Twitteratur ist, so wissen wir seit gestern der Unterschied zwischen prosaischer Kurznachricht und performativer Kunst.

Der Performanzcharakter eines Tweets kann wie im gestrigen Beispiel den Eindruck der zeitlichen Unmittelbarkeit vermitteln und uns livehaftig werden. Er kann aber auch in seinem Dasein schon von einem abgeschlossenen Akt künden, also die Perfomance seiner Entstehung selbst dokumentieren.
Dies gelingt, wenn der Tweet uns mitteilen kann, wie er gemacht wurde. Ein in ihm geäußertes Wort (oder ein Wortteil), das auf ein Verb zurückgeht, welches wiederum den Akt des Twitterns bedeutet, ist hier unabdingbar.

Und wenn ein Tweet seinen Inhalt nicht nur in der Kürze des allfälligen Beispielbruders namens Haiku darbietet, sondern sich aufs singuläre Wort, auf gerade einmal 15 Zeichen beschränkt, dann ist er nicht nur Kunst im Sinne des Inhalts, sondern im Sinne der Form, nämlich sprachliche Verdichtung und mithin eine Variante der Poesie.

Allgemein meinen wir, Kunst müsse einen Bedeutungsüberschuss produzieren. So kann ein Gemälde ein Ereignis schildern, dabei eine politische Aussage treffen und gleichzeitig noch etwas über Farbharmonien lehren. Oder ein Tweet erzählt eine Geschichte mit moralischer Sinnebene in Hexametern. Aber Kunst kann auch die Reduktion des Werks auf sich selbst sein. Gertrude Steins Rose zeugt seit bald 100 Jahren exemplarisch hierfür. Ähnliches macht den vorliegenden Tweet so genial: Bei aller poetisch gefassten Performanz: Er ist, was er ist.

tweet
[Link]

Das ist moderne Kunst.


Kommentieren

Also ich finde:

Das sagen die Anderen: