Werkstattcharakter

[Link]
Na, auch verlesen?
Mein erster Gedanke beim flüchtigen Anblick dieses Tweets war ja: “Die meint doch geflickert!” Dann erst wurde mir blödem 21st Century Kid gewahr, dass es schon vor dem Web2.0 ein wunderbares Verb gab, dessen Partizip II wirklich “geflickt” ist. Es handelt sich dabei um “flicken”, vielleicht den Älteren noch aus der Verwendung in “einen Reifen flicken”, “die Hose oder die Socken flicken” und als Substantivierung bei „Flickenteppich” oder “Flickwerk“ geläufig.
„Flicken“ meint als Verb den Vorgang der Reperatur, bei der etwas auf oder an das zu Reparierende angebracht wird. EIn Vorgang der in der heutigen Wegwerfgesellschaft in Vergessenheit gerät. Beim Reifen benutzt mensch diese gummierten Kleberchen zum Flicken, bei den Socken wird ein neuer Faden eingearbeitet, um das Loch zu stopfen, auf löchrige Hosen kommt ein Aufnhäher, der Flicken eben. Der Flickenteppich aber ist kein reparierter Perser, sondern ein ganz bewusst aus einzelnen Flicken zusammengenähter. Die Freunde der Näharbeit wären zurecht beleidigt, würden wir ihre Patchworkkunst als Reparatur bezeichnen.
Dennoch gründet diese Fertigkeit ursprünglich auf einem Mangel und auf Improvisation. Flickenteppiche wurden nunmal aus Stoffresten zusammengenäht, wenn es nicht ausreichend Material für ein Werk aus einem Guss gab. So haftet dann auch dem metaphorisch gebrauchten Flickenteppich und seinem Freund, dem Flickwerk, eine negative Bedeutung an. Der Flickenteppich der deutschen Kleinstaaten in alten Zeiten beispielsweise wird uns im Geschichtsunterricht immer als ein Problem dargestellt, dass der Herr Bismarck zu lösen hatte. Ebenfalls negativ konnotiert ist das Verb selbst in der indirekten Verwendung, wie bei Lessing mit Verachtung des gemeinen Handwerks und auf die Poeterey bezogen zu lesen ist:
es hat der schuster Franz zum dichter sich entzückt,
was er als schuster that, das thut er noch, er flickt.
Was aber will uns Dummchens Tweet sagen?
Dass unsere Tweets allesamt miese Dichtung sind? Aber nein, den Anspruch, ihr Gezwitscher sei ein Lied zur Leier, haben doch (zum Glück?) nur wenige. Dieser Tweet zielt auf Größeres, er ist von existenzialphilosophischer Art.
Es ist doch nun mal wieder einmal so: Wir sind doch nicht nur als Kinder des Postposdekonstruktivismus eine fragile Summe aller unserer Einzelteile, wir bekommen diese auch noch nicht einmal recht zusammengesetzt. Als Smudo für den deutschen Mittelstandshiphop rappte, er wolle ein Ego wie Lego auseinanderziehen, ging er wohl von einer sinnvoll zusammengefügten Sache aus. Das war falsch. Denn ganz ehrlich: Wer von uns ist schon ohne Bau- und Bruchstellen? Wer hat schon niemals gelogen, geschönigt, verschwiegen, um das eigene Bild irgendwie wieder repariert in den Rahmen zu rücken? Wer geht den ohne notdürftig vernähte Wunden durchs Leben?
Dummchen hat recht. Wir haben alle geflickt. Und wir tun es immer wieder. Das ist zwar ein wenig dreckig, aber menschlich. So sind wir: Saufen, Fressen und Flicken.
Kommentieren
Das sagen die Anderen:
Bei Schiller wäre ich jetzt mangels Intellektualität nicht gelandet, wohl aber bei Moers bzw beim “Kleinen Arschloch”.
Gepostet von ramses101 am 04. März 2009 um 11:15.[...] – http://www.twitkrit.de/2009/03/04/werkstattcharakter/ [...]
Gepostet von LeserEins » Blog Archive » Selfreferential Linksm 2009-03-05 am 05. März 2009 um 07:54.