Das wirklich wahre Leben findet nicht im Internet, sondern auf der Straße statt. Dies war bereits lange vor der Erfindung des weltweiten Netzes der Fall. Im Jahre 1947 schlossen sich die berühmten Photographen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David „Chim“ Seymour und George Rodger bei einer großen Flasche Champagner zur Agentur Magnum Photo zusammen. Die Kooperative humanistisch gesinnter Photographen zeigte in ihren Bildern die Welt, so wie sie war – und das bereits sechzig Jahre vor der Erfindung von Twitter. Sie konnten „Bilder über alles und jeden machen, und die Magazine rissen sich darum“.

Heute haben 140-Zeichen-lange Textnachrichten die grobgekörnten Schwarzweißbilder längst abgelöst – einzig mit dem Unterschied, dass statt Champagner nun Bier aus der Flasche gereicht wird, und die legendären Leicas durch iPhones ersetzt wurden. In Zeiten der Medienkrise reißt sich auch kein Magazin um Tweets, aber Ruhm und Ehre – welche kostenlos und nahezu unbegrenzt verfügbar sind – gibt es für gezwitscherte Reportagen von der Straße natürlich auch.

So ließ uns gestern @holadiho an seiner ereignisreichen U-Bahn-Fahrt teilhaben. Trotz aller gebotenen Neutralität, ist es schön, wenn sich Journalisten einer Sache nicht nur mit professionellem Interesse, sondern mit begeisterter Neugier annehmen:

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Wie es sich für einen richtigen Twitter-Reporter gehört, wird das nähere Umfeld genau beobachtet. Selbstverständlich spielt dabei auch der wertende Kommentar eine Rolle. Dass Worte eine Waffe sind, wusste nicht nur Kollege Kurt Tucholsky:

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@holadiho ist sich natürlich der Bedeutung seines Weges gewiss. Zielstrebigkeit zeichnet den Reporter aus:

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Totes Holz ist zwar längst überholt, aber man muss mit den Kollegen aus den alten Medien schonend umgehen. Sie haben es heutzutage schwer genug, außerdem sieht man sich immer zweimal im Leben. Dass selbst die Zeitung von heute die Neuigkeiten von gestern bringt, braucht da gar nicht gesondert betont zu werden:

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Aber als engagierter Reporter muss man auch Opfer bringen. So sind Rückschläge bei der Recherche unausweichlich:

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Einen Fehler zu machen, ist nicht so schlimm. Wichtig ist, dass er rechtzeitig erkannt und behoben wird:

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Eindrucksvolle Bilder vom Ort des Geschehens ergänzen das geschriebene Wort perfekt:

[Link zum Original-twitpic], das Bild wurde von der Redaktion leicht nachbearbeitet und dem Magnum-Stil nachempfunden.

@holadiho lässt sich von kleineren Widrigkeiten nicht abschrecken und steigt tiefer in die Recherche ein. Was für Günter Wallraff die Bild, das Stahlwerk oder das Call-Center waren, sind für ihn die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Keine Mühen scheut unser Mann an der Front, um die Machenschaften der gewissenlosen Fahrkartenkontrolleure schonungslos aufzudecken.

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Wer sich hinter Herrn 89108 verbirgt konnte bislang noch nicht abschließend geklärt werden. Nachdem @holadiho aber in der Vergangenheit bereits die Identitäten der hinter den Decknamen IM Notar und Paolo Pinkel stehenden Personen zweifelsfrei ans Tageslicht gebracht hat, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch das Rätsel um Herrn 89108 gelöst wird.

Schonungslos enttarnt der verdeckte Reporter, wie die BVG verirrte und hilflose Menschen nicht nur auf kaltblütigste Art und Weise finanziell ausnimmt, sondern sie auch noch psychisch erniedrigt:

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Von derart aufopferungsvoller Racheretätigkeit erholt, wird @holadiho demnächst den Henri-Nannen-Preis, den Thedor-Wolff-Preis, den Wächterpreis der deutschen Tagespresse, den Pulitzer-Preis und den Journalistenpreis Bahnhof in Empfang nehmen dürfen. Twitkrit meint: das hat er sich verdient.


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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

drikkes

Vor lauter Realitätsnähe hat @holadiho die Kommata in seinen Tweets vergessen. Vielleicht sollte er sich auf das Photographieren beschränken.

Gepostet von drikkes am 13. November 2008 um 16:50.
bosch

@drikkes Kein angehender Henri-Nannen-, Theodor-Wolff-, Wächter-, Pulitzer- und Bahnhofsjournalisten-Preisträger hat je seine Kommata selbst gesetzt. Leider wurde im Zuge der Medienkrise die hierfür zuständige Schlussredaktion eingespart. Dies ist zwar bedauerlich, angesichts der journalistischen Qualität in diesem Falle jedoch nachzusehen.

Gepostet von bosch am 13. November 2008 um 16:54.
holadiho

Also die Wirrniss in dieser Sache ging nahtlos digital weiter wo ich auch in die falsche Richtung gefahren bin – erstmal. Habe diesen entrückten Artikel von Herrn bosch nämlich jetzt erst (also Monate später) durch Zufall entdeckt. Ja was heisst denn durch Zufall werdet Ihr sagen, in Euren Seminaren erörtern usw. Der Zufall bestand hier in einer flickr Bildsuche nach einer Twitterfrau (wollte sehen ob die wirklich gut aussieht). Habe dann mal kurz nach mir gesucht (wollte sehen ob ich auch in flickr gut aussehe). Bin dann auf die von twitkrit gespeicherten Bild-Tweets gestossen und habe dann erst den Artikel gesucht. Fehlt nur noch der Kontrolleur der mir dafür einen Strafzettel in die Hand drückt. Kommt bestimmt gleich noch.

Gepostet von holadiho am 03. März 2009 um 00:09.