Twitkrit

Fortsetzungstweet

Das interessanteste an 140 Zeichen kann meist nur das sein, was eben nicht darin steht. 140 Zeichen reichen oft nur für einen Stups in eine assoziative Richtung. Aber dieser Stups reicht ja meistens für einen ganzen Roman, der sich dann aber nicht mehr bei Twitter, sondern im Kopf abspielt. Die Kunst des Twitterns lässt deswegen auch so beschreiben: Man bereite in 140 Zeichen ein Setting, stelle Parameter ein, erstelle die Rahmenhandlung dessen, was sich im Kopf des Lesers abspielen soll. Wobei das angepeilte Feuerwerkt der Synapsen nicht Drehbuchartig durchchoreographiert werden kann, sondern viel mehr einem nur wenig kontrollierbarem, wissenschaftlichem Versuchsaufbau gleicht.

Ja, gute Twitterer sind experimentierfreudige Wissenschaftler, die in ihren Tweets neuronale Substanzen an ihren Probanden (Follower) testen. Ein Tweet kann in Folge dessen den einzelnen für sich erfreuen (fav), zur Antwort provozieren (reply), oder gar in ein allgemeines Mem auswachsen, dass die halbe Twittosphäre mit sich reißt. Meist wird man selber überrascht, was man mit seinem Versuchsaufbau angerichtet hat.

Aber auch wenn die Freude über ein geglücktes Experiment immer wieder groß ist – zugeben, dass es eines war, würde man doch nicht. Gar nicht mal aus Unlauterheit, vielmehr weil es den Zauber der Inszenierung verblassen ließe.
Es sei denn, man geht die Dinge von vorn herein so offensiv an, wie es @booldog hier zeigt:

booldog
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Dieses Schaf müsste einen schwarzen Rollkragenpulli tragen

Exist
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In Weizensacks Ansprache zum vorgestrigen Tage bricht sich in 52 Zeichen (die Zwischenräume müssen hier unbedingt mitgezählt werden, sie weisen durch ihr Da-Sein hin auf die Leere zwischen den Signifikanten) eine ganze Philosophie ihre Bahn. In Nachfolge des berühmtesten aller Träger des schwarzen Rollkragenpullovers (Jogi Löw?) zeigt er uns, was wir sind und was sich daraus machen lässt.

Den Rezipienten als Existenz anzusprechen heißt, ihn existenzialistisch zu begrüßen. Mit dem Anwurf „Existenz“ macht Weizensack den Gegenüber zum In-die-Welt-geworfenen und geht von Sartres Paradigma aus, dass eben diese Existenz der Essenz (dem Wesen also) vorausgeht. Das meint nichts anderes, als dass wir erst werden müssen, was wir sein können. Unsere Art ist also bestimmt durch unser Handeln.
Das klingt erstmal cool, denn dann liegt es ja an uns, dann sind wir ja frei, uns selbst zu bestimmen. Von wegen Sachzwänge oder historische Dialektik, diese neurotische Grundkonstante der materialistischen Weltanschauungszwillinge Kapital- und Kommun-ismus kann dem Rollkragenpulloverliebhaber eigentlich genauso gestohlen bleiben, wie all die Religionen, die verkünden, Gott habe uns soundso geschaffen.

Aber:
Die Freiheit, sich selbst zu bestimmen, ist gleichzeitig auch die potentiell völlige semantische Leere. Am Morgen unserer Existenz sind wir nichts. Nada. Niente
Welch Verunsicherung, welch Angst, die uns da ergreifen mag, wenn wir diesem Nichts gegenüber stehen. Und dem wird nur gewahr, wer auch die Zwischenräume des Textes erkennt. Ohne dieses Nichts wäre der Text nicht in seiner jeweiligen Realisierung zu erkennen. Wir brauchen das Nichts, um Etwas zu erkennen. Leider aber müssen wir dieses Etwas erst über dem Nichts erbauen. Scheiß Arbeit.

Auch:
Nicht nur wir machen uns, in der Interaktion zwischen den Einzelnen und ihren Ausformungen, die dann Gesellschaft heißen, werden wir ja auch gemacht. Wenn wir zum Beispiel mit der Simone von der anfänglich völligen Essenzlosigkeit menschlichen Daseins ausgehen, dann sind auch Geschlechterzuschreibungen nur gemachte Kategorien, aber nicht a priori gegeben. Weizensack unterläuft diese Idee, indem er (ich beziehe mich hier lediglich auf das grammatische Geschlecht des Sacks) die eigentlich essenzlose Existenz sofort in bipolare Geschlechterverhältnisse presst. Er dekonstruiert somit einen totalen Existenzialismus.

Kann er deshalb einen „guten“ Morgen wünschen? Weil er mit diesem Tweet zeigen will, dass er ein durch Vorabdefinitionen abgesichertes Leben führt und sich nicht mit der Leere des existenzialistischen Menschens abfinden muss? Oder müssen wir uns den Tweet als einen ironischen vorstellen, der durch das billige Gendermainstreaming der Existenzen und Existenzinnen gerade die Sinnlosigkeit solcher Zuschreibungen aufzeigt, um uns an unsere Freiheit des Werdens durchs Handeln zu erinnern? Dann wäre es ein guter Morgen für alle, die sich mal wieder neu erfinden wollen.

Auch hier keine Eindeutigkeiten, nur Möglichkeiten.

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von Mate verweht

Thomas_J
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Wenn „vom Winde verweht“ DER Urfilm aller Prokrastinierer wäre, dann müsste sich vor langer Zeit folgende Szene abgespielt haben:

Nachdem „Red Lobo“ aka Rhett Butler „Scarlett Passig“ aus dem brennenden Friedrichshain befreit hat, um sie dann aus dem 120 Pferde starken Mercedes auf den Kollwitzplatz, dem Tara des Prenzlauer Bergs, zu werfen, um sich den konföderierten Bezirken Pankows anzuschließen, kniete Scarlett Passig im Sonnenuntergang im Sandkasten, grub ihre Hände tief in die Muttererde des Kollwitzplatzes, zog eine Flasche Clubmate heraus – und hörte die Stimme ihres Verlegers: „nur für das Buch lohnt es sich zu leben – nur für das Buch, einzig das Buch ist ewig!“

Und in den gleißenden Sonnenuntergang hielt sie die Mateflasche hoch in den Himmel und die bepullerten Sandkörner kullerten glänzend ihren Handrücken herunter als sie verzweifelt, aber dennoch voller Hoffnung durch das Klettergerüst hindurch rief: „aber nicht heute, verschieben wir’s auf morgen“.

Ich sehe dies so klar vor meinen Augen, daß es gar nicht anders gewesen sein kann.

Danke, daß Du uns erinnert hast, @Thomas_J

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Hilfeschreie eines Huhns aus der Tiefe der Truhe

claudine

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Machen wir uns nichts vor: Wenn ein Huhn sein Leben lassen muss, damit wir ein leckeres Hühnersüppchen daraus bereiten können, dann ist das zunächst mal eine weniger schöne Angelegenheit. Zumindest für das Huhn. Doch wenn so ein Tier sein Leben bereits gelassen hat, dann ist der Wartezustand in der Tiefkühltruhe auch nicht im Sinne des Federviehs. Das Huhn hat geradezu ein Recht darauf zu sagen: «Also hört mal, Leute, wenn ihr mir schon den Garaus gemacht habt, dann lasst mich hier nicht in der Truhe liegen, sondern macht ein nahrhaftes Süppchen aus mir. Ich will raus aus der Kälte, ich will als heiße Hühnersuppe auf Euren Tisch!».

@claudine, auch bekannt als Frau creezy, hat genau für dieses Ansinnen ein tiefes Verständnis. Sie erhört die Hilfeschreie des Huhns Olga aus der Tiefe der Truhe und befreit sie aus den Fängen des Frosts. Wer Frau creezys Blog verfolgt, weiß, dass Sie gut kochen kann und Freude daran hat, aus leckeren Zutaten ein gutes Essen zu bereiten. Und wer claudines Tweets verfolgt, weiß, dass sie die soziale Funktion des Kochens in den Vordergrund stellt. Olga darf sich doppelt glücklich schätzen: sie wurde nicht nur aus den Fängen der Truhe befreit, sondern darf in Bälde die Mägen Herzen der Freunde von @claudine erwärmen:

claudine2

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Ich hatte keine andere Wahl

Mir wäre es ein Leichtes gewesen, heute früh schon die Twitkrit des Tages einzustellen. Ich habe nämlich eine in petto. Zu was ganz anderem. Und dann merkte ich, das heute ja der Tag ist, an dem sich alles entscheidet. Da musste was zu machen. Das ist so relevant, dass gehört auch hier thematisiert. Dachte ich. Seitdem suche ich.

Gibt es was spannendes auf Twitter zum des Tages?
Monatelang war es der Umstand, dass OHB und der Pommesman auch twittern. Nunja. Gähn. Der eine lässt einen Veranstaltungsnewsticker laufen, der andere ätzt uninspiriert und selten gegen den Gegner.
Bei den ganzen deutschen Twitterern mit Obama-Logo im Twittericon fragt sich der geneigte Analyst auch, was der Hype soll und hofft auf eine gehörige Portion Fanmeilenironie.

Das einzig spannende an der Wahl des nächsten Sauron US-Präsidenten ist doch wirklich, wann Twitter abschmiert, weil die Kapazitäten fehlen, um dieses Mega-Event von unzähligen Bürgerjournalisten begleiten zu lassen.

walspecial
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Deshalb: Kein Stress. Den Dingen nur soviel Aufmerksamkeit geben, wie sie verdienen:

praesiwette
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(Werblicher Hinweis: Dieser Artikel wurde nicht gesponsert von „Wahlparty„, es ist trotz allem möglich, dass der Autor da vorbei schaut.)

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Maschenmänner

NGC6544
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Stellen wir uns vor:
@NGC6544 als Twitterer mit ausgeprägtem Hang zur Science Fiction parkt seine Doctor Who Postbox „Tardis“, die er als seine Twitter-Loction angibt, in einem Park in London, Ottensen, Buxtehude oder Schwabing. Ja, stellen wir uns Schwabing vor. Das ist ein „Kultur-Viertel“ in „München“, der „Ort“ an dem ich mir vergangenen Montag meine Bronchitis eingefangen habe. Aber das nur am Rande.

Also, eine Parkbank in Schwabing. Darauf sitzend eine attraktive Frau Mitte Zwanzig bis Anfang Dreißig. Unser Freund @NGC6544 hat sie in seinem Ausserirdischem-Katalog als Überbleibsel der Lila-Generation identifiziert und versucht verzweifelt ihr Bild auf Alice Schwarzer zu mappen. Das dies nicht gelingt, mag daran liegen, daß @NGC6544 nicht informiert ist über die überaus erfolgreichen Web2.0-Strickcommunities in den Ländern jenseits des Atlantik. Sonst wüsste er, daß Stricken sowas von fortschrittlich vernetzt ist, daß es ihm den Schlüpper aufribbeln würde. Folglich gelingt es ihm nicht, auch nur einen Extrakt eines intelligenten Satzes hervorzubringen, um die junge Frau anzusprechen. Er findet einfach nicht die richtige Masche.

Doch dann erscheint ein sportlich attraktiver Einheimischer, nennen wir ihn @heiko. Er schlendert betont cool zur Parkbank. Seine Gadgets baumeln lässig am Körper. Er nimmt eines in die Hand und sagt mit rauher, sexy Stimme:
Heiko
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Die Frau schaut auf, strahlt ihn an, antwortet: „Du, darf ich mal kurz Deinen Browser benutzen, die Uschi, die hat da auf Wollywood.de was über diese Raglantechnik geschrieben und ich muss das mit der Maschenprobe jetzt sofort nochmal nachlesen“ und klimpert mit ihren braunen Rehaugen hinauf zu dem jungen Multimediamann.

„Klar“ sagt der junge Multimediamann, setzt sich neben die Rehfrau und fährt fort: „Ich kann Dir auch ein Abo vom Burda Modemagazin besorgen“.

Fortan sah man die beiden eng in einer Masche aus Bömmelwolle zusammen auf der Parkbank und wenn man ganz genau hinhört, hört man sie leise in sein Ohr flüstern : „Guck, du hast die LM aus dem Stück Garn vor dem Bömmel auf der Nadel, holst das Garn nach dem Bömmel durch und der muss dann sehen, wo er rechts oder links oder vorne oder hinten Platz findet. So sagt das die Miss Piggy.“

Von @NGC6544 hört man, er sei immer noch auf der Suche nach der richtigen Masche und er kann auch immer noch ganz tolle Haiku schreiben. Oder sollte der richtige Hashtag in seinem Tweet vielleicht „#Heiko“ heißen?

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