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Heute begrüßen wir nach längerer Zeit wieder einen Gastautor in unseren Reihen. Ihn vorzustellen erübrigt sich beinahe, denn sein Ruhm eilt ihm weit voraus. Nicht nur als Twitterer, Blogger und Barcampblogger sondern auch in den Feuilletons der Republik ist an ihm quasi kein Vorbeikommen. Begrüßt mit mir den einzig wahren A-Blogger: @tristessedeluxe
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rednix
[Link]

Hmm…? Eine sehr gute Frage. Wie geht man denn eigentlich damit um? Wie geht man als twitternder Unternehmer damit um, dass man durch twitter (und mit etwas psychologischem Gespür) durchaus näher an potentielle Kunden, Zielgruppen und, ja, auch an die intimen Gedanken von Mitarbeitern gelangen kann. Es ist nichts Neues, dass sich die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit auflösen und wir alle mit jedem neuen Onlineprofil fleißig daran arbeiten, die Firewall unserer Privatsphäre weiter zu durchlöchern. Um so mehr wir mit dem Internet agieren – privat, beruflich, professionel – um so mehr müssen wir gewahr sein, dass jede Aktion auch eine unvermutete Reaktion bewirken kann, die wir im Moment der Aktion noch gar nicht absehen können. Es gibt Menschen, denen macht das Angst, und es gibt Menschen, die sagen dazu “pff”.

Man kann die Frage in obigem Tweet selbstverständlich noch weiter führen, um die soziale Tragweite und die gesellschaftliche Relevanz zu veranschaulichen:

  • wie geht man eigentlich damit um, wenn der chef, mit dem man auch gern mal einen trinken geht, einen nicht mehr followen mag? hmm…
  • wie geht man eingentlich damit um, wenn die twitternden kollegen, mit denen man sich sonst arbeit vortäuschend über den tag retten konnte, einen nicht mehr follwowen mögen? hmm…
  • wie geht man eigentlich damit um, wenn eine liebschaft, mit der man immer gerne im bett war, einen nicht mehr followen mag? hmm…
  • wie geht man eigenltich damit um, wenn der wähler, dessen politischer vertreter man sein möchte, einen nicht followed? hmm…
  • wie geht man eigentlich als pr-agentur damit um, dass es keinen interessiert, was man da für presseerklärungen mit twitter verfaxt? hmm…

Im Kern bleibt die Frage: Wie geht man damit um, wenn einem lieb gewonnenen Menschen nicht mehr folgen wollen? Früher, als sich Menschen noch nicht mit 140 Zeichen begnügten, um emotionalen Bindungen aufzubauen und wieder zu trennen, wurde man an einem grauen, regnerischen Abend von dem sich trennenden Partner zunächst in irgendeinen Roland Emmerich Katastrophenfilm geschleppt. Danach ging man in irgendeine unpersönliche Gastronomie in Fußnähe zum Kino und nach langem Rumgedruckse wurden folgende die Worte heraus gepressen, “wir müssen reden, ich glaube wir haben uns auseinander gelebt, ich will/kann/möchte nicht mehr mit dir zusammen sein, aber du bist trotzdem eine wertvolle Person, lass uns Freunde bleiben…” Schlimm, aber immerhin hat sich der Unfollower noch Mühe gegeben, eine adäquate Atmosphäre zu schaffen, versucht die Trennung zu erklären und doch die Hoffnung auf eine andauernde (natürlich vollkommen illusorische) Freundschaft nicht zu zertrampeln.

Heute bekommt man eine automatische E-Mail mit ungefähr folgendem Wortlaut:

Hi, tristessedeluxe.
ReporterOhneGrenzen (pressefreiheit) stopped following you on Twitter after you posted this tweet:
Ich weiss nicht, ob ihr es wusstet: ich twitter übrigens jetzt auch. (mehr Selbstreferenzialität kann nicht schaden)
Check out pressefreiheit’s profile here:

http://twitter.com/pressefreiheit

Best,
Qwitter

Schöne neue Welt, dieses Qwitter! Man wird automatisch informiert, wenn einem ein Follower unfollowed und bekommt dazu noch den eigenen, letzten Tweet geliefert, der zwar eine Bedeutung suggeriert, dann aber voller Interpretationsspielraum die Trennung doch nicht erklären kann. Diese Botschaft eines neuen Unfollowers trifft einen jedesmal wie ein kleiner, spitzer Pfeil. Es ist eine emotionale Kränkung, der Automatismus der Übermittlung eine kommunikatives Desaster und eine soziale Anmaßung. Hat man zuvor noch an einem entspannten Samstagnachmittag mit Tools wie Twitter Karma oder auch Tweeple einmal im Monat wohlwollendes Followermanagement betrieben, trifft einen die Mitteilung jetzt vollkommen unvorbereitet und in allen Lebenlagen. Impulsreaktionen sind nicht ausgeschlossen aufgrund dieser brenzeligen Emotionalität, die der Sache innewohnt. Teufelswerk, dieses Qwitter!

Obiger Tweet von @rednix, an der Oberfläche ironisch gehalten, im Kern aber doch die verletzte Seele eines Twitteres offen legend, macht eben jenen Stich im Herzen fühlbar, den solche Unfollower-Meldung auslösen: besagter Freelancer wird ganz sicher nie nie wieder einen Auftrag von rednix bekommen. Unfollowed ist unfollowed, herzloser kann man sich einfach nicht trennen!

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Nico

ich glaube, ich werde ihn einfach das nächste mal hemmungslos im preis drücken, das hat er nun davon. :)

Gepostet von Nico am 30. Oktober 2008 um 17:10.
hobbes84

kleiner Hinweis: der Link hinter “Qwitter” führt auf einem Blog (mit Absicht??) das richtige qwitter findet man unter: http://useqwitter.com/

Gepostet von hobbes84 am 30. Oktober 2008 um 17:24.
Diana

Nicht zu vergessen: Der irrationale Druck, der sich in einem aufbaut, nun aber die restlichen Follower allesamt halten zu wollen! Könnte man glatt ein Geschäftsmodell drauf aufbauen, um verunsicherten Twitterern das Geld aus der Tasche zu ziehen: “Nie wieder Followerverlust! Schreiben Sie Tweets, die allen gefallen…” :)

Gepostet von Diana am 30. Oktober 2008 um 17:41.
drikkes

Ob da jemand versucht hat, unerkannt zu flüchten? Das ist bis jetzt jedenfalls die mir liebste Qwittermeldung:

Hi, drikkes.
diagonale (diagonale) stopped following you on Twitter after you posted this tweet:

isqwitterdown?

Check out diagonale’s profile here:
http://twitter.com/diagonale

Best,
Qwitter

Gepostet von drikkes am 30. Oktober 2008 um 17:44.
tristessedeluxe

@hobbes84 danke für den Hinweis. Mein Fehler. Ich hoffe, dass wird gleich korrigiert, wenn der Herr Redaktuer zurück aus dem Münzwaschsalon ist.

Gepostet von tristessedeluxe am 30. Oktober 2008 um 17:47.
zoee

HAHAHHAHAHHAHHAHAHHAHAHHA!!!!

sehr schön! :)))

Gepostet von zoee am 30. Oktober 2008 um 19:42.
Huck

Ich habe damals Monate gelitten und gegreint als @tristessedeluxe mich als erster überhaupt entfollowed hat, weitere sollten folgen. Nun bin ich drüber weg, da wo andere ein Herz haben, ist nun bei mir nur ein kalter Stein.

Gepostet von Huck am 31. Oktober 2008 um 19:16.