Twitkrit

Calling Berlin

berlintelefon
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Das klingt staatsmännisch. Ganz anders als „krass. 35 min. mit wanne-eickel telefoniert“. Wobei das wiederum lustiger klingt. Aber eben nicht so groß.
Für wen oder was steht nun aber berlin? Eine Frage, die einem scheißegal sein könnte, allerdings fällt doch auf, dass die Kombination der Dauer und des Gesprächpartners dieses Telefonats außergewöhnlich sein muss, wie das emphatische „woah“ am Anfang anzeigt. Besonders brisant wird die Frage, wer Berlin ist, aber erst, wenn wir bedenken, dass auch andere mit Berlin kommunizieren.
Versuchen wir eine Annäherung durch Wahrscheinlichkeitsüberlegungen.

Berlin im Sinne der Oberen? Also wie in diesen alten Meldungen, der Gesandte XY habe nach Berlin gekabelt, dass der russische Zar etc. pp.? Klingt irgendwie nach diesem Kurzsprech der hohen Diplomatie, der großen Politik. Und wenn Barack Obama das getwittert hätte, wäre es fast schon klar, dass Angie gemeint ist, außer er hat damals beim Fitness jemanden kennenglernt, von dem wir nichts wissen. Auch der rheinland-pfälzische Problembär hätte diesen Satz twittern können und Berlin als Chiffre für die für ihn nun passé seiende Parteizentrale käme durchaus in Betracht, wenn das „woah“ Ärger und Frustration bezeichnete. Aber der Zwillingsbruder von Mecki twittert ja nicht in echt.
Wahrscheinlich ist @deeli die Zuträgerin für dieses Hamburger Nachrichtenmagazin gewesen, die mit den bösen antipfälzischen Intriganten in Berlin geschnackt hat und dann den ganzen Kladderadatsch vom Schwielowsee erst ins Rollen brachte!
Oder?
Oder @deeli hat den peinlichen Absturz Friedbert Pflügers mitorganisiert und das Telefonat galt den Provinzpaten der Hauptstadt-CDU.

Berlin bietet so viel Großes, dass der Gesuchte Gesprächspartner sehr gewichtig sein muss.
Also doch nicht die Hauptstadt-CDU.

Aber Gewicht ist ja relativ. Und Berlin nicht nur Politik. Berlin ist ja auch hip.
Ist mit Berlin, wenn wir mal von der hippen Webaffinität eines Twitterers ausgehen, gar das selbstverliebte und ebenso ernannte Epizentrum des deutschen web2.0 (ganz unhipper Begriff) gemeint? Diese verschworene Clique von Kuschlern und Im-Café-Arbeit-Simulierenden, deren Relevanz angeblich vor allem aus dem Luftdruck der aufgeblasenen Egos gefüttert wird? Nun (um mal kurz von der Autorin auf den Text zu schließen), @deeli gibt als eigenen Standort Köln an. Und dort arbeiten Medienmenschen. Wie in Berlin. Agenturen, Fernsehesender, Popmusik. Kann also gut sein. Könnte vom einen Medienkonzernbüro ins andere gegangen sein, diese Kommunikation. Oder vielleicht von Popstadt zu Popstadt. Aggro und so? Jetzt wo Sido als Popstarjuror seine Rente sichert?

Aber wer sagt denn, dass es das deutsche Berlin sein soll? Vielleicht war es ja auch ein Ferngespräch in eine der rund 20 Städte diesen Namens in den USandA? die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Kuriosum extra erwähnt worden wäre (es wäre der spanndere Teil der Nachricht), liegt allerdings so hoch, dass ich hier mal davon absehen möchte, dass die Telekommunikation übern Teich ging. Aber wer weiß.

Dieser Tweet hat einfach zu wenig Informationen, um eine verlässliche Interpretation liefern zu können. 38 Zeichen sind so wenig, das die durch sie dargestellte Welt sehr sehr unfertig ist und fast alles, was wir uns dazu vorstellen, reine Phantasie bleiben muss.
Eigentlich liegt es an nur drei Zeichen, dass dieser Tweet so unerklärbar bleibt. Die Aussage „woah. 1,5 std. IN berlin telefoniert.“ würde schon ganz andere Fragen aufwerfen. Da wäre die Aussage klar, da bliebe nur noch zu fragen: was ist da so begeisternd dran?
Ganz anders verhielte es sich mit „woah. 1,5 std. NACH berlin telefoniert.“ Das wäre nämlich eine klare Antwort auf die Frage, wo E.T. zuhause ist.

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Tschüssing

Trottelbot
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Darauf sag ich gleich mal: Hallöchen Popöchen!

Stehen wir am Beginn einer Retro-Redewendungen-Slang-Periode? Hat zum Bleistift das Tschüssikowski der 80er schon einen hippen Retrostatus erreicht? Null problemo, Alf wurde auch schon lange nicht mehr auf RTL2 wiederholt. Die Reaktion eines coolen 15-Jährigen auf die Frage „Alles Klärchen?“ stelle ich mir trotzdem spannend vor. Das wär ganz bestimmt nicht „okese“, sondern ganz schnell „aus die Maus“. Bei der Digital Natives Generation würde die Retrobewegung wahrscheinlich schon allein daran scheitern, das man okese nur bedingt in den internationalen Chatslang übersetzen könnte, ohne den, ohnehin kaum vorhandenen, Sprachwitz zu verlieren. Wer kann, erinnere sich an die hilflosen Versuche einem Schweden „alter Schwede“ zu erklären. Nee, nee, danke, Anke. Wir sollten bei der Jugendkultur der 80er zwar nicht das Vergesserchen machen – aber es geht doch nix über ein gepflegtes LOL.

Wenn Euch ausser der liebevollen Begrüßung von @trottelbot noch etwas merkenswertes aus dieser wilden Zeitepoche einfällt und wie man es in die Chatsprache übersetzen könnte…ich bin neugierig :)

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Asozial 2.0

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In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnete man Menschen aus der sozialen Unterschicht (Bettler, Landstreicher, Suchtkranke etc.) genauso wie die Swingjugend als „asozial“, in der DDR sogenannte „Arbeitsscheue“. In den 60er Jahren dann Hippies, in den 80ern Punks und heute bezeichnet @hubertus_heil die steuerflüchtigen Zumwinkels der Republik als die „neuen Asozialen“.

In Zeiten prekärer Lebensverhältnisse ist die Zugehörigkeit zur sozialen Unterschicht längst zum Mainstream geworden, Hippies nach dem erfolgreichen Marsch durch die Institutionen im wohlverdienten Ruhestand und Punks ein ausgestorbenes Phänomen der Popkultur. Bliebe also nur noch der Steuerhinterzug im großen Stile, aber dafür benötigt man zunächst die entsprechenden Mittel, um sich überhaupt ein Zugticket nach Liechtenstein leisten zu können.

Um wirklich asozial zu werden, braucht es schon mehr als ein paar verdrehte Buchstaben und eine vernachlässigte Interpunktion, denn auch dies ist in der Welt der 140 gezwitscherten Zeichen mittlerweile akzeptiert oder rauscht zumindest vorbei: Wer heute außerhalb gesellschaftlicher Normen stehen will, muss schon sein Twitter-Account löschen. Und das kann doch niemand ernsthaft wollen, oder?

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Ask Twitkrit

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Twitkrit, das wohl anderste aller Twitteraturweblogs, widmet sich ab heute (oder so) den wenigen Fragen, die bei Twitter in die Runde gestellt, aber von der Twitteria nicht endgültig und zufriedenstellend beantwortet wurden. Dies könnte also sowas wie ein Auftakt einer losen Serie werden. Oder auch nicht.
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jo
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Lieber @JoSchaefers (@YoShafers). Anders als Du vielleicht denkst, ist es für Mediaagenturen eine existenzielle Notwendigkeit different zu sein. Denn erst das Anderssein schafft es, die Uniqueness der eigenen Strategy auch an die Customers zu kommunizieren. Würden sie in ihrer Selbstdarstellung schreiben, sie seien nur eine „normale“ (ordinary) Mediaagentur (oder gar „Medienagentur“, Gott bewahre), würden die Customers nicht von den Marketingskills, der Creativity und der Vision (vision) der für sie arbeitenden Agents convinct. Die Customers wollen für ihr Investment schließlich etwas außergewöhnliches (crazy shit) haben, sehen sie sich doch selber als besonders außergewöhnlich (crazy sh extraordinary). Und zwar alle (all)!

Andererseits hast Du, lieber Jo, mit Deiner Frage auch einen Market Gap sichtbar gemacht. Denn eine Agentur, die sich als „normal“ (uncool), „nicht außergewöhnlich“ (boring) oder „gemein“ (nazi) positiont, würde damit wiederum ein noch freies Feld im overcrowdeten Distinktionsmarkt occupyen.

Leider ist hier aber nur für eine einzige Agentur Platz, weil jeder Nachahmer, sich Copycattum vorwerfen lassen müsste. Die Awareness wäre schlagartig gone. Die Gefahr als einzige (!!!) Hauptstromagentur (Mainstream Agency) ein Monopol zu b(u)ilden, würde nicht nur das Kartellamt, sondern wahrscheinlich sogar die Medienwächter (Mediawächter) auf den Plan rufen.

Dann doch lieber den anderen im „Different Beeing“ nacheifern (upcatchen).

Ich hoffe, wir konnten Dir helfen. Best,

das Twitkritteam

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Polittweets richtig lesen

Wir wären nicht Deutschlands bedächtigstes Twitter-Feuilleton, wenn wir nicht mit einer Woche Verspätung auch noch auf den Zug aufsprängen und uns dem längst als aaaaaaalt verschrienen Problem des Polittwitterns aus textanalytischer Sicht widmeten:

heilshopping
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Gute Tweets erschaffen in höchstens 140 Zeichen eine Welt. Oder sie klären uns immerhin auf über die politische Zukunft der deutschen Sozialdemokratie.

Ist ja auch bitter nötig. Die Studienratspartei, die seit dem traurigen Abgang des letzten Großen Vorsitzenden, Willy Brandt, aus dem Kanzleramt erst gute 20 Jahre lang nicht wusste, was sie ist, dann von dem Doris sein Mann in so eine Art BDI für alle verwandelt wurde und solange im wirtschaftsliberalen Revier wilderte, bis sie selbst waidwund war, braucht einen Neuanfang. Denn so wie in den letzten Jahrzehnten kann es nicht weitergehen.
Da muss eine Zäsur her, da braucht es einen Bruch. Und die alte Tante SPD macht, was alle Frauen machen, wenn ein Lebensabschnitt vorbei ist. Sie geht einkaufen. Am besten Schuhe. Der Luxus des Schuhkauferlebnisses lässt die Armut der Vergangenheit erblassen. Aber schon bevor der Verdrängungsmechanismus in Gang treten kann, wird das Skateboard zur Metapher der Erneuerung. So cool, lässig und flott, dass es selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte, kann eine Partei auf dem Rollbrett wirken. Damit lässt sich was bewegen. Nur was?
Nun, ein Neuanfang unter alter Flagge kann kein totaler sein. Und so versucht sich die Partei bei aller krassen Hipness und Lockerheit auf das zu besinnen, was sie einst bestimmte (also kurz vor Lassalles Duelltod): Der abschließende Satz „Wir koennen jetzt weiterarbeiten…“ ist das Vermächtnis der alten Partei. Dieser so jugendlich-frisch, durch die drei Punkte am Ende beiläufig daherkommende Satz vereint das Arbeitsethos der alten Sozialdemokratie mit ihrem der marxistischen Geschichtsdialektik entlehnten alten Kampfspruch: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

In einem Tweet also steht all das, was eine von den Verfehlungen der vergangenen Jahrzehnten geheilte SPD ausmachen wird: Konsumorientiert (kaufen), feminin (Schuhe), jung (Skateboard), immer noch dynamisch (weiter-), weiterhin der Arbeit (-arbeiten) und damit den Arbeitenden verpflichtet. Das ist nur konsequent: Ohne Konsum keine Arbeit, ohne Arbeit kein Konsum, ein dialektisches Verhältnis, dem sich auch eine Arbeitendenpartei2.0 zuwenden muss. Dass Frauen die neuen Männer sind, weiß ebenfalls jeder, der popularpsychologische Magazine liest oder mal in deutsche Abitursklassen geschaut hat. Jung könnte gefährlich werden bei der Überalterung der Gesellschaft. Andererseits: Rentner wählen eh CDU (West) oder Linkspartei (Ost), da lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen. Ist schon sinnvoll, das Heil in der Flucht nach vorne zu suchen. Und Dynamik schadet nie.

Inhaltliche Tiefe muss nicht in ausufernden Zeitschrifteninterviews oder verquasten Parteitagsbeschlüssen vermittelt werden. Die richtigen Schlagworte clever gesetzt reichen aus, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen (ok, vielleicht muss der olle Clement noch weg, der Problembär ruhig gestellt werden, Oskar Lafontaine und Andrea Ypsilanti könnten auch noch schneller den Todesstoß bringen, als der Karren Fahrt aufnimmt, aber hey, das wird schon!).
Dieser Tweet ist gleichsam das Halali zu Hubertus‘ Jagd auf Parteivorsitz und Kanzleramt. Waidmanns Heil! Und wenn es doch nicht soweit reichen sollte: Irgendwer muss ja Westerwelle und seiner Partei Konkurrenz machen als berufsjugendliche Juniorpartner in den künftigen Koalitionen. Dem kauft das langsam nämlich keiner mehr ab.

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Im Klondike unseres Gewissens

leddunK
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Die Woche hat begonnen und all das, was wir am Freitag nicht geschafft haben, und eigentlich am Wochenende in aller Ruhe erledigen wollten, meldet sich mit der Uhrgewalt des Montags zurück. 9:00 Uhr. Der Lockruf der ToDo-Liste, ein leises, aber permanentes, durchdringendes Zirpen aus den Untiefen der unerforschten Festplattenbereiche gräbt sich in unsere Gehörgänge.

Unsere Finger hasten schwitzend über die Tastatur, schnell nochmal googlen, ganz kurz die Headlines von SPON, einen winzigen Tweet – ganz schnell, und überhaupt hemmt uns Gustav heute in der Konzentration auf das Wesentliche, wie könnte man denn arbeiten, wenn der Wind woanders weht?

Der Lockruf der ToDo-Liste gaukelt uns Wichtigkeit vor, das Zirpen meldet Relevanzansprüche an, jedes einzelne ToDo hat gute Gründe, ein eben solches zu sein. Wir wissen, wenn wir erst dem Lockruf der ToDo-Liste erliegen, werden wir in den grausamen Fängen der Arbeit enden. Wir werden so Vieles verpassen: die Tigerjagden in der Taiga, den Sturm von New Orleans, tausende von Tweets werden ungelesen an uns vorbeirauschen, der schon längst gedachte aber ungeschriebene Blogeintrag wird wieder einmal warten müssen. Das können wir nicht zulassen, nicht an einem Montag, nicht am Beginn des letzten Drittels des Jahres.

Und überhaupt ist es hinlänglich bekannt, dass erst eine aufgeräumte Umgebung den richtigen Energiefluss für erfolgreiche Arbeit möglich macht. Was für ein Desaster wäre es, wenn die Wollmaus aus der Fußbodenecke unter dem Schreibtisch unser geliebtes Macbook angreifen würde, und generell ist erwiesen, dass Staub auf Papierunterlagen zu den verbreitesten Allergieauslösern zählt.

Um dem allem zu entrinnen, wird der Staubsauger angeworfen und der Lockruf der ToDo-Liste wird leiser, in unseren Ohren flüstert ein sanftes „das war doch auch mal nötig“, unsere Hände werden trockener, der Rechner schaltet sich und die ToDo-Liste in den Ruhemodus.

Doch nachdem die letzte Wollmaus erlegt, das letzte Papier entstaubt, das Stromkabel wieder rasselnd im Staubsaugerbauch verschwunden ist – hören wir sie wieder.

Die ToDo-Liste. Und wir realisieren, sie ist auf unserer eigenen Festplatte – unserem Gewissen. Kein Sturm wird sie wegfegen, kein Staubsauger verschlingen, keine Wollmaus sie je besiegen. Unsere ToDo-Listen sind immanent, wir können ihnen nicht entfliehen, und wir werden Ihnen irgendwann erliegen, denn: dem Lockruf der ToDo-Liste zu erliegen, verheißt auch Zufriedenheit, erfüllte Pflicht, manchmal Ruhm und Anerkennung, im besten Falle Gold – in unserem eigenen Klondike.

Also, @leddunK – gib dem Lockruf nach – oder willst Du in einem Prokastrinationsbuch enden?

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