Twitkrit

Lyrik in 140 Zeichen – kann das reichen?

@literaturcafe und BoD haben eine gute Idee gehabt und diese in Form eines Wettbewerbs umgesetzt: Auf Twitter-Lyrik darf gereimt und gedichtet werden, bis zum Tag der Poesie, dem 21. März (den gibt’s wirklich, das haben die sich nicht erfunden). Der oder die Gewinner/in bekommt ‘nen iPod touch. So weit so gut. Oder so schlecht, ob der teilweise miesen Qualität der lyrischen Ergüsse, die dort bisher eingeschickt wurden.

Doch Twitkrit wäre nicht das Rezensionsorgan Eurer Wahl, würden wir nicht für Euch die Perlen aus den vor die Säue geworfenen Dichtversuchen rauspicken. Twitkrit spricht – ohne dass wir hier zur Jury berufen worden wären, noch diese beeinflussen wollten – eine lobende Erwähnung für folgende drei Beiträge aus:
(Entgegen unserer sonstigen Gepflogenheiten werden die Tweets ausnahmsweise nicht nur im Screenshot dargestellt, sondern zusätzlich aus dem Twittereingabefeld befreit, um sie in ihrer lyrischen Form erscheinen zu lassen. Mit den von den Autoren vorgesehen Zeilenumbrüchen).

Lotree:

lotree

[LINK]

Name gesucht
unvorstellbar geflucht
Klingelknöpfe gedrückt
Ein Ruf & ein Hund
spielt verrückt Schreie aus
der Sprechanlage
andere Etage

@Lotree zeichnet mit seiner getwitterten Poesie eine dichtes Stimmungsbild einer Alltagssituation. Formal beeindruckend, in seiner Schlichtheit berührend.

King_Haggard:

king_haggard

[LINK]

Uns’re Dichter ham’s nicht leicht.
Oft schon weil der Raum nicht reicht.
Sie müh’n sich um den besten Satz.
Und ist er da, dann fehlt der Pl

Die Krux, mit der Beschränkung auf 140 Zeichen auszukommen, wenn der lyrische Schreibfluss einmal losgebrochen ist, bringt niemand besser auf den Punkt als @King_Haggard.

Sabbeljan:

sabbeljan

[LINK]

Schmelze
Er schmolz vor Liebe dahin
Sie schmolz vor Liebe dahin
So schmolzen sie auseinander
Er dahin
Sie dahin

Ein Liebesgedicht, das seines gleichen sucht und nicht findet, ist der Tastatur Herrn @Sabbeljans entsprungen. Mit Titel und Hashtag (#twly). Die Form perfekt gewahrt, den Liebeskitsch zugleich humorvoll enttarnt.

Diese kleine Auswahl aus den eingereichten Vorschlägen ist selbstverständlich eine sehr subjektive. Daher postet Eure persönlichen Favoriten (zur Not auch die eigenen, *grummel*) gerne in den Kommentaren. Außerdem kann es ja noch bessere Einreichungen geben, der Lyrik-Wettbewerb läuft schließlich noch über drei Wochen (auch hier freuen wir uns über noch eingehende Hinweise auf Lyrik-Preisverdächtiges aus Eurer Sicht). Wir sind jedenfalls gespannt, was da noch kommt. Vielleicht fühlen sich noch einige Twitkrit-Leser berufen, das Niveau der Einreichungen weiter in die Höhe zu treiben?! ;-)

Wer sich für den Hintergrund des Wettbewerbs interessiert, findet übrigens ein von der @writingwoman geführtes Interview mit Literatur-Café-Herausgeber Wolfgang Tischer auf Treffpunkt Twitter.

Zum Abschluss noch ein astreiner 140-er zum Thema Dichtkunst in Zeiten des Microbloggings aus der Feder von Twitkrit:

Lyrik in 140 Zeichen? Kann das reichen?
Der Platz ist knapp, die Not ist groß.
Wir finden die Idee famos.
Der eine kann’s, die andere nicht.

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LOL, Katzen

Ein soziologisch, psychologisch, kulturwissenschaftlich und auch sonst nicht ausreichend erforschtes Phänomen der Beziehung zwischen Mensch und Internet ist die darin innewohnenende besondere Bedeutung von Katzen. Hier drei relativ kurz und zufällig aufeinander erschienene Tweets zum Thema:

Auch wenn diese Tiere schon im alten Ägypten verehrt wurden und mancherlei Code hinter den Webseiten an Hieroglyphen gemahnt, einige Nachteile der Miezen sind offensichtlich: Sie haaren, sie sind im Vergleich zu Hunden unberechenbar, ihre Krallen sind im ausgefahrenen Zustand eine lethale Waffe und über sie werden Musicals geschrieben. Und das, obwohl ihnen grundlegende zivilisatorische Fähigkeiten fehlen:

katzensprechennicht
[Link]

Wie einfach haben es da Wellensittiche. Oder Hunde? Aber es kommt noch schlimmer als lediglich Sprachlosigkeit und Dummheit:

katzenfurz
[Link]

Vielleicht ist diese schwarze Katze nur das schwarze Schaf unter den Stubentigern, vielleicht ist es auch dem ein oder anderen Menschen nachvollziehbar, dass bei Wohlgefühl (durchs Streicheln) auch die sonst oft quälende Verdauung in Gang kommt, nur: das bleibt doch ekelhaft! Insbesondere, wenn wir bedenken, dass die Fürze dieser Viecher fies stinken. Bäh, Katzen!

Es gibt ernstzunehmende Gründe gegen Katzen. Auch im Internet. Aber muss nerd soweit gehen, wie im folgenden Fall?

katerfrühstück
[Link]

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42 oder: wen würde man anrufen?

Schnell! Wer wird Millionär? Du? Die Stille auf dem heißen Stuhl. Die Millioneneurofrage! Du weißt die Antwort nicht. Dein Telefonjoker ist frei wählbar! Wen rufst Du an?

Gehen wir diese Frage doch einfach mal historisch an.

Erkenne Dich selbst!” schnauzte das Orakel dem armen Sokrates entgegen. So ein Arschloch von Orakel! Die gleichnamige Firma wollte für ein Programm, das selbiges nur dann sagen konnte, wenn man es vorher eingegeben hatte, zeitweise bis zu einer Millionen Dollar haben. Yahoo dagegen glich mehr einer tiefen dunklen Höhle, in deren verästelten Gängen man sich immer wieder zu verlieren drohte. Altavista dagegen brabbelte. Zwar nur unverständlichen Scheiß, aber dafür sehr viel.

Doch dann, pünktlich zum Millenium, kam Google. Google war das erste brauchbare Orakel. Vor allem, als es anfing die Wikipedia zu indizieren. Noch heute sitzt man vor dem Rechner und verspürt ehrfurchtsvoll diese Macht in den Händen, für die alle Könige und Herrscher der Geschichte sämtliche Weltreiche eingetauscht hätten.

Aber perfekt? Nein, perfekt ist auch Google noch nicht. Jeder, der ein Blog betreibt, fischt manchmal seltsame Google-Searchrequests aus seinen Referrern: “Du, Google, sach ma, da war doch mal diese Veranstaltung …“, “Hallo, ich habe letztens in Karlsruhe dieses Mädel gesehen und will jetzt wissen, wie ihre Telefonnummer ist“. Zwar hellen diese Requests dem Blogbetreiber ab und an die Stimmung auf, aber weniger schadenfrohe Naturen bemitleiden diese Menschen natürlich, denn sie wissen, Google wird ihnen nur ein “erkenne Dich selbst” husten. Allerhöchstens!

Wen also würde man anrufen? Also ich würde @kcu anrufen.

kcu
[Link, protected]

Und zwar weil er weiß, wen man fragen muss.

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Ich weiß was, was Du nicht weißt und weiß nicht weiter.

Baranek
[Link]

Wie oft haben wir schon verschämt oder beschämt zur Seite geschaut, wenn uns unfreiwillig pikante Informationen zugängig wurden. Ob im Gespräch, unfreiwilliges Lauschen, einfach nur durch Hinsehen, durch das Lesen von eigentlich nicht für uns bestimmte Dokumente, welche durch Zufall in unsere Hände gerieten. Wie oft dachten wir schon, nein, genau DAS will ich jetzt nicht wissen. Ich will es vergessen, jetzt, sofort.

Es gibt jedoch Dinge, die können wir einfach nicht vergessen, weil sie sich eingebrannt haben in unsere Zellen, in unsere Gene, in unsere Haut, in unsere Seele. Das Wissen um etwas, die Erinnerung an Realitäten des Denkens versus des Vergessens, das Schwinden von Bewusstseinsinhalten, das ein absichtliches vollständiges oder teilweises Erinnern derselben verhindert.

Wie furchtbar muss es für @baranek sein, nicht vergessen zu können, über unfreiwilliges Wissen zu verfügen? Und er ist nicht alleine. Scheinbar teilt er ein bestimmtes Wissen mit anderen, die möglicherweise ebenfalls eine Vergessensherausforderung haben.

Kurzum: @baranek hat ein Geheimnis, das er nicht haben will, aber nicht vergessen kann und welches er mit anderen teilt.

Ergo: Er hat ein Googlehirn und wartet auf den Serverausfall. Tja. Da gibt es nur eines: AdSecrets. Das Geheimnis solange bewerben, bis einem wirklich jeder einmal auf den Kopp gehauen hat. Das bringt ordentlich Aufmerksamkeit im sozialen Netzwerk und hilft garantiert auch beim Schwinden des Bewusstseins und dessen Inhalte. Für Risiken und Nebenwirkungen bitte den nächstgelegenen SEO Experten fragen.

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Die Kälte in Zeiten der Globalisierung

H&M hat seinen ersten Markt in Deutschland 1980 in Hamburg eröffnet. Doch auch fast dreißig Jahre später ist der schwedische Konzern für einen in Hamburg lebenden Spanier nicht flexibel genug. Davon, sowie von nationalen Stereotypen, der Saukälte und der Sehnsucht nach wärmenden Handschuhen handelt diese Twitkrit.

Andrés San José Gutiérrez lebt seit diesem Monat in Hamburg. Er wird im kalten Norden gleich von extrem niedrigen Temperaturen überrascht und möchte sich ein paar Handschuhe kaufen. Gar nicht so einfach für den frierenden Iberer in der Hansestadt. Er klagt als @ansanjose sein Leid auf Twitter:

ansanjose

[LINK]

Übersetzung des Tweets auf deutsch:

-8º heute Morgen. Neulich wollte ich mir Handschuhe bei H&M kaufen, da haben sie mir gesagt, sie hätten keine, weil jetzt der Frühling komme. Deutsche

In diesem Tweet steckt so viel drin, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, ihn zu besprechen. Ich versuch’s mal so:

Da haben wir die bereits angesprochene verständliche Not eines von wärmeren Temperaturen verwöhnten Spaniers mit der extremen Kälte in Deutschland umzugehen. Temperaturen weit unter Null; klar: da will er sich Handschuhe kaufen, um seine sonnenverwöhnten iberischen Fingerchen vor der rauen teutonischen Kälte zu schützen. Er sucht dazu einen Laden auf, der ihm aus seiner Heimat schon vertraut ist: den Hennes und den Mauritz, den kennt er ja schon von zuhaus. Ein selbstverständlich einkalkulierter Vorteil aller global agierenden Dienstleister und Händler: Vertrauen zu einer Marke, Wiedererkennen von Gewohntem weltweit aufbauen und zur Umsatzsteigerung ausnutzen. Doch jetzt tappt unser Spanier, selbst im Bereich Marketing tätig, in die Globalisierungsfalle: große Konzerne sind hochprofessionell strukturiert, aber eben auch wenig flexibel. Lederwaren Schmidt oder Tío Alfonso aus dem kleinen Lederwarengeschäft um die Ecke können da eher mal ‘ne Kiste Fingerwärmer extra ordern, aber bei H&M passt das nicht in die saisonal vorgesehene Produktpalette. Es kommt ja der Frühling, da ist kein Platz für guantes (Handschuhe).

Einen Fehler macht unser Spanier aber, wie ich finde, bei seiner Einschätzung der misslichen Situation: Er beendet seinen Tweet mit einem vielsagenden Alemanes. Stilistisch prima platziert, mit einem Wort alles gesagt. So sind sie halt, die Deutschen. Fraglich, ob der nationale Stereotyp vom ordentlichen Deutschen, der eben alles durch und durch plant und dabei auch sehr unflexibel ist, zu halten ist. Glaube kaum, dass es @ansanjose in seiner spanischen Heimat besser erginge, wenn er dort nach Kälteeinbruch in einem dieser Läden sein Glück mit guantes versuchen würde. Spanier. Und vor allem: Schweden.

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Soft spot

Ich gebe zu, ich gehöre wahrhaftig einer aussterbenden Gattung an. Ich bin ein Kinogänger und sehe vermutlich sogar zu viele Filme. Puh, jetzt ist es raus und ich trage für immer den Stempel “Old school” auf der skeptischen Stirn. Aber halt! Was heißt eigentlich “zu viele Filme”? Es ist einfach der Hang zu gut erzählten Geschichten, ein Genuss des Inszenierten. Der Moment, in dem es dunkel wird und sich auf der Leinwand eine neue Welt vor den Augen öffnet, deren Möglichkeiten so zahlreich sind, dass einem schwindeln könnte. Dorthinein lässt man sich bereitwillig fallen und taucht, im Falle einer guten Filmwahl, selbstverständlich erst auf, wenn das harte Licht der Realität wieder angeknipst wurde.

Blinzeln, ein Blick nach links, einer nach rechts, Seufzen und das plötzliche Finden der Orientierung. (Oder das, was man dafür hält.) Hinausstürzen in das “wahre Leben”. Die Bilder klammern sich noch an Kopf und Herz fest, doch selbst das beste Gedächtnis lässt sie irgendwann blass aussehen. Wäre es da nicht wunderbar, wenn man sich schlicht ein klitzekleines Stückchen des Traumfabrizierten bewahren könnte? Wenn man einfach ein Knöpfchen drücken müsste, um einem besonderen Augenblick die Ehre zuteil werden zu lassen, die ihm gebührt? Ihn ein wenig in den rosafarbenen Studiohimmel emporhebt? Vielleicht nicht gleich durch virtuoses Geigenspiel im Hintergrund oder gar in Gesang ausbrechende Bäckereifachverkäuferinnen, aber eben mit ein bisschen “Hollyweird to go”? Ich kann diesen Wunsch jedenfalls unglaublich gut nachvollziehen:

Weichzeichner

[Link]

Also, wer von euch erfindet das jetzt für uns?! Ich suche schon mal die Taschentücher raus.

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