Diese Tweetkritik, über die wir gestern in der Redaktion so heftig diskutierten, dass wir gar nicht dazukamen, selbst eine Kritik zu verfassen, ist der zweite Gastbeitrag von @baranek, der nach eigenen Angaben “das Web vollmacht”, sich mit so disparaten Themen wie Gastronomie, Spanien und Lokaljournalismus beschäftigt und als Nicht-Schwabe in Stuttgart lebt. Offensichtlich beschäftigt ihn auch die Sexualität.

Der Sexualisierung von Objekten des täglichen Bedarfs begegnet man in Twitterwelt ja allerorten. Egal ob Apple-Adepten oder Google-Geile: sehr viele sind damit beschäftigt, ihr iPhone zu lieben oder mit Chrome auf dem Schirm sehr hart zu werden. Ein besonderes Beispiel für diese Art der Ersatzbefriedigung lieferte jüngst Katharina Borchert, der sich ja eigentlich als Chefin der Nachrichtenschleuder Der Westen genug Möglichkeiten bieten, sich im realen Leben auszutoben. Ein paar knackige und obendrein schlaue Jungs sind doch in der Redaktion bestimmt dabei. Nun schrieb Frau Borchert allerdings folgendes

blackberry
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Sehen nur wir Altersgeile hier eine ganze Flut unerfüllter erotischer Wünsche durchscheinen oder ist sich Frau Borchert des innewohnenden Sinns nicht klar? Vermutlich doch. Zum einen ist sie sicher eine intelligente Frau und zum anderen ist das ironisierende Emoticon am Ende des Tweet mehr als deutlich. Die Frau weiß also, was sie sagt.

Umso erhellender daher der Inhalt, der zunächst vom technischen Versagen eines Telekommunikationapparates berichtet. Dieser habe eines Nachts den Geist aufgegeben. Daran ist an sich noch nichts bemerkenswertes feststellbar – Scheiße passiert halt. Allerdings lässt die Wertung dieses harmlosen Vorgangs als “Terror” schon einige Besorgnis erregende Rückschlüsse auf die tiefenpsychologische Konstitution zu. Es wird eine gewisse Abhängigkeit von der Maschine deutlich…

Auch die zweite Information ist an sich völlig neutral: Frau Borchert hätte gerne einen “Bold”, also das neueste Modell aus dem Hause Blackberry, der ja als DAS Gegenstück zum regelmäßig Verzückungen hervorrufenden Konkurrenzprodukt aus dem Hause Apple gilt. Zur Info: Dieses Gerät kommt in schwarzem Design daher. Warum bezeichnet Frau Borchert das jetzt aber als stark? Der letzte Satz löst das Rätsel: Das macht Frauen glücklich!

Jetzt allerdings liegt ein ganzer Berg von Zweideutigkeiten, verwinkelten Konnotationen, absichtlich angetippten und sehr verwerflichen Vorurteilen – “Schwarze haben einen längeren Schwanz und ficken deshalb besser!” – sowie brach liegender Frustrationen vor dem subtextsensiblen Leser. Eigentlich haben wir keine Lust, diesen Haufen gefährlichen Materials vollständig abzutragen und in seine Bestandteile zu zerlegen. Dieses schöne Beispiel für den westlichen Warenfetischismus spricht einfach für sich. Glückwunsch, Frau Borchert!

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

textdeluxe

Das Thema ist interessant, aber einen Witz erklärt zu bekommen, ist irgendwie nicht so richtig spannend … Oder geht’s bei twitkrit genau darum?

Gepostet von textdeluxe am 26. September 2008 um 11:32.
Katharina Borchert

Ts, schwerer Fall von kompletter Ironieresistenz?

Gepostet von Katharina Borchert am 27. September 2008 um 23:00.
textdeluxe

Au contraire, eher ne ziemliche Ironieaffinität. Aber wo isse denn, die Ironie?
Ah, hier: “Eigentlich haben wir keine Lust, diesen Haufen gefährlichen Materials vollständig abzutragen und in seine Bestandteile zu zerlegen.” Und dann macht er’s eben leider doch, liefert ne Schularbeitsanalyse. Thema schön, Sprache auch schön, aber dann so flachbrüstig, der Beitrag. Sonst alles prima.

Gepostet von textdeluxe am 27. September 2008 um 23:12.
Katharina Borchert

Ah, ich meinte auch nicht Sie, sondern den erregten Autor des Blogeintrages.

Gepostet von Katharina Borchert am 28. September 2008 um 12:13.
textdeluxe

Hab mich schon gewundert. Auch über Bold statt iPhone …

Gepostet von textdeluxe am 28. September 2008 um 20:20.
baranek

Oha! Nun also also gleich zwei Damen, die eindreschen. Großes Thema “Ironie” erkläre ich jetzt mal kurz so: Witze/Ironie/Humor beziehen sich immer auf irgendwelche Werte/Tatsachen/Situationen. Mein Twitkrit wollte genau diesen Bezug aufdecken. Darum geht’s bei Twitkrit allerdings. Und die Ironie von Frau Borchert habe ich schon verstanden, aber es musste herausgearbeitet werden, worüber wir hier eigentlich lachen, auf was sich das bezieht. Und ich dachte (vermutlich die Redaktion auch), ich hätte da so ein paar Sachen gefunden, die schon zum kopfschüttelnden Lächeln einladen. NIx für ungut!

Gepostet von baranek am 29. September 2008 um 13:41.
textdeluxe

Also wenn das nun mal herausgearbeitet werden musste, dann musste es das wohl!
Ich weiß jetzt, worüber ich gelacht hab und worauf sich Humor so alles beziehen kann. Alles prima. :-)

Gepostet von textdeluxe am 29. September 2008 um 13:49.