Wer sich im Web bewegt, der exponiert sich. Es ist die Bühne all jener, die sonst keine Bühne haben. Und egal wie klein das Publikum ist, der Selbstdarstellungsdrang kennt keine Grenzen.

Naiv ist es aber zu glauben, aus dem im Web publizierten, nun absolute Rückschlüsse auf den Verfasser machen zu können. Der Autor ist im Web2.0 noch toter als tod. Was man hinter der Maske der Tweets, Blogeinträge und Flickrbilder findet, ist allenfalls das, was Luhmann als “Form Person” bezeichnet. Wir alle tragen Masken.

Die PR-Agentur in eigener Sache installiert sich im Kopf nach und nach, ganz unmerklich aber wirkungsvoll. Und selbst jedes kleine oder große Geständnis, das man den Googlebots zum Fraß vorwirft, ist wohl kalkuliert. Seien wir ehrlich: Das, was an “Authentizität” in der Webcommunity hochgehalten wird, ist eine geziehlt inszenierte.

So hat jeder Mensch Vorlieben und Geschmäcker, verrichtet Tätigkeiten oder hat Angewohnheiten, die er bewusst auslässt und an denen er niemanden teilhaben lassen will. Oder nur wenige Ausgewählte. Da aber heutzutage das Web so derart tief in unser alltägliches Leben hineinreicht, kann es da schon zu Konflikten führen. Während man also zu Hause in dunklen Schubladen noch “Rolf und seine Freunde” oder “Kuschelrock 12″ verstaut hat, sie gelegentlich herausholt und sich an alte Zeiten erinnert, kann man dieser geheimen Vorliebe in seinem Last.FM-Account nicht nachgehen, ohne sich zum Deppen zu machen (und sein Vorliebenprofil unbenutzbar zu machen).

Die Lösung dieses Dilemmas zeigt uns @leralle auf:

leralle
[Link]

Jetzt wüssten wir natürlich auch nur zu gern, was da so gespielt wird. Denn das Paradoxe der Lust nach Öffentlichkeit ist, dass sein Motor das Geheimnis bleibt. Wahrscheinlich würden wir seine Playlist gar nicht ertragen können, aber es ist eben jener Reiz, der die Berliner in den 90er Jahren in jeden noch so popeligen Club trieb, nur weil er nicht angemeldet war. Diese Gier nach Authentizität, die allein aus der Unmöglichkeit von Authentizität resultiert, nannte Derrida einst die “Archivlust” und gleichzeitig “das Böse des Archivs” (fr. “Mal d’Archive”). Und wenn ich die Mechanismen des Web2.0 jenseits des Businessbullshits beschreiben wollte, so täte ich es mit diesem Begriff.

Also @leralle, gib den Account preis! Wir, die Commnuity gieren nach der Authentizität des geheimen. Wir wollen das Profil hinter dem Profil sehen, die Musik hinter Tocotronic hören! Aber halt! Erzähl es nicht jedem! Erzähl es mir, mir allein! Lass mich in den Kreis der Initiierten, denn ich habe tierische Angst etwas zu verpassen!

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Michael

Laaaangweilig. Wieso spart ihr euch nicht die 5 Absätze Drumherumerzählerei, die im Wesentlichen aus tausendmal ähnlich formulierten Erkenntnissen besteht, und postet einfach nur den guten Tweet samt Minikommentar? Nicht nur hier, sondern immer.

Gepostet von Michael am 10. Dezember 2008 um 18:32.
mspro

Und wieso gehst du nicht einfach weg, wenn es Dir hier nicht gefällt?

Gepostet von mspro am 10. Dezember 2008 um 18:37.
Michael

Weil ich ja trotzdem meine Meinung sagen kann und weil ich ab und zu durch Verlinkungen von twitter hierher gerate und bisher jedes Mal wieder dachte, dass es bestimmt nur Pech war und dieses Mal alles besser wird. Außerdem bei der Lesung, also bei der einen, von der ich mal Ausschintte auf hobnox oder so gesehen hab, kriegt ihr es ja auch hin, gute Tweets mit wenigen Worten anzukündigen. Ja, isn anderes Format, trotzdem, ich seh ja, dass ihr es könnt.

Gepostet von Michael am 10. Dezember 2008 um 19:27.
mspro

Du kannst Deine Meinung sagen. Am besten im eigenen Blog. Deswegen musst Du aber nicht hier rumstressen.
Wenn du etwas aufmerksamer unser Blog verfolgen würdest, würde Dir auffallen, dass unser Motto ist: “wir besprechen Tweets”. Nicht: “Wir kündigen Tweets an”. Wenn Dir das besprechen zu viel ist, würde ich Dir empfehlen wo anders zu lesen. Wir besprechen Tweets und zwar so ungerechtfertigt lang, wie es uns passt.

Gepostet von mspro am 11. Dezember 2008 um 00:32.
ich

hey, mein anonymes last.fm-profil kennt auch niemand :-P

Gepostet von ich am 17. Dezember 2008 um 08:45.