stirb
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Betrachten wir zunächst diesen kurzen Satz einmal in seinen Einzelheiten: „wir … alle“ als handelndes Subjekt meint wohl die ganze Menschheit. Die Verbphrase „werden sterben“ deutet einerseits das Austehen (Futur) eines Ereignisses an und weist andererseits auf das Ereignis selbst, den Tod, das Ende. Allerdings ist „werden“ nicht nur als ein die Zukunft ankündigendes Hilfsverb zu verstehen. Vielmehr zeigt es einen Prozess an.
Allein aus diesen wenigen Entdeckungen ergibt sich

die Notwendigkeit, das Phänomen des Todes als Sein zum Ende aus der Grundverfassung des Daseins zu interpretieren. […] Das Ende steht dem Dasein bevor. Der Tod ist kein noch nicht Vorhandenes, nicht auf der auf ein Minimum reduzierte Ausstand, sondern eher ein Bevorstand.

Allerdings ist der Bevorstand des Todes kein normaler. Ihn unterscheidet ein Punkt existentiell von anderen bevorstehenden Dingen, die wenn sie denn mal gekommen auch da sind. Der

Tod ist die Möglichkeit des Nicht-mehr-dasein-könnens.

Doch diese

Möglichkeit beschafft sich aber das Dasein nicht nachträglich und gelegentlich im Verlaufe seines Seins. Sondern, wenn Dasein existiert, ist es auch schon in diese Möglichkeit geworfen. […] Die Geworfenheit in den Tod enthüllt sich ihm ursprünglicher und eindringlicher in der Befindlichkeit der Angst. […] Mit einer Furcht vor dem Ableben darf die Angst vor dem Tode nicht zusammengeworfen werden. Sie ist keine beliebige und zufällige „schwache“ Stimmung des Einzelnen, sondern, als Grundbefindlichkeit des Daseins, die Erschlossenheit davon, daß das Dasein als geworfenes Sein zu seinem Ende existiert. Damit verdeutlicht sich der existentiale Begriff des Sterbens als geworfenes Sein zum eigensten, unbezüglichen und unüberholbaren Seinkönnen.

Äh, was?
Die Angst vor dem Tod verdeutlicht uns das Seinkönnen und der Tod selbst ist nur eine Möglichkeit? Wir werden möglicherweise alle sterben? Das steht doch da oben gar nicht! Da steht doch eine ganz klare Aussage, ein so ist es. Punkt. Kein Weg dran vorbei. Isso. Nichts, was Angst anzeigen könnte. Keine Ablenkung. Es ist nicht das kierkegaardsche Leiden einer Ausage wie:

Das Leben ist eine sexuell übertragbare Krankheit, die hundertprozentig lethal verläuft.

Den Satz hätte man ja auch twittern können. Bleibt knapp unter 90 Zeichen. Aber er ist nicht so eindeutig, so einfach, so klar. Und diese Klarheit, das Fehlen jeglicher Bezugnahme auf Krankheit oder vielleicht gar Pathos enthebt „wir werden alle sterben“ jeglicher Emotion. Da bleibt’s ganz nüchtern und sachlich. Kein panikheischendes Ausrufungszeichen. Pure Gewissheit. Ich finde das beruhigend.

(Zitate aus: Martin Heidegger: Sein und Zeit, §50. Zitiert nach der 18. Auflage im Max Niemeyer Verlag. Tübingen 2001)


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Also ich finde: