***** Aktionswoche “Ein Tweet für alle” *****

Ei- rbw
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Wenn aus einem beliebigen Text Lyrik wird, dann liegt dies an der Form des Textes. Von gebundener Rede könnte man sprechen, selbst beim freien Vers irgendwie. Zumindest aber verhält es sich so, das Lyrik ist, wo Form den Inhalt trägt.

Das der vorliegende Tweet selbst der Lyrik zugeschrieben werden muss, erschließt sich schon aus dem gekonnt gesetzten Parallelismus zweier Assonanzen, die sich aber erst im Lesen zeigen: fAck wir hAben kEIn EI. a-a und ei-ei.
Lyrik, eigentlich das carmen lyricum, also das gesungene zur Leier vorgetragene Lied, hat einen stark oralen Charakter. Wird dies mit dem dankbaren Helferlein namens englischer Orthographie im Schriftbild versteckt, tritt es aber in der Performanz des Leseaktes umso deutlicher hervor.

Es wird klar, “fuck” ist der Schlüssel zum Gedicht, was am zweiten Beispiel deutlicher werden soll:

Kümmern wir uns nicht um die Frage nach dem Wesen des Eis im Tweet und in der Welt (ich bin für die Henne), beschränken wir uns auf die klare Feststellung, kein Ei haben ist scheiße. Sonst wäre ja auch das englische Wörtchen “fuck” der Aussage nicht vorangesetzt.
Diese satzeinleitende Interjektion klärt nicht nur auf der semantischen Ebene darüber auf, wie das im kollektiven “wir” aufgehende Sprecher-Ich das mangelnde Ei bewertet. Durch die Position vor der Aussage verändert sich auch die Metrik derselben. “wir haben kein ei” lässt sich in seiner natürlichen Betonungsfolge schwerlich in lyrisches Versmaß bringen. Das Satzsubjekt “wir” will in seiner Einsilbigkeit betont sein, auch der Stamm des Verbs (hier: “hab”) wird im Deutschen betont. Sicher unbetont bleibt die Flektionsendung des Verbs (“-en”). Bei “kein” und “ei” tendieren wir zur Betonung des Eis, hier aber kommt es auf den Aussagewert des Satzes an, ob wir uns nicht doch fürs “kein” entscheiden oder gar beide betonen. Damit ist das Ende einigermaßen frei zu gestalten, während sich der Satzbeginn der Poesie sperrt. Hier hilft das “fuck”. Als expressives Empfindugswort ist es betont zu lesen und drängt so das “wir” etwas in den Hintergrund, womit “haben” in seiner natürlichen Betonung gelesen werden kann und der vollständige Tweet mit leichter Anstrengung als dreihebiger Trochäus interpretiert werden kann:
FUCK wir HABen KEIN ei” legt die Betonung nicht nur aufs schöne Schimpfwort sondern erst recht auf das Nichthaben, auf den Mangel auf den das “fuck” abzielt.

Eine Ironie der Etymologie übrigens. Denn “fuck” kommt bekanntlich vom lateinischen “facere”, was nichts allgemeineres als “machen” bedeutet. Aufs Nichthaben mit Machen reagieren, wenn es um Eier geht, entspricht unserem Wesen als Homo Faber, macht aber eigentlich auch nur im Hühnerstall Sinn.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Fuck means Poetry”

  1. Tilman
    8. Oktober 2008 um 12:32

    Nicht schlecht, die Twitkrit, auf jeden Fall lang.

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