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In Weizensacks Ansprache zum vorgestrigen Tage bricht sich in 52 Zeichen (die Zwischenräume müssen hier unbedingt mitgezählt werden, sie weisen durch ihr Da-Sein hin auf die Leere zwischen den Signifikanten) eine ganze Philosophie ihre Bahn. In Nachfolge des berühmtesten aller Träger des schwarzen Rollkragenpullovers (Jogi Löw?) zeigt er uns, was wir sind und was sich daraus machen lässt.
Den Rezipienten als Existenz anzusprechen heißt, ihn existenzialistisch zu begrüßen. Mit dem Anwurf “Existenz” macht Weizensack den Gegenüber zum In-die-Welt-geworfenen und geht von Sartres Paradigma aus, dass eben diese Existenz der Essenz (dem Wesen also) vorausgeht. Das meint nichts anderes, als dass wir erst werden müssen, was wir sein können. Unsere Art ist also bestimmt durch unser Handeln.
Das klingt erstmal cool, denn dann liegt es ja an uns, dann sind wir ja frei, uns selbst zu bestimmen. Von wegen Sachzwänge oder historische Dialektik, diese neurotische Grundkonstante der materialistischen Weltanschauungszwillinge Kapital- und Kommun-ismus kann dem Rollkragenpulloverliebhaber eigentlich genauso gestohlen bleiben, wie all die Religionen, die verkünden, Gott habe uns soundso geschaffen.
Aber:
Die Freiheit, sich selbst zu bestimmen, ist gleichzeitig auch die potentiell völlige semantische Leere. Am Morgen unserer Existenz sind wir nichts. Nada. Niente
Welch Verunsicherung, welch Angst, die uns da ergreifen mag, wenn wir diesem Nichts gegenüber stehen. Und dem wird nur gewahr, wer auch die Zwischenräume des Textes erkennt. Ohne dieses Nichts wäre der Text nicht in seiner jeweiligen Realisierung zu erkennen. Wir brauchen das Nichts, um Etwas zu erkennen. Leider aber müssen wir dieses Etwas erst über dem Nichts erbauen. Scheiß Arbeit.
Auch:
Nicht nur wir machen uns, in der Interaktion zwischen den Einzelnen und ihren Ausformungen, die dann Gesellschaft heißen, werden wir ja auch gemacht. Wenn wir zum Beispiel mit der Simone von der anfänglich völligen Essenzlosigkeit menschlichen Daseins ausgehen, dann sind auch Geschlechterzuschreibungen nur gemachte Kategorien, aber nicht a priori gegeben. Weizensack unterläuft diese Idee, indem er (ich beziehe mich hier lediglich auf das grammatische Geschlecht des Sacks) die eigentlich essenzlose Existenz sofort in bipolare Geschlechterverhältnisse presst. Er dekonstruiert somit einen totalen Existenzialismus.
Kann er deshalb einen “guten” Morgen wünschen? Weil er mit diesem Tweet zeigen will, dass er ein durch Vorabdefinitionen abgesichertes Leben führt und sich nicht mit der Leere des existenzialistischen Menschens abfinden muss? Oder müssen wir uns den Tweet als einen ironischen vorstellen, der durch das billige Gendermainstreaming der Existenzen und Existenzinnen gerade die Sinnlosigkeit solcher Zuschreibungen aufzeigt, um uns an unsere Freiheit des Werdens durchs Handeln zu erinnern? Dann wäre es ein guter Morgen für alle, die sich mal wieder neu erfinden wollen.
Auch hier keine Eindeutigkeiten, nur Möglichkeiten.