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***** Aktionswoche “Ein Tweet für alle” *****

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“fuck wir haben kein ei” schreibt @rbw – ohne Punkt und Komma. Doch was soll das bedeuten? Lassen Sie es mich Ihnen gleich verraten: Ich weiß es auch nicht.
“Fuck” bedeutet im Deutschen so viel wie “kopulieren” oder beschreibt umgangssprachlich einen suboptimalen Zustand. Ein Ei wiederum, so verrät uns ein bekanntes Online-Lexikon, ist ein “frühes Stadium der selbstständigen Fortentwicklung (Ontogenie) eines Tieres”.
Somit ist das Ei also eine Folge der Kopulation. Bleibt gewünschte Entstehung der “schützenden Keimzelle in einer schützenden Schale” nach einer solchen aus, so könnte man dies durchaus als eine Fehlentwicklung bezeichnen: Fuck!
Freilich sind dies lediglich Mutmaßungen, denn die Autorin überlässt die Interpretation vollständig dem Leser. Die Verwendung eines Schlagwortes, in Tweets überlicherweise durch eine vorangestelltes Rautenzeichen (#) angekündigt, hätte hier Klarheit schaffen können. Präzision in diesem Falle hätte allerdings auch Langeweile bedeutet, was jedoch weder von der Autorin noch vom Leser gewollt sein kann. Schließlich geht es hier um Kunst, ja, um ein Stück bedeutende Twitteratur. Die Reduktion auf das reine Wort, unter Verzicht auf Groß- und Kleinschreibung, Satzzeichen und Schlagworten, wird ganz bewusst als Stilmittel eingesetzt und trägt maßgeblich zur Ästhetik und Mystifizierung dieses Tweets bei, der schlicht und elegant daher kommt.
Wie auch bei anderen, nicht unumstrittenen großen Kunstwerken wie der Fettecke von Joseph Beuys oder der Poème symphonique für 100 Metronome von Györgi Ligeti wird der Rezipient herausgefordert, sich mit dem Werk intensiv auseinanderzusetzen, und sich sein eigenes Bild zu machen. Selten zuvor regten in der Twitteraturgeschichte nur 22 Zeichen die Phantasie so sehr an wie bei diesem Werk. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Twitteraturchefs aller bedeutenden Feuilletons weit auseinandergehende Interpretationen lieferten: vom Fluch über ein unvollkommenes Sonntagsfrühstück über den beklagenswerten Zustand Langeweile, in dem man das in diesen Fällen überlicherweise zu schaukelnde Etwas kläglich vermisst, bis hin zur Ratlosigkeit über die legeunwillige Wollmilchsau und gähnende Leere in des Mutlosen Hose.
Dieser Tweet regt die Phantasie an, und gerade das macht ihn so reizvoll. Künftige Twittergenerationen werden ihn sicher noch in Jahrzehnten immer wieder gern aus ihren Favoritenlisten hervorziehen und sich an ihm erfreuen – genau wie an einer Schallplatte, die mit jedem Hören interessanter wird; ein gelungenes Bild, das einem bei jeder Betrachtung neue Aspekte zeigt oder ein guter Wein, der von Jahr zur Jahr besser wird. Und wenn es irgendwann einen Twitteraturnobelpreis geben wird, so ist dieser Tweet ein ganz heißer Kandidat. Bekanntlich jedoch gehen die heißesten Kandidaten stets leer aus – ein Ei drauf backen können wir ins in diesem Falle jedoch leider nicht.
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