Es wird derzeit viel über Twitteratur geredet. Das können wir sicher auch als Erfolg für uns verbuchen. Aber natürlich stellt sich an solch einem Punkt auch die Frage, was Twitteratur denn nun genau auszeichnet. Nun, es ist einfach zu sagen, Twitteratur sei eben Literatur in 140 Zeichen. Und weiß Gott, wie oft wir dies implizit behaupteten! Aber ich möchte an dieser Stelle zugestehen, das das 1. nicht hinreichend wäre, sich als Genre abzugrenzen und 2. glücklicherweise auch gar nicht das einzige Kriterium ist. Denn die Twitteraturforschung hat soeben einen Sprung gemacht, wie die Physik zu Zeiten Galileos!

Nehmen wir einen guten, aber doch exemplarischen Tweet. Wie den hier, von @reinerwein:

reinerwein
[Link]

Was zuerst auffällt ist eine gewisse Schnodderigkeit. Das kann man mögen oder nicht, neu ist auch dies nicht in der Literatur. Bedenkt man aber, dass dieser Ausspruch, wie ein Ereignis in meiner Timeline aufspringt und in mir dieses Gefühl der Präsenz gibt, der unmittelbaren Teilhabe, als säßen wir in einem Raum, bekommt der Tweet etwas verbales. Etwas performantes. Ja, der Echtzeitaspekt ist eine Sache, die den Twitterern beim Twittern ja durchaus bewusst ist. Es ist nicht einfach ein Text, der geschrieben und irgendwann irgendwo von irgendwem gelesen wird. Es ist ein Spruch, der ausgerufen wird in einer Runde von Leuten, die jetzt in diesem Augenblick zuhören. Ein bisschen so, wie auf einer Bühne.

Twitter verwandelt Text in Performance! Gute Twitteratur ist somit immer auch Schauspiel und spielt mit der Präsenz seiner Zuhörer. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt, der bisher noch viel zu wenig gewürdigt wurde und der die Twitteratur noch mehr als nur die 140 Zeichenbegrenzung einen eigenen Bereich in der Literaturgeschichte sichern wird. Vielleicht.

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Faustus

Ich muss sagen, das hast Du perfekt auf den Punkt gebracht, humorvoll zwar, aber dennoch durchaus treffend. Twittern hat etwas vortragendes; als würden wir uns gegenseitig von den Bühnen zurufen. Spannende Sache, das. Hätte ich die Zeit dafür, würde ich dem vielleicht wirklich eine literaturwissenschaftliche Untersuchung widmen. Vielleicht reichts ja für ne linguistische…

Gepostet von Faustus am 25. März 2009 um 12:31.
Benedict

Performance ohne leibliche, sondern nur mit virtueller Kopräsenz. Verrückter Kram. Da lohnt es sich, mit Sandbothe ranzugehen: http://sandbothe.net/40.html
Der Text ist zwar von 1997 und lässt Web 2.0 noch völlig außen vor (ich selbst habe lange daran gearbeitet, seine Theorie um Web 2.0 zu erweitern, funktioniert sehr gut), aber ich finde jeder, der sich für Performance im virtuellen Raum interessiert, sollte ihn mal gelesen haben.

Gepostet von Benedict am 26. März 2009 um 09:17.
Bonmot at Twitkrit

[...] Zurück zu mir! Als Twitkriter stehe ich oft vor eben diesem Problem. Viele Tweets, vor allem die besten, sind Bonmots. Der Echtzeitaspekt bei Twitter nämlich führt zu den wildesten und schönsten Spielereien in Sachen Situationsausnutzung. Ich habe diesen Aspekt schon einmal ausführlich dargelegt. [...]

Gepostet von Bonmot at Twitkrit am 31. Mai 2009 um 16:20.