H&M hat seinen ersten Markt in Deutschland 1980 in Hamburg eröffnet. Doch auch fast dreißig Jahre später ist der schwedische Konzern für einen in Hamburg lebenden Spanier nicht flexibel genug. Davon, sowie von nationalen Stereotypen, der Saukälte und der Sehnsucht nach wärmenden Handschuhen handelt diese Twitkrit.

Andrés San José Gutiérrez lebt seit diesem Monat in Hamburg. Er wird im kalten Norden gleich von extrem niedrigen Temperaturen überrascht und möchte sich ein paar Handschuhe kaufen. Gar nicht so einfach für den frierenden Iberer in der Hansestadt. Er klagt als @ansanjose sein Leid auf Twitter:

ansanjose

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Übersetzung des Tweets auf deutsch:

-8º heute Morgen. Neulich wollte ich mir Handschuhe bei H&M kaufen, da haben sie mir gesagt, sie hätten keine, weil jetzt der Frühling komme. Deutsche

In diesem Tweet steckt so viel drin, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, ihn zu besprechen. Ich versuch’s mal so:

Da haben wir die bereits angesprochene verständliche Not eines von wärmeren Temperaturen verwöhnten Spaniers mit der extremen Kälte in Deutschland umzugehen. Temperaturen weit unter Null; klar: da will er sich Handschuhe kaufen, um seine sonnenverwöhnten iberischen Fingerchen vor der rauen teutonischen Kälte zu schützen. Er sucht dazu einen Laden auf, der ihm aus seiner Heimat schon vertraut ist: den Hennes und den Mauritz, den kennt er ja schon von zuhaus. Ein selbstverständlich einkalkulierter Vorteil aller global agierenden Dienstleister und Händler: Vertrauen zu einer Marke, Wiedererkennen von Gewohntem weltweit aufbauen und zur Umsatzsteigerung ausnutzen. Doch jetzt tappt unser Spanier, selbst im Bereich Marketing tätig, in die Globalisierungsfalle: große Konzerne sind hochprofessionell strukturiert, aber eben auch wenig flexibel. Lederwaren Schmidt oder Tío Alfonso aus dem kleinen Lederwarengeschäft um die Ecke können da eher mal ‘ne Kiste Fingerwärmer extra ordern, aber bei H&M passt das nicht in die saisonal vorgesehene Produktpalette. Es kommt ja der Frühling, da ist kein Platz für guantes (Handschuhe).

Einen Fehler macht unser Spanier aber, wie ich finde, bei seiner Einschätzung der misslichen Situation: Er beendet seinen Tweet mit einem vielsagenden Alemanes. Stilistisch prima platziert, mit einem Wort alles gesagt. So sind sie halt, die Deutschen. Fraglich, ob der nationale Stereotyp vom ordentlichen Deutschen, der eben alles durch und durch plant und dabei auch sehr unflexibel ist, zu halten ist. Glaube kaum, dass es @ansanjose in seiner spanischen Heimat besser erginge, wenn er dort nach Kälteeinbruch in einem dieser Läden sein Glück mit guantes versuchen würde. Spanier. Und vor allem: Schweden.

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Marcel

Dieser Beitrag erinnert mich an die Literaturerörterungen im Fach Deutsch, in denen wir Gott und die Welt in einen Roman hinein interpretieren sollten, obwohl der Autor höchstwahrscheinlich einfach nur genau das ausdrücken wollte was da steht. Nicht mehr. Und wahrscheinlich weniger.

Gepostet von Marcel am 20. Februar 2009 um 14:48.
textundblog

Marcel: wenn Du tatsächlich einen Deutschunterricht genossen haben solltest, in dem Euch nahe gelegt wurde, was in einen Roman hinein zu interpretieren, dann ist da etwas gnadenlos falsch gelaufen. ;-)
Aber schon klar: die Gefahr der Über- und Fehlinteretation ist literaturkritikimmanent. Wer wären wir bei Twitkrit, wenn wir uns dieser Gefahr nicht auch bewusst wären? Oder sogar – verspielt wir wir nun mal sind – es genau darauf anlegen würden?

Gepostet von textundblog am 20. Februar 2009 um 14:56.
Marcel

Diese Gefahr kenne ich, die begehe ich tagtäglich auf unserem Blogazine.

Aber es ist ja schön, dass sich manche Menschen mehr über andere Leute Gedanken machen, was sie denken, wo sie herkommen. Deshalb lese ich ja Twitkrit. Trotzdem konnte ich mir diesen Kommentar einfach nicht verkneifen ;)

Gepostet von Marcel am 20. Februar 2009 um 15:07.
textundblog

Schon klar. Und danke. Ich freu mich immer sehr über Kommentare.

Gepostet von textundblog am 20. Februar 2009 um 15:12.
Otis B. Driftwood

Hehehe… naja, ich würde von diese “Alemanes” nichts für Ungut nehmen. Das sage ich auch oft, besonders bei der Mittagsessenunterhaltung, immer auf gute Laune ;-) Auf jedenfall, der Mann hat doch _diesen_ Fehler gemacht… ich gehe sowieso davon aus, dass er bei Zara das gleiche Ergebnis bekommen hätte. In Spanien… na, hätte er wahrscheinlich kein “Guantes”-Bedarf mehr ;-)
Übrigens kenne ich manche Deutsche, die ab und zu auch “Deutsche” äussern!! :-D
Grüße aus schweinkalt München (Mensch… brauche doch dickere “Guantes”…)

Gepostet von Otis B. Driftwood am 20. Februar 2009 um 15:40.
Macht der Blogs in Kuba & Kampf gegen Kälte auf Twitkrit » Text & Blog – Das Weblog von Markus Trapp

[...] Und auf Twitkrit, wo ich immer freitags einen Tweet bespreche, geht es heute um einen kürzlich nach Hamburg gezogenen Spanier, dem die Kälte zu schaffen macht, und der sich gerne Handschuhe kaufen möchte. Doch lest selbst: «Die Kälte in Zeiten der Globalisierung». [...]

Gepostet von Macht der Blogs in Kuba & Kampf gegen Kälte auf Twitkrit » Text & Blog – Das Weblog von Markus Trapp am 20. Februar 2009 um 15:45.
textundblog

@Otis: Wir Deutsche schütteln doch am meisten den Kopf über uns.
Stimmt, Du bist ja zur Zeit in München: Und wir sehen, die Spanier leiden (wie übrigens die teutonischen Ureinwohner auch) überall in Deutschland unter der Kälte: vom hohen Norden, mit dem armen Andrés San José in Hamburg, bis runter zu Dir im schweinekalten München. ;-)

Gepostet von textundblog am 20. Februar 2009 um 15:53.
Otis B. Driftwood

@textundblog: Ich war vor 6 Jahren total überrascht zu sehen, wie oft die Deutsche sich über die Kälte beschwert haben… in Sevilla! (dort ist die tiefste Temperatur im Winter ca. -1 Grad… und das nur beim extremen Winter, in der Regel haben wir 4 bis 8 Grad während den kältesten Tagen)
Aber bei uns ist es gleich im Sommer… wer kann überhaupt 40 Grad oder mehr ertragen? ;)

Gepostet von Otis B. Driftwood am 20. Februar 2009 um 15:59.
textundblog

@Otis: Wetterjammern ist sowieso ein beliebtes Thema (auch auf Twitter). Ich werde dann hier im Sommer was drüber schreiben: «Die Hitze in Zeiten der Globalisierung».

Gepostet von textundblog am 20. Februar 2009 um 16:04.
ansanjose

If you don’t mind, I’ll reply in English, my written German is not as good as I would like. So surprised for all the comments about a tweet. Just a clarification about the “Deutsche”. I’ve been living for three years and a half in Berlin some years ago, I moved back to Spain for another three years and now I am back to Hamburg. I wasn’t able to find “Handschue” and made me remember this really German positivism about the weather, the first ray of ligth that comes from the sky, is always wellcomed in Germany as the proof that spring is around the corner. From that moment, you begin to see people on terraces, fighting the winter back, drinking coffe and telling the winter that his reign is gone for this year.

At this point, the city begins to bloom. More people on the streets, smiles everywhere, and finally even the “Spanier” begins to feel that something opens inside of his chest and begins to feel that “the wintertime is almost gone”.

Best,
Andrés San José Gutiérrez

Gepostet von ansanjose am 21. Februar 2009 um 18:41.
textundblog

Thank you very much, Andrés, for the clarification and sorry for the misinterpretation (we mentioned that above: analizing a text always carries the danger of misinterpretation). Now we know, what you meant with “Deutsche”. And you’re totally right: with the first shafts of sunlight, the people say goodbye to winter. I wish, we’d have this shafts of sunlight very soon, I can’t stand that winter anymore.

I wish you a very good time in Hamburg and hopefully – for all of us – that so desired spring will come soon. ;-)

Saludos,
Markus

Gepostet von textundblog am 21. Februar 2009 um 18:57.