Twitkrit

Zur Nachahmung empfohlen

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Unser heutiger Gastautor ist @schuehsch. Sie hiwit am Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz und da ist sie bei Twitter natürlich am Puls derselbigen, der Intelligenz meine ich. Ausserdem bloggt sie unter schuehsch.net.
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In unserer Welt zu leben, ist gar nicht so einfach. Alles geht, alles darf und wir haben immer die Wahl. Nur bei „einfaches Leben“ kann man mal wieder kein Häkchen setzen, weil irgendein Coder geschludert hat. Enttäuscht stellt man fest, dass es keine Expressinstallation gibt, man wird in die Rolle des erfahrenen Benutzers gezwungen. Die Qual der Wahl ist also im Leben inbegriffen und Überforderung vorprogrammiert.

Den Ausweg bilden ein eigener Wille und Entscheidungen; festlegen müsste man sich, die Installation mal zu Ende bringen, was wiederum… ach nein, also naja…vielleicht doch erst mal Ruhezustand. Oder man googelt noch mal schnell, was denn die anderen machen.

Es erfordert schon ein bisschen Schneid, im Rausch der Möglichkeiten inne zu halten. Für Einsteiger muss es ja nicht gleich ein handfester Wille mit allem drum und dran sein. Fragen wir uns einfach selbst „Was gefällt mir eigentlich?“ Man denke sich dazu eine virtuelle Freundin mit Sommersprossen und rotem Haar, ganz so wie das Mädchen aus schwedischen Kinderbüchern. @kumullus macht uns vor wie es ist, sich vom Idol tausender Kinderherzen leiten zu lassen:

kumullus
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Virtuos kombiniert sie hier Realität (Pommes) und Wunschdenken (Entstehungsland Holland) zu ihrer eigenen Höhle von Weltanschauung. In dieser kuschligen Höhle können Fünfe gerade sein, oder auch nicht. Ganz, wie es der Gastgeberin beliebt.

@kumullus schlägt unsere komplizierte Welt mit den eigenen Waffen. Sie befindet sich im Besitz der Rarität eines eigenen Willens, setzt ihn aber in ihrer ganz eigenen Welt ein, nicht um die andere zu sortieren. Das ist so wie Führungskräftemangel, wer begriffen hat, wie’s geht, haut ab.
Nun ist natürlich nicht bekannt, ob @kumullus in ihrer Welt von Äffchen und Pferd bzw. Annika und Tommy begleitet wird, aber es scheint dort Pommes zu geben. Vielleicht gibt es dort auch kein Europa mehr in das die Führungskräfte auswandern können, aber doch immerhin Holland. Ist ja auch schon was.

Diese Mischung aus Efraimstochter und wahrem Leben ist innere Emigration deluxe, nur für Kenner des Metiers geeignet. Für den Rest von uns, die wir in Sachen „ich will aber“ nicht Fortgeschrittene sind wie @kumullus, bleibt nur die Sehnsucht, sie möge uns eines Tages zu sich einladen und von ihr lernen lassen.

Danke, @kumullus. So viel Optimismus in noch nicht mal 140 Zeichen ist selten verbreitet worden.

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Der Tweet im Tweet

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Dieser Tweet bildet den Rahmen für eine Binnenhandlung – und das in weniger als 140 Zeichen. @serotonic ist die Beobachterin, die uns beschreibt, was sie hört. Der Dialog startet zwar etwas langatmig: warum unsere Sprache nun unbedingt „vielseitig und vielschichtig“ sein soll, erschließt sich dem Leser nicht vollständig. Hier hätte es etwas Prägnanzpotential gegeben. Dennoch erreicht der Spannungsbogen ein gewisses Maß an Schwung, um zu guter Letzt in einem furiosen Finale zu enden: der Pointe.

Jedem, der sich die gestellte Frage einmal durch den Kopf gehen lässt, ist sofort klar, dass die Antwort eigentlich nur „Jo“ lauten kann, der Platz zum Ende hin ist schließlich begrenzt. Ein „Jo“ sagt an dieser Stelle mehr als 1000 Worte, und das macht diesen Tweet so wertvoll.

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Renovierungsarbeiten am Haus der Sprache

Twitter ist für viele zu einer Art zweitem zu Hause geworden. Der Ort, in dem man, zumindest auch, so nebenbei rumhängt. Zu dem man während der Einöde der U-Bahn ebenso flüchten kann, wie beim stehen in der Supermarktschlange. Ein zu Hause zum Mitnehmen. Wie Praktisch.

Und wir erleben es jeden Tag wie man sich dort einrichtet. Damit meine ich nicht einfach nur das Hintergundbild, die Schriftfarbe oder Avataricon. Nein, mit einrichten meine ich all die Techniken, die man entwickelt, zum Twittern. Die das Twittern angenehmer, einfacher oder einfach besser, das heißt nicht zu letzt effektiver machen. Techniken, die man gar nicht mal bewusst vollzieht, sondern die sich meistens einschleichen. Die den persönlichen Stil schließlich ausmachen können, aber eben auch die den Informationsgehalt steigern können. Wirklich. Vor Twitter hätte ich nie geahnt, was man alles sagen kann, in 140 Zeichen.

Denn wir alle wissen es längst. Das Haus (grich.= oíkos) ist begrenzt (grich. = nomos, Bezirk, aber auch Gesetz.). Auf 140 Zeichen im Fall von Twitter. Und wie jedes Haus, braucht es deswegen eine Öko-nomie. In diesem Fall eine Ökonomie der Zeichen. Wer schon mal versucht hat, einen komplexen Sachverhalt in einem Tweet zu erklären, der weiß wovon ich spreche.

Wir kennen derlei Beispiele viele: „und“ wird zu „&“, voran stehende Artikel werden mit „d.“ abgekürzt. Dazu kommen die schon lange in Chats oder SMS entwickelten und erprobten Abkürzungen: „wtf“, „omg“ und natürlich das @, dass tatsächlich von den Twitter-usern eingeführt wurde und erst nachträglich seinen institutionellen Weg in den Herz des Dienstes fand.

Aber tun wir nicht so, als wäre das alles neu. Die Sprache selber ist immer schon einer Ökomomie unterzogen gewesen. Weil Sprache immer im Raum und/oder der Zeit operierte, war das Haus schon immer begrenzt. Dabei muss man zugestehen, dass die ikonographischen (oder ideogrammatisch) Schriften unserer phonetischen in Sachen Ökomomie seit jeher überlegen sind. Statt eines Begriffes mit vielen Buchstaben, reicht ein einzelnes Zeichen. Schwierig werden aber abstrakte Sachverhalte, weil die sich schwer bildlich erfassen lassen. Das wird wohl der Grund sein, warum die Hieroglyphen nicht überlebt haben. Wohl aber die chinesischen Schriftzeichen. Diese aus ikonographischen Grundelementen zusammengebastelte Schriftart wird bisweilen mit allerlei Strichelchen hier und Strichelchen dort aufgemotzt, und kann ganze Romane auf ein Blatt Papier unterbringen und dabei die abstrakten Sachverhalte ebenso gut bezeichnen wie unser Alphabet.

Aber auch im Westen machte man sich daran, piktogrammatische Schriften zu entwickeln. Otto Neurath, eigentlich Philosoph, hat mit seinem D’œuvre weniger die Philosophie, als vielmehr die (Not-)Ausgangs- und Toilettenschilder, sowie die Piktogramme der Sportarten bei Olypischen Spielen geprägt. Überall wo Informationen in einem Blick erfasst werden müssen und wo sie möglichst Sprachunabhängig funktionieren sollen, kommen diese Icons zum tragen. Nicht zu letzt auf unseren Computerdesktops finden sich Icons zu einer, ich würde sagen, halb künstlich, halb natürlich entstehenden Sprache zusammen, die dereinst vielleicht mit den Hieroglyphen verglichen werden wird.

Seit dem triumphalen Einzug von Unicode in das Web, eröffnen sich die Grenzen des Hauses entlang von bis zu 21 Bit, statt der bisherigen 7 von ASCII. Diese Möglichkeiten sind toll für die Chinesen, die sich nun nicht mehr nur in Pinyin abmühen müssen. Selten aber wird in unseren Kulturkreisen von den neuen Möglichkeiten wirklich gebrauch gemacht. Das Grundstück mag jetzt größer sein. Wir aber verbleiben als Stubenhocker trotzdem aus Bequemlichkeit meist im alten ASCII-Haus.

Das muss doch nicht sein, dachte sich wohl @uvmann und zeigt uns, wie er mit Hilfe dieser Tabelle (auch von uns nochmal danke, @Fraenko), seine Tweetleistung bis ins unermessliche zu steigern vermag.

uvmann
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Twitkrit als sprachinnovativstes Blog innerhalb des ASCII-Sprachraums begrüßt die neuen Möglichkeiten, und verbleibt: ♥&♕☺.☮!

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I’m about to tell you about a man I’ve known since I’ve been able to open up a refrigerator

Twitkrit, das dienstleistungsorientierte Feuilleton für Kultur in höchstens 140 Zeichen erfüllt heute mal wieder Leserwünsche.

@prcdv
kuehl1
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Na, dann:

kuehl2
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Wie dürfen wir uns das nur vorstellen? Ohrenbetäubender Lärm, permanente Beschleunigung? Ich stelle mir das Leben mit einem solchen Kühlschrank problematisch vor.
Aber es geht sicherlich problematischer. Einen lärmenden Kühlschrank kann mensch ja noch in den mit Eierkartons schallisolierten Hobbykeller des drummenden Mitbewohners stellen. Wenn aber der Kühlschrank direkt in die Arbeit eingreift, wird’s unangenehm:

kuehl3
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Wie macht er das nur?
Keine Ahnung, aber er ist nicht der einzige Frischhalter, der offensichtlich da draußen nicht nach Norm funktioniert:

@pezibaer
kuehl4
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Sowas ist bitter. Kalt, vor allem.
Wobei, manche mögen’s kalt. Sie gehen dafür sogar eine Symbiose mit ihrem Kühlschrank ein. Beispielsweise Ina:

Sie
kuehl5
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Bei mir wäre die Cola ja mit im Kühlschrank, aber so ist eben jeder anders.
Wiedemauchsei, schon dieser kurze Einblick in die Beziehungen von Twitterern und Kühlschränken beweist einen sehr persönlichen Zugang des Menschen zum Gerät.
Manche Sprechen gar von Zuwendung:

kuehl6
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Von mir übrigens nachträglich auch alles Gute, werter Kollege!

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Ware Worte

Wondergirl
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Auf Tweetlänge heruntergebrochen, die Realität gedachter Interdisziplinarität. Die Philosophie, längst bekannt als Drückeberger- oder Mädchenstudium, wo wir doch alle wissen, dass niemand im Warenleben einen Job als Philosoph bekommt. Der Querdenker wird zum Quereinsteiger, denn der Philosoph fühlt zu vielen Berufen irgendwas – auch zu Nullen und Einsen. Birgt dieser Tweet daher wirklich den reinen Spott oder auch ein bischen Angst davor, dass vermeintliche Poeten die Stringenz eines Codes völlig uneffizient machen könnten?

Vielleicht lautet der Subtext dieses Tweets auch: Nicht ihr, die Philosophen werdet die Gesellschaftsstützen der digitalen Zukunft sein, sondern wir: die Nullen Informatiker.

Doch ist es nicht so, dass wir alle die Blumenmädchen brauchen? Und ist es nicht auch so, dass eben diese Nullen solche Sprüche ablassen, weil sie die Blumenmädchen nie bekommen???

Was würde passieren, wenn der Philosoph dem Informatiker eine Blume in sein „wenn-dann-sonst“ Korsett klemmen würde? Kann es Codegedichte geben? Das könnten die sinnbildlichen Fragen sein. Nein, das MÜSSEN die Fragen sein, falls Philosophen in Zukunft mal wieder ihren eigentlichen Job machen sollten. Diese und etwa 1 Million anderer, auf die unsere digitale Gesellschaft gerade dringend Antworten braucht.

Ich gehe natürlich davon aus, @wondergirl, daß Du uns ganz viele dieser Antworten geben wirst! Meinetwegen auch in 140 Zeichen, damit es nicht ganz so anstrengend wird.

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Die nächstgelegene Originalität

„Die Welt ist eine Google“. Ich habe das Zitat zum ersten mal aus der Feder Peter Glasers gelesen. Ich fand den Satz so bestechend einfach, zutreffend und genial, dass ich ihn sofort in mein aktives Sprüchereportoire einsortierte, den Namen „Peter Glaser“ natürlich aber immer als Referenz griffbereit vorhielt.

Als Glaser diesen Satz, der sicher zu dieser Zeit frei durch die Netzwelt geisterte, in einem Artikel las, sich daraufhin wegen der fehlenden Referenz beim Autor beschwerte und den Emailwechsel dann bloggte, gab es einen riesen Aufschrei.

Der Satz sei doch extrem nahe liegend, er liege so zu sagen auf der Hand, wird dort immerwährend angeführt. Zu meinem Erstaunen wurde dies aber nicht als Ausdruck seiner Qualität gewertet, sondern als angeblicher „Beweis“ seiner geringen Schöpfungshöhe. Nach intensivem Suchen wurde der Satz auch schon vor Glasers erster Veröffentlichung ergooglet, als Quasibweis seiner Unoriginalität.

Nun will ich den Streit nicht wieder hochkochen. Aber die Argumentation ist schon erstaunlich. Wenn ich einen Satz, einen Kommentar abgebe, der wie Faust aufs Auge passt, den Nagel auf den Kopf trifft, dann muss der Satz nahe liegen. Dann muss er all das ausdrücken, was den anderen auf der Zunge lag. Dann muss er den Punkt landen, den wir anderen nur umkreisen. Das ist die große Kunst.

Die andere ist es, diesen Satz als genau das zu erkennen. Den in diesem Satz aufgespießten Sachverhalt in Stellung zu bringen, ihn zu wiederholen und ihm eine Prominenz im eigenen Geschriebenen zu sichern, auf das er sich verbreite, sich festsetze, um überall verfügbar zu sein.

Das tat Peter Glaser als einziger, unabhängig davon, wer er sonst noch auf die gleiche Idee kam. Und er tat es gut. Ich persönlich glaube deswegen zwingend, dass die weite Verbreitung des Satzes im Netz vor allem, ja beinahe ausschließlich, auf seine Kreation zurückgeht und ich halte seine Mail an Marco Dettweiler genau deswegen für berechtigt. Etwas kleinlich, etwas eitel, aber berechtigt.

Nun twittert Peter Glaser leider nicht, was m.E. schade für uns alle ist. Aber, und hier ist der Schwenk: Twitter ist genau das Medium für solch treffende und im besten Sinne nahe liegenden Äußerungen. Die Konzentration auf Prägnanz durch die 140-Zeichenbeschränkung hat uns schon viele solche Beispiele beschert und am Montag war es wieder so weit:

sixtus
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Das ist nicht irgendein Tweet zu den Vorgängen in der SPD. Davon gab es so viele, davon gab es auch witzige. Das hier aber ist der Tweet. Und ich war sicher nicht der einzige, der vor seiner Timeline saß, die Augen tränten noch vom Lachen, und sich fragte: „Warum – verdammt noch mal! – bin ich da nicht drauf gekommen?“ Ja. Warum nicht? Es liegt auf der Hand. Es liegt in der Luft. Es war so klar. Der Tweet war so klar und ersichtlich, so zwingend. Er hing auf der Zunge, aber er wollte nicht raus. Nur bei einem hat es geklappt und mir, wie den anderen fiel es wie Schuppen von den Augen. Und sie/ich favten, was sie/ich selber nicht twittern konnten. Favrd zählt 14 Favs! Das dürfte absoluter Rekord bei einem deutschsprachigen Tweet sein.
favrd

Und deswegen haben wir das @sixtus anzuerkennen und auch zuzurechnen. Gerade weil es auf der Hand lag, aber er es war, der es gebracht hat.

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