Polittweets richtig lesen
Wir wären nicht Deutschlands bedächtigstes Twitter-Feuilleton, wenn wir nicht mit einer Woche Verspätung auch noch auf den Zug aufsprängen und uns dem längst als aaaaaaalt verschrienen Problem des Polittwitterns aus textanalytischer Sicht widmeten:

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Gute Tweets erschaffen in höchstens 140 Zeichen eine Welt. Oder sie klären uns immerhin auf über die politische Zukunft der deutschen Sozialdemokratie.
Ist ja auch bitter nötig. Die Studienratspartei, die seit dem traurigen Abgang des letzten Großen Vorsitzenden, Willy Brandt, aus dem Kanzleramt erst gute 20 Jahre lang nicht wusste, was sie ist, dann von dem Doris sein Mann in so eine Art BDI für alle verwandelt wurde und solange im wirtschaftsliberalen Revier wilderte, bis sie selbst waidwund war, braucht einen Neuanfang. Denn so wie in den letzten Jahrzehnten kann es nicht weitergehen.
Da muss eine Zäsur her, da braucht es einen Bruch. Und die alte Tante SPD macht, was alle Frauen machen, wenn ein Lebensabschnitt vorbei ist. Sie geht einkaufen. Am besten Schuhe. Der Luxus des Schuhkauferlebnisses lässt die Armut der Vergangenheit erblassen. Aber schon bevor der Verdrängungsmechanismus in Gang treten kann, wird das Skateboard zur Metapher der Erneuerung. So cool, lässig und flott, dass es selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte, kann eine Partei auf dem Rollbrett wirken. Damit lässt sich was bewegen. Nur was?
Nun, ein Neuanfang unter alter Flagge kann kein totaler sein. Und so versucht sich die Partei bei aller krassen Hipness und Lockerheit auf das zu besinnen, was sie einst bestimmte (also kurz vor Lassalles Duelltod): Der abschließende Satz “Wir koennen jetzt weiterarbeiten…” ist das Vermächtnis der alten Partei. Dieser so jugendlich-frisch, durch die drei Punkte am Ende beiläufig daherkommende Satz vereint das Arbeitsethos der alten Sozialdemokratie mit ihrem der marxistischen Geschichtsdialektik entlehnten alten Kampfspruch: Vorwärts immer, rückwärts nimmer!
In einem Tweet also steht all das, was eine von den Verfehlungen der vergangenen Jahrzehnten geheilte SPD ausmachen wird: Konsumorientiert (kaufen), feminin (Schuhe), jung (Skateboard), immer noch dynamisch (weiter-), weiterhin der Arbeit (-arbeiten) und damit den Arbeitenden verpflichtet. Das ist nur konsequent: Ohne Konsum keine Arbeit, ohne Arbeit kein Konsum, ein dialektisches Verhältnis, dem sich auch eine Arbeitendenpartei2.0 zuwenden muss. Dass Frauen die neuen Männer sind, weiß ebenfalls jeder, der popularpsychologische Magazine liest oder mal in deutsche Abitursklassen geschaut hat. Jung könnte gefährlich werden bei der Überalterung der Gesellschaft. Andererseits: Rentner wählen eh CDU (West) oder Linkspartei (Ost), da lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen. Ist schon sinnvoll, das Heil in der Flucht nach vorne zu suchen. Und Dynamik schadet nie.
Inhaltliche Tiefe muss nicht in ausufernden Zeitschrifteninterviews oder verquasten Parteitagsbeschlüssen vermittelt werden. Die richtigen Schlagworte clever gesetzt reichen aus, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen (ok, vielleicht muss der olle Clement noch weg, der Problembär ruhig gestellt werden, Oskar Lafontaine und Andrea Ypsilanti könnten auch noch schneller den Todesstoß bringen, als der Karren Fahrt aufnimmt, aber hey, das wird schon!).
Dieser Tweet ist gleichsam das Halali zu Hubertus’ Jagd auf Parteivorsitz und Kanzleramt. Waidmanns Heil! Und wenn es doch nicht soweit reichen sollte: Irgendwer muss ja Westerwelle und seiner Partei Konkurrenz machen als berufsjugendliche Juniorpartner in den künftigen Koalitionen. Dem kauft das langsam nämlich keiner mehr ab.
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Das sagen die Anderen:
Bleibt nur zu hoffen, dass das Generalsekretärsgetwitter nicht die neue “Aktion 18″ ist. In diesem Sinne: Schuh gut, Skateboard gut, Glückauf!
Gepostet von bosch am 02. September 2008 um 13:04.@björngrau for parteichef!
Gepostet von mspro am 02. September 2008 um 13:24.aber nicht dass wir am Ende alle gleichgeschaltet werden und Heil Hubertus Rufen dürfen
Gepostet von bunki am 03. September 2008 um 11:13.