Twitkrit

Hamster – ein multilinguales Twitterphänomen

Twitkrit bespricht nicht nur herausragende, interessante, lustige oder was-auch-immer-für Tweets, sondern greift auch aus dem unendlich scheinenden Bouquet der Themen bestimmte Sujets heraus, um sie der geneigten Leserschaft zu präsentieren. Heute widmen wir uns daher dem Thema: Haustiere auf Twitter, besonders beliebt: Die Hamster. Ein gerne unterschätztes und gleichzeitig multilinguales Phänomen in der weiten Welt des Microbloggens.

Zur Mulitlingualität: Der Hamster heißt in vielen Sprachen so. Bekommt höchstens mal hier und da noch einen Akzent draufgedonnert, aber er heißt eben Hamster. Selbst die Türken verzichten darauf, in dem Wort noch eine handvoll ü’s unterzubringen. Ein Klickspaziergang durch die “anderen Sprachen”-Links im Wikipedia-Artikel legt belehrtes Zeugnis davon ab. Für die Klickfaulen: Selbst eine Runde Mouseover auf Wikipedia – die Augen immer brav auf die Statusleiste des Browers gerichtet – zeigt, dass die kleinen Wühler in vielen Sprach- und Kulturräumen dieser Welt Hamster genannt werden.

Kommen wir zu den Beispielen. Die Zeit des Rezensenten und – erst recht – die der Leserschaft ist begrenzt. Daher nur eine kleine, feine Auswahl. Wer mehr mag, kann sich gerne durch die Hamster-Timeline via Twittersearch klicken.

kcpr

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Tja, da hat ein Hamster wohl seine Chance verpasst, groß rauszukommen. Kleiner Trost: Der scheue Nager (übrigens hier in einem knuffigen Polaroid zu sehen) hat es immerhin auf Twitkrit geschafft. Sein Herrchen damit auch. Ist ja auch was ihr zwei, oder?

brandungskieker

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Schmunzelnd lesen wir diesen Enthüllungstweet und freuen uns, dass trotz der Indiskretion die Privatsphäre von Petra und Fridolin weitgehend gewahrt bleibt. Und zwar schlicht, weil wir sie nicht kennen. Ich schreibe weitgehend, weil ich natürlich nicht weiß, inwieweit die Follower von @Brandungskieker diesen Tweet real existierenden Menschen und Tieren zuordnen können. Apropos Privatsphäre, quasi als kleiner Exkurs am Rande, das beste, was es zum Thema Privatsphäre zu sagen gibt, hat die wunderbare Frau @Schnutinger im Netz zum besten gegeben. In ihrem einzigartigen und unbedingt sehenswerten Interview mit ihrer Privatsphäre.

Zurück zum mulitilingualen Hamster-Phänomen, noch zwei Beispiele, dann soll es für heute genug sein:

akassia

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Da der Autor dieser Zeilen sich aus beruflichen Gründen mit dem Spanischen beschäftigt, wird es niemanden verwundern, dass ein iberischer Hamster-Tweet nicht fehlen darf. Als Übersetzer liefere ich natürlich gleich die Translation: Hab den Hamster rausgelassen … und festgestellt, dass er Kamillentee mag. Auch das macht Twitter also möglich: wir partizipieren an Hamstererkundungszügen (The Conquest of Chamomile Tea), auch fern vom Ort des Geschehens.

Last but not least ein Beispiel aus dem – nach dem spanischen – zahlenmäßig zweitgrößten Hamster-heißt-Hamster-Sprachraum: dem englischen:

juanmm55

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Ein sehr aktueller Tweet, trotz vordergründigem Haustiercontent nicht ohne politische Brisanz. Und so funny. Diesen Hamster-Tweet brauche ich sicher nicht zu übersetzen. Die Twitkrit-Leserschaft verfügt gewiss über ausreichende Englischkenntnisse, um diese drei Sätze zu verstehen. Für alle, die bei dem ein oder anderen Wort jetzt noch eine Schwierigkeit in der Nuance der Übersetzung haben ;-), sei gesagt, dass indigestion Verdauungsstörung und mesmerizing hypnotisierend heißt. So funny, indeed.

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Unfollowen in Zeiten von Qwitter

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Heute begrüßen wir nach längerer Zeit wieder einen Gastautor in unseren Reihen. Ihn vorzustellen erübrigt sich beinahe, denn sein Ruhm eilt ihm weit voraus. Nicht nur als Twitterer, Blogger und Barcampblogger sondern auch in den Feuilletons der Republik ist an ihm quasi kein Vorbeikommen. Begrüßt mit mir den einzig wahren A-Blogger: @tristessedeluxe
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rednix
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Hmm…? Eine sehr gute Frage. Wie geht man denn eigentlich damit um? Wie geht man als twitternder Unternehmer damit um, dass man durch twitter (und mit etwas psychologischem Gespür) durchaus näher an potentielle Kunden, Zielgruppen und, ja, auch an die intimen Gedanken von Mitarbeitern gelangen kann. Es ist nichts Neues, dass sich die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit auflösen und wir alle mit jedem neuen Onlineprofil fleißig daran arbeiten, die Firewall unserer Privatsphäre weiter zu durchlöchern. Um so mehr wir mit dem Internet agieren – privat, beruflich, professionel – um so mehr müssen wir gewahr sein, dass jede Aktion auch eine unvermutete Reaktion bewirken kann, die wir im Moment der Aktion noch gar nicht absehen können. Es gibt Menschen, denen macht das Angst, und es gibt Menschen, die sagen dazu “pff”.

Man kann die Frage in obigem Tweet selbstverständlich noch weiter führen, um die soziale Tragweite und die gesellschaftliche Relevanz zu veranschaulichen:

  • wie geht man eigentlich damit um, wenn der chef, mit dem man auch gern mal einen trinken geht, einen nicht mehr followen mag? hmm…
  • wie geht man eingentlich damit um, wenn die twitternden kollegen, mit denen man sich sonst arbeit vortäuschend über den tag retten konnte, einen nicht mehr follwowen mögen? hmm…
  • wie geht man eigentlich damit um, wenn eine liebschaft, mit der man immer gerne im bett war, einen nicht mehr followen mag? hmm…
  • wie geht man eigenltich damit um, wenn der wähler, dessen politischer vertreter man sein möchte, einen nicht followed? hmm…
  • wie geht man eigentlich als pr-agentur damit um, dass es keinen interessiert, was man da für presseerklärungen mit twitter verfaxt? hmm…

Im Kern bleibt die Frage: Wie geht man damit um, wenn einem lieb gewonnenen Menschen nicht mehr folgen wollen? Früher, als sich Menschen noch nicht mit 140 Zeichen begnügten, um emotionalen Bindungen aufzubauen und wieder zu trennen, wurde man an einem grauen, regnerischen Abend von dem sich trennenden Partner zunächst in irgendeinen Roland Emmerich Katastrophenfilm geschleppt. Danach ging man in irgendeine unpersönliche Gastronomie in Fußnähe zum Kino und nach langem Rumgedruckse wurden folgende die Worte heraus gepressen, “wir müssen reden, ich glaube wir haben uns auseinander gelebt, ich will/kann/möchte nicht mehr mit dir zusammen sein, aber du bist trotzdem eine wertvolle Person, lass uns Freunde bleiben…” Schlimm, aber immerhin hat sich der Unfollower noch Mühe gegeben, eine adäquate Atmosphäre zu schaffen, versucht die Trennung zu erklären und doch die Hoffnung auf eine andauernde (natürlich vollkommen illusorische) Freundschaft nicht zu zertrampeln.

Heute bekommt man eine automatische E-Mail mit ungefähr folgendem Wortlaut:

Hi, tristessedeluxe.
ReporterOhneGrenzen (pressefreiheit) stopped following you on Twitter after you posted this tweet:
Ich weiss nicht, ob ihr es wusstet: ich twitter übrigens jetzt auch. (mehr Selbstreferenzialität kann nicht schaden)
Check out pressefreiheit’s profile here:

http://twitter.com/pressefreiheit

Best,
Qwitter

Schöne neue Welt, dieses Qwitter! Man wird automatisch informiert, wenn einem ein Follower unfollowed und bekommt dazu noch den eigenen, letzten Tweet geliefert, der zwar eine Bedeutung suggeriert, dann aber voller Interpretationsspielraum die Trennung doch nicht erklären kann. Diese Botschaft eines neuen Unfollowers trifft einen jedesmal wie ein kleiner, spitzer Pfeil. Es ist eine emotionale Kränkung, der Automatismus der Übermittlung eine kommunikatives Desaster und eine soziale Anmaßung. Hat man zuvor noch an einem entspannten Samstagnachmittag mit Tools wie Twitter Karma oder auch Tweeple einmal im Monat wohlwollendes Followermanagement betrieben, trifft einen die Mitteilung jetzt vollkommen unvorbereitet und in allen Lebenlagen. Impulsreaktionen sind nicht ausgeschlossen aufgrund dieser brenzeligen Emotionalität, die der Sache innewohnt. Teufelswerk, dieses Qwitter!

Obiger Tweet von @rednix, an der Oberfläche ironisch gehalten, im Kern aber doch die verletzte Seele eines Twitteres offen legend, macht eben jenen Stich im Herzen fühlbar, den solche Unfollower-Meldung auslösen: besagter Freelancer wird ganz sicher nie nie wieder einen Auftrag von rednix bekommen. Unfollowed ist unfollowed, herzloser kann man sich einfach nicht trennen!

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Die Sonntagstwitterer

Was Sonntagsfahrer sind, ist wohl jedem klar. Es sind meinst Rentner, die die Woche über daheim am Zierfischbecken ihre Tage verbringen und sich nur Sonntags zum “Ausflug” hinters Steuer setzten, was man ihrem Fahrstil dann deutlich anmerkt. Was aber sind Sonntagstwitterer?

spreeblick
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Es ist ja so, dass auf Twitter, genau wie auf deutschen Straßen, Wochentags über viel mehr Verkehr herrscht, als am Wochenende. Auf der Prokrasitin Arbeit wird also gerne und oft getwittert, während am Wochenende meist die Offlineaktivitäten das Leben bestimmen. Ganz ein solcher Twitterer ist eben auch @Spreeblick.

Und dann gibt es die Leute, die keinen fest gefügten Wochenplan verfolgen. Sie twittern mal hier mal dort und auch am Wochenende sitzen sie häufig vorm Rechner und sind sich auch zu später Stunde nicht zu schade, uns per Handy über die feuchtfröhliche Abendgestaltung zu informieren. Nennen wir diese Gattung vorläufig “Wochenendtwitterer”.

Und in dieser Gruppe der Wochenendtwitterer haben wir vielleicht auch die Gruppe, die man also so abschätzig “Sonntagstwitterer” nennen kann. Während der Ottonormaltwitterer höchstens sporadisch und wenn, dann nur passiv mal die Timeline aufruft, vergurgt der Sonntagstwitterer aufgrund seines heftigen Restalkohols im Blutkreislauf meist jeden Tweet. Er jammert uns in Form einer Anreihung von Tippfehlern voll, wie schlecht es ihm geht. Da er eh nur im Bett liegen kann, holt er sich sein Notebook in eben jenes und faselt wirres Zeugs. Die natürliche Kater/sozial-Schranke, die die Evolution aus gutem Grund eingerichtet hat, wird durch Twitter einfach überwunden. Und so vernebeln einem Sonntags die Alkoholfahnen aus der ganzen Republik die Timeline.

Und dafür wollte mich an dieser Stelle noch mal ausdrücklich entschuldigen.

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Verklicktes Leben

posemukel
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Nein, @posemukel, so haben sie sich das wirklich nicht vorgestellt. Deine Eltern wollten für Dich eine Banklehre oder einen Bürokauffraualltag und dann ein Reihenhaus mit Vorgarten. Du solltest einen netten jungen Mann kennenlernen, nämlich den @sillium
silium
und zwar im Bus oder in der Bahn und da solltet ihr in ein nettes Gespräch kommen über Kultur und so. Und dann solltet ihr Kinder kriegen, die nie im Leben getwitpict werden, sondern mit Holzspielzeug spielen und ein Posiealbum schreiben. Ist alles nicht passiert. Stattdessen treibst Du Dich tagsüber in den digitalen Vororten irgendwelcher Digital Natives und Digital Gonzos herum, die Deine Eltern für die Urbrut der nächsten 68er Welle halten. Twitter ist für Sie eine gefährliche Droge, die Deinen Verstand dauerhaft auf 140 Zeichen reduziert und Deine digitale Abhängigkeit immer schlimmer macht. Deine Eltern würden nicht verstehen, daß Sinnfreiheit die Dekadenz des digitalen Seins ist. Mach Dir daher keine Sorgen, denn wer mit Sinn klickt, der würde auch nie twittern.

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Stehblues

Ich hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Kuschelrock auf den Parties damals. Weniger wegen der unter diesem Label subsummierten Schrottstücke, mehr weil sich sanft und einfühlsam zur Musik zu bewegen und dabei Mädchen zu umarmen so seine Tücken hatte.

Einerseits war das die Chance den Genpool durch Berührungs- Geruchs- und Bewegungstests angenehm einzugrenzen und so dem Wunsch nach weiblicher Nähe und Verliebtheit eine empirische Datenmenge beizugeben, die die Entscheidung für die eine oder andere junge Frau ermöglichte.

Anderseits:
- Ich kann selbst nicht tanzen.
- Siebeneinhalb Minuten Phil Collins sind zu viel, egal, wie toll das Mädchen ist. Ich musste das mal mit einer blöden Zicke aushalten. Pubertät kann so grausam sein.
- Wir zwangen uns damals mitunter gegenseitig, auch mit blöden Hühnern zu tanzen und Kneifen giltete nicht. Also sich drücken. Also im Sinne von den Tanz verweigern. Mann, kann metaphorisches Schreiben missverständlich sein.
- Wir hatten ein Mädel in der Klasse, die selbst bei einer sehr lockeren Auslegung des Begriffs “Umarmung” IMMER behauptete, der mit ihr Tanzende habe einen Steifen gehabt. Der Trick war aber irgendwie, genau den nicht zu haben, egal wie mann die Schwofpartnerin fand. Die Frau war der Horror für jede Kuschelrocksession. Und sie trug das Rasierwasser ihres Vaters auf.

Aber mit der Zeit bleibt doch das schöne Gefühl:

engtanz
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Twitor zur Welt

Ein deutscher E-Mail-Dienstleister wirbt zurzeit für sein Onlineportal mit der Versprechung, er böte das «Tor zum Internet». Aha, da gibt es also ein Tor, da gehst Du durch und bist im Internet? So ein Quatsch! Nein, liebe pfiffige Marketing-Strategen, nicht Euer w**.de-Türchen öffnet uns den Blick auf die Weiten des Netzes. Es sind solch wunderbare Dienste wie Twitter, die das tun. Ich möchte das anhand eines Beispieles belegen. Auf Twitkrit wird sich niemand wundern, das ich dies anhand eines Tweets tue. Here we go:

hoch21

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Was für ein wunderbarer Tweet. Seine Metaphorik braucht hier nicht interpretiert zu werden. Mensch liest das Ding und sagt sich: Klasse! Die – geschickt gesetzte oder zufällig entstandene – kleine Pause durch den Zeilenwechsel ist gleichzeitig die Trennung zwischen Deskription («Todesschreie von Keramik durch die Wand») und nachgereichter Interpretation («Nebenan tötet jemand Kacheln»). Das ist wohlgeformte Alltagspoesie, gepaart mit einem Schuss Humor.

Solche Entdeckungen, solche Tore ins Internet, sind es, die meine Begeisterung fürs Netz ausmachen. Dem Reply von einem meiner Follower folgend, bin ich auf hoch21 gestoßen. Habe mir ein paar seiner Tweets angeschaut, die Begeisterung für die wunderbare Kraft der Worte gespürt und mir auch sein Blog angesehen, das der textlichen Qualität seiner Tweets in nichts nachsteht. hoch21 aka Florian schreibt seit Juni 2006 auf Alternativen.

Wie gesagt, das ist nur ein Beispiel. Ein sehr persönliches zumal. Doch es zeigt – und da wird’s wieder allgemein gültig – eine Facette, die Twitter eben auch haben kann:
Ein «Twitor zur Welt» zu sein!

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