Ein deutscher E-Mail-Dienstleister wirbt zurzeit für sein Onlineportal mit der Versprechung, er böte das «Tor zum Internet». Aha, da gibt es also ein Tor, da gehst Du durch und bist im Internet? So ein Quatsch! Nein, liebe pfiffige Marketing-Strategen, nicht Euer w**.de-Türchen öffnet uns den Blick auf die Weiten des Netzes. Es sind solch wunderbare Dienste wie Twitter, die das tun. Ich möchte das anhand eines Beispieles belegen. Auf Twitkrit wird sich niemand wundern, das ich dies anhand eines Tweets tue. Here we go:

hoch21

[LINK]

Was für ein wunderbarer Tweet. Seine Metaphorik braucht hier nicht interpretiert zu werden. Mensch liest das Ding und sagt sich: Klasse! Die – geschickt gesetzte oder zufällig entstandene – kleine Pause durch den Zeilenwechsel ist gleichzeitig die Trennung zwischen Deskription («Todesschreie von Keramik durch die Wand») und nachgereichter Interpretation («Nebenan tötet jemand Kacheln»). Das ist wohlgeformte Alltagspoesie, gepaart mit einem Schuss Humor.

Solche Entdeckungen, solche Tore ins Internet, sind es, die meine Begeisterung fürs Netz ausmachen. Dem Reply von einem meiner Follower folgend, bin ich auf hoch21 gestoßen. Habe mir ein paar seiner Tweets angeschaut, die Begeisterung für die wunderbare Kraft der Worte gespürt und mir auch sein Blog angesehen, das der textlichen Qualität seiner Tweets in nichts nachsteht. hoch21 aka Florian schreibt seit Juni 2006 auf Alternativen.

Wie gesagt, das ist nur ein Beispiel. Ein sehr persönliches zumal. Doch es zeigt – und da wird’s wieder allgemein gültig – eine Facette, die Twitter eben auch haben kann:
Ein «Twitor zur Welt» zu sein!


Kommentieren

Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Alternativen

[…] Während ich für eine Nummer für Geld (…) weggewesen bin, sind scheinbar irgendwelche Dimensionen kollidiert und ich wurde sowas von erwähnt, dass es raucht. Also ich. Rauche gerade. Und bin ein bisschen taub. Was an der funktionsverweigernden Heizung liegen kann. Aber auch an dem hier. […]

Gepostet von Alternativen am 24. Oktober 2008 um 14:17.
hoch21

Ich bin etwas weggepustet, gerade.

Als ich diese, Deine fixe Tweet-Analyse gerade las. Und Kinnlade und Augenbrauen sich gleichmäßig rapide voneinander wegbewegten. Dachte ich an eine Äußerung meinerseits, die mir in der 10. Klasse mal eine Strafarbeit beschert hat.
Deutschunterricht. Büchner. Woyzeck. Gemeinschaftliche Analyse einer Textstelle. Was wollte uns Büchner damit sagen? Wieso hat er es so geschrieben? Und ich. Ich war genervt und das schon eine zähe Doppelstunde mit Froschpillen hindurch. Sagte:
Der hat sich dabei gar nix gedacht! Der hat das einfach geschrieben! Weil es gut klang! Das hat der nicht präzise am Reißbrett entworfen, damit man es in die Ödnis analysiert, sondern damit es schön ist! Und das ist ihm, meiner Ansicht nach, nicht einmal gelungen!
– Was Büchner angeht. Da habe ich mich wohl geirrt. Das weiß ich mittlerweile.
Was mich angeht. Da ist es schon korrekt.

Der alte, literaturtraumatisierte Schüler in mir ächzt also etwas auf angesichts der ungeahnten Analyse-Möglichkeit dieser beiden, spontanen Zeilen.
Der heute vorherrschende Literaturwissenschaftsstudent A.D. in mir jedoch denkt, mit ziemlich stolzgeschwellter Brust: „Mist! Ich werde überschätzt! Egal! Juhu!“

Ich [Vorsicht Stil-Klippen] tue mich etwas schwer mit jeglichen LobEhren. Und das hier. Da Oben, das. Ist ziemlich blühendes LobEhren-Gezweig. Ich freue mich, dass die „Begeisterung für die wunderbare Kraft der Worte“ scheinbar hindurch schimmert. Sichtbar ist. Und nachvollziehbar, manchmal. Bis zu diesem Punkt komme ich mit Deiner lieben Ausführung gut aus. Das kann ich annehmen. Alles darüber. Ist Fledermausland für mich. Abstrakt. Surreal. Bis zu dem Punkt, zu dem ich mit- und klar komme, also:
Danke!

(„Alternativen“ schreibe ich übrigens erst seit circa April 2008. Die zwei Jahre davor bestehen aus den Archiven meines vorherigen Blogs „hoch21“.)

Gepostet von hoch21 am 24. Oktober 2008 um 15:04.
textundblog

@hoch21: Danke für die nette Büchner-Anekdote aus Deiner Schulzeit. Es gibt nichts Schlimmeres, als das wahllose Hineininterpretieren von Intentionen in Texte (und in Filme, wie überhaupt in jedes künstlerische Schaffen). Ich habe das in obiger Besprechung Deines Tweets durch den bewussten Zusatz („geschickt gesetzte oder zufällig entstandene“) deutlich zu machen versucht.

Danke auch für die Präzisierung zu Deiner Blognamen-Historie ”Alternativen” / “hoch21″.

Gepostet von textundblog am 24. Oktober 2008 um 15:19.