem Ring durch die Nase, ach was red‘ ich, macht Euch doch selbst ein Bild:

HerrLehmann
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Und dann sehe ich ihn vor mir, den NativeWiederkäuer, dem der wirbellose Tintenfisch halb aus dem Mund hängt, den Blick auf den Fernseher gerichtet, die Hände auf der Tastatur, mit langsam ausholdenden Kieferbewegungen kauend, das Fritteusenfett findet sucht sich seinen Weg zwischen N und J.

Ursprünglich wurde übrigens die heile Nase eines Ochsen durchbohrt, um einen Ring hindurch zu ziehen und den Ochsen so nutzbar zu machen. Hat >Privatsender einfügen< dies bei uns geschafft oder bleibt @HerrLehmann ein Einzelschicksal?

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Blogs vs. Twitter oder «Was macht eigentlich…»

Ohne Frage ist es in den vergangenen beiden Jahren im Netz zu einer Verlagerung der Aufmerksamkeit von Blogs hin zu Twitter gekommen. Wenngleich auch Blogs von Twitternutzern immer noch wahrgenommen werden, sonst – Achtung jetzt kommt ein wunderbarer Konjunktiv II! – läset Ihr dies nicht ;-) , ist eine zweiseitige Vernachlässigung zu konstatieren. Wieso zweiseitig? Die moderne Microblogging-Forschung unterscheidet hier zwei Phänomene, die in ihrer extremen Auswirkung sogar in medialer Blogentsagung kulminieren können:

1. Vernachlässigung auf Seiten der Text-Produzenten:
Ein großer Teil der Zeit, der ins Zwitschern investiert wird, geht für die Blogtextgenerierung verloren. Was früher kurz gebloggt wurde, wird jetzt rasch getwittert (geht aber schlimmstenfalls im rasch dahinfließenden Twitter-Strom unter). Der Zeitknappheit geschuldet werden weniger ausführliche Blogartikel verfasst, sondern kurze Befindlichkeits- und Statement-Tweets abgesetzt.

2. Vernachlässigung auf Seiten der Text-Rezipienten:
Während früher Pausen im Tages- oder Nachtverlauf für eine kurze Runde durch die Lieblingsblogs oder einen feedreduzierenden Abstecher in den RSS-Reader getätigt wurden, schauen immer mehr Mitglieder der Webciety mal eben auf Twitter nach, was dort gerade so abgeht. Und da ist ja – je nach Anzahl der subskribierten Twitterautoren (s. 1.) mehr oder weniger – immer was los. Je länger und lieber die Menschen im Microbloggingbereich verbleiben, desto weniger bleibt fürs Makroblogging über.

Man mag (und muss) dies (wohl) als Fakt akzeptieren. Viele – wozu sich auch der Autor dieser Zeilen zählt – haben für sich einen annehmbaren Kompromiss gefunden, sich nicht zwischen dem kurzen, manchmal mobilen, und meist effektiven Twittern und dem mehr auf Persistenz und In-die-Tiefe-Gehen von Blogs zu verlieren. Viele wissen auch, dass, wenn sie Blogs vernachlässigen, ihnen da irgendetwas fehlt. Das sind dann die Momente, in denen man sich fragt «Was ist eigentlich aus dem Blog von … geworden?». So wie in der STERN-Rubrik «Was macht eigentlich…?».

Aber seien wir mal ehrlich: Ist ein prägnanter Unter-140-Zeichen-Tweet manchmal nicht wesentlich geeigneter als ein mittellanger Blogartikel, der – ob fehlender Zeichenbegrenzung gerne auch mal wortschwülstig – im Pseudokleidchen einer wissenschaftlichen Abhandlung daherkommt? Bestes konkretes Beispiel: man vergleiche diesen Blogartikel mit folgendem Tweet von @mathiasrichel:

mathiasrichel

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;-)

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Stimmungsvoll

– „Hallo?“
– „Ja, Nummer 6?“
– „Was machen wir denn heute, Nummer 4?“
– „Ach, Nummer 3 meinte, wir könnten zur Abwechslung mal wieder das schlechte Gewissen spielen. Hätten wir schon lange nicht mehr.“
– „Gar nicht wahr! Das war doch erst vorgestern. Ich will lieber Ex-Freunde imitieren. Das fetzt immer so. Und außerdem habt ihr’s mir und Nummer 7 letztens versprochen!“
– „Ehrlich? Daran kann ich mich gar nicht erinnern, werte Nummer 5. Übertreibst du nicht ein bisschen? So wie neulich, als du dachtest, tote Verwandte wären der letzte Schrei? Ich meine, das ging ja nun völlig in die Hose. Nicht ein einziger hat funktioniert! Und Nummer 8 hat sich mit seiner Version des Großonkels bloß schrecklich blamiert. Von Nummer 9 als Uropa mal ganz zu schweigen…“
– „Menno, die Idee kam doch gar nicht von mir, Nummer 1 war’s! Nummer 1, jetzt sag‘ halt auch mal was! Und hör‘ auf zu popeln, das kann ja keiner mitansehen.“
– „Öhm? Wie? Ich? Also ja, ich hätte Bock auf die klassische Variante. Einfach rumnerven bis der Arzt kommt, mit leichter Tendenz zum Durchdrehen. Das zieht immer. Nummer 2 kann das übrigens wirklich super, die hat mir damit vor ein paar Tagen wieder richtig Angst eingejagt!“
– „Laaangweilig!“
– „Pff, Nummer 2, ständig darf Nummer 2 zuerst…“
– „Wie bitte, Nummer 4 und 7? Habt ihr etwas gesagt?“
– „Hm? Nö, nö. Macht ihr nur.“
– „Ts, musst du dich denn tatsächlich immer angesprochen fühlen?!“
– „Ähm, na gut. Dann schicken wir Nummer jetzt 2 vor und die anderen können danach langsam folgen. Aber bitte nicht wieder mit diesem James-Blunt-Timbre, Nummer 6! Es gibt Grenzen und das treibt selbst mich an den Rand des Wahnsinns!“
– „Ja ja…“
– „Okay, wären nun alle mit diesem Plan zufrieden? Können wir loslegen? Oder gibt es noch irgendwelche Einwände?“
– „Mein Gott, ihr spinnt doch echt alle!“
– „Pff, Nummer 10 nun wieder, ey. Typisch…“

stimmen
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