Twitkrit

In der Wortspielhölle nachts um halb eins

Wir wissen es doch alle. Die schönsten Tweets sind Wortspiele. Twitter ist wahrscheinlich der erste weltweite Wortspielkanal. Das stellt den ambitionierten Twitkritter allerdings vor eine Herausforderung. Wie rezensiert man Wortspiele? Oder überhaupt Witze? Geht das überhaupt? Klar ist: Erklärungen sind doof, denn so ein Witz muss für sich selbst stehen und jedes weitere Wort wäre eines zu viel.

Weiters ist festzuhalten: Das Wortspiel ist eine relativ verpönte Form der Komik. Es hängt ihm das billige Parfüm des Kalauers an. Nicht ganz zu unrecht. Aber aus irgendeinem Grund funktionieren Wortspielereien in der Twittertimeline eben erstaunlich gut, weswegen ihnen eine dominierende Präsenz in den Favoritenlisten der Twitteria beschert ist. Und dennoch muss man sich als Twitkritter eingestehen, dass genau diese Tweets, die einem – ich gebe es zu – jeden Tag den Tag retten, einfach nicht rezensierbar sind.

Ja. Da haben wir es, das Dilemma von Twitkrit. Besprochen wird nicht unbedingt das schönste, tollste, beste des Tages oder der Woche, sondern das, was sich nun mal gut besprechen lässt. Nichtsdestotrotz bin ich der – jedenfalls nicht sofort umfallenden – Meinung, dass dieses strukturelle Problem im Blätterrauschen des klassischen Feuilletons genauso besteht. Nur, dass es dort natürlich niemand zugeben würde.

Doch – manchmal – da geschieht das Unausweichliche. Ein Wortspiel-Tweet passiert und man will sofort vom Küchenhocker aufspringen und applaudieren. Und ihn besprechen sowieso. Aber was – in aller Welt – macht man dann mit diesem Tweet von @stburnster?

burnster
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Vielleicht einfach toll finden! Oder nicht?

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Kein Nachruf und kein Interview

@LorettaLametta verabschiedet sich aus dem Twitkrit-Team. Dies wollen wir zum Anlass nehmen, die  gemeinsame erfolgreiche und schöne Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen, und im Rahmen eines nie stattgefundenen Interviews gemeinsam in die Zukunft zu blicken.

@bosch: Guten Morgen, verehrte Frau Cara, nach langer erfolgreicher Tätigkeit für Twitkrit haben Sie sich dazu entschieden, fortan eigene Wege zu gehen und ihre Position als Twitteraturkritikerin aufgegeben. Zwar sagt man immer, wenn es am schönsten ist, solle man aufhören, aber wie soll es denn nun weitergehen?

@bosch Gelassenheit ist sicher immer hilfreich. Aber in den vergangenen Monaten haben Sie für Ihre Tätigkeit bei Twitkrit doch sicher viel Zuspruch bekommen.

@bosch: Können Sie uns etwas zu den Gründen Ihres Abschieds sagen?

@bosch: Geht es vielleicht etwas konkreter?

@bosch Mhh, ich verstehe, es lag also auch an dem merkwürdig aussehenden Kerlchen. Lassen Sie uns zu etwas erfreulicherem kommen und in die Zukunft blicken: Was fangen Sie jetzt mit Ihrer neu gewonnen Freizeit an?

@bosch: Aber Sie werden sich doch jetzt sicher nicht an heimischen Herd zurückziehen und backen?

@bosch Wie geht es bei Ihnen weiter? Können Sie uns etwas zu Ihren Plänen sagen?

@bosch Wollen Sie uns zum Abschied noch etwas mit auf den Weg geben?

@bosch: Frau Cara, im Namen der gesamten Herausgeberschaft danke ich Ihnen herzlich für dieses niemals stattgefundene Interview, für die gute Zusammenarbeit und Ihre wunderbaren Beiträge in diesem Onlinemagazin. Wir wünschen Ihnen alles Gute und hoffen, dass wir noch viel von Ihnen lesen werden.

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Stich

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Unsere Gastautorin Dr. @percanta ergeht sich in der Auslotung der tiefstechenden Schattenseiten des Sommers.
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Minimalpaare, produktive Literaturbausteinchen! Nur darum stehen Hänschen Stock und Hut so gut, vom Zopf am Kopf und der Sache mit der Brust und dem Frust gar nicht zu reden. Minimalpaare verbinden Disparate zu Partnern im Reime und spenden freundlich Komik. Nun ist selbst ein schlechter Witz komischer als seine Erklärung, und wie dieser gelungene Tweet funktioniert, bedarf auch keiner weiteren:

ruhepuls
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Doch hinter dem Witz blitzt sie auf, die Wunde.

Die makellose Haut, die unverdorbene Freude des Sommers – dahin! Die Biographie ohne Fragezeichen, glatt wie ein Babypopo – vertan!
Die erste Mücke oder die Monate zwischen Praktikum und Praktikum, sie sind wie das erste Eselsohr im neuen Buch, der Rotweinfleck im Brautkleid, die Mathe-Vier im Einserzeugnis, der erste Fluch der Mutter, das erste graue Haar oder das traumatisierende erste Loch im Zahn: Wehmut beim Anblick des vormals Heilen und Vollständigen. Schlimmer noch: Erschütterung ob dieser Zeichen des Verfalls. Warte nur, balde.

Andererseits: “The first bite is the deepest” heißt auch, dass die folgenden gerade noch an der Oberfläche kratzen und dass aus der zweiten und dritten Mücke längst kein Elefant mehr wird. Nach der Mathe-Vier tut die in Religion schon nur halb so weh. Die Bratensoße am nicht mehr blütenweißen Ärmel – je nun. Und die Tönung lohnt eigentlich erst ab einem halben Dutzend Strähnen.
Wer am ersten Abend in Italien 75 Stiche zählt, sollte vielleicht keinen Urlaub in Finnland planen, doch was ist ein richtiger Sommer ohne mit Fingernägeln in die Quaddeln gedrückte Kreuze, ohne kühlende Spucke auf den Beulen und ohne dann doch hingebungsvolles Kratzen?
Ist der Arm erst ruiniert, kratzt es sich ganz ungeniert. In dem Sinne: Wen juckt’s?

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Wir schreiben den 05. August 2008

datum
[Link]

Sehr geehrter Bebal,

herzlich danken wir Ihnen dafür, dass Sie unser Produkt auf dem Online-Portal Twitter rezensiert haben.
Wir sind stolz, ein Qualitätsprodukt dieser Güte entwickelt zu haben. “Datum” ist seit mehr als 4000 Jahren am Markt etabliert und längst zum weltweiten Standard geworden. “Datum” hilft Ihnen bei der Organisation ihrer geschäftlichen wie privaten Termine, es ermöglicht durch seine systematische Verknüpfung von zyklischen und linearen Elementen und seine einmaligen Archivierungseigenschaften, die Planung und Dokumentation von Terminfolgen auch über längere Zeiträume.
Wir sind ständig darum bemüht, unser Premiumprodukt weiterzuentwickeln, um es noch kundenfreundlicher zu gestalten. Zwar ist “Datum” bereits seit längerer Zeit mit allen Betriebssystemen der Kategorie Kalender kompatibel (So hat beispielsweise die Kalenderversion “Gregor” dazu geführt, dass Daten einheitlich benannt und nicht mehr regional unterschiedlich nach einigermaßen beliebigen Festtagen getaggt wurden), doch bringt die Vielfalt an Betriebssystemen einige Schwierigkeiten mit sich, deren wir uns bewusst sind und an deren Aufhebung wir ständig arbeiten.
Jede Optimierung von “Datum”, erlaubt es Ihnen, Ihre wertvolle Zeit besser einzuteilen, mehr Termine aufzunehmen und so weniger Leerlauf zu haben. Besonders das beliebte Add-On “Uhrzeit”, erlaubt es beim Einsatz entsprechender Hardware, auf Nanosekunden genau zu terminieren. Für den Hausgebrauch sind Termine im Fünf-Minuten-Takt bisher üblich, Sekundengenauigkeit ist aber längst technisch problemlos möglich.

Machen Sie mehr aus Ihrem Leben! Mit “Datum” und “Uhrzeit”, den Qualitäts Produkten der Grauen Herren!

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Schillernde Tweets

Joschaefers
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Es gibt Tweets, die schillern. Sie lassen uns erinnern an die “Sturm und Drang” Zeit der Aufklärung, als das Theater oft das einzige Medium war, durch das die Könige und Despoten von der „Wahrheit“ erreicht wurden: „Hier nur hören die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören – Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier – den Menschen.

@JoSchaefers ist kein Bilanzbuchhalter, kein Controller aus Leidenschaft – dennoch hat er es auf sich genommen, aus einer Software, die eigentlich dem User zu Dienste sein sollte – es aber aus verschiedenen Gründen oft nicht ist – zu entlocken, was der Auftrag war. Faszinierend ist, Software als einen Feind zu begreifen, den es zu besiegen gilt.

Wohin strebt die digitale Welt? Wir betrachten uns längst als aufgeklärte Menschen – doch wer sind die Schillers der Gegenwart, die Rebellen, die das Denken mit den Mitteln der Vernunft von althergebrachten, starren und überholten Softwaresystemen und Lizenzmodellen befreien und Akzeptanz für Open Source und Kollaboration schaffen?

Die Bühne der digitalen Welt ist das Internet, auf der, frei nach Schiller, die scheinbare Möglichkeit einer Verständigung zwischen den absolutistischen Monarchen wie Bill Gates und den Vorkämpfern der Freiheit, ausgetragen wird. Es geht um die Zukunft der Wirtschaft bei Enterprise 2.0, um Interdisziplinarität in Forschung und Lehre an den Universitäten, um die Open Source Bewegung – die nicht mehr versucht zu beherrschen was nicht zu beherrschen ist. Die Tools, die uns dabei zu Dienste sind, sind nicht Excel-Sheets, Word oder Powerpoint – es sind Wikis, Blogs, Twitter, Barcamps, Open Spaces und Open Source Produkte.

Würde man Don Carlos ins Heute übertragen, würde Schiller den Monopolisten Bill Gates nicht nur als den kaltherzigen Alleinherrscher zeigen, den @JoSchaefers vielleicht in ihm sieht und der er auch ist; er wirkt zumindest in vergleichbarem Maße auch als Opfer der in ihren Konventionen erstarrten Softwareindustrie, die Überkommenes um jeden Preis und allein um der Macht willen zu erhalten sucht.

Bill Gates:

JoSchaefers? – Schaefers? – Schaefers? Kann
Ich dieses Menschen mich doch kaum besinnen!
Und zweifach getaggt – ein Beweis,
Daß ich zu großen Zwecken ihn bestimmte!
Und, war es möglich? dieser Mensch entzog
Sich meiner Gegenwart bis jetzt? vermied
Die Augen seines königlichen Schuldners?
Bei Gott, im ganzen Umkreis meiner Software
Der einz’ge Mensch, der meiner nicht bedarf!
Besäß’ er Habsucht oder Ehrbegierde,
Er wäre längst in Redmond erschienen.
Wag’ ich’s mit diesem Sonderling? Wer mich
Entbehren kann, wird Wahrheit für mich haben.

Jo Schaefers:

Wie komm’ ich aber hieher? – Eigensinn
Des launenhaften Cookie wär’ es nur,
Was mir mein Bild in diesen Spiegeln zeigt?
Aus einer Million gerade mich,
Den Unwahrscheinlichsten, ergriff und im
Gedächtnisse von Gates auferweckte?
Ein Zufall nur? Vielleicht auch mehr – und was
Ist ein Cookie anders, als der rohe Stein,
Der Leben annimmt unter Coders Hand?
Den Cookie gibt das Targeting – zum Zwecke
Muß ihn der Mensch gestalten – Was Gates
Mit mir auch wollen mag, gleichviel! – Ich weiß,
Was ich – ich mit Gates soll – und wär’s
Auch eine Feuerglocke Wahrheit nur,
In des Despoten Seele kühn geworfen -
Wie fruchtbar in der Vorsicht Hand! So könnte,
Was erst so grillenhaft mir schien, sehr zweckvoll
Und sehr besonnen sein. Sein oder nicht
Gleichviel! In diesem Glauben will ich handeln.

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Das angenehme Schweigen

tristessedeluxe
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Im Gegensatz zu dem besprochenen Twitterer @tristessedeluxe ist mein Filmwissen eher ein gefährliches, weil halbes Wissen. Dennoch glaube behaupte ich, dass die Szene des Schweigens in Pulp Fiction ein Novum der Filmgeschichte ist. Nicht, dass das erste mal in einem Film geschwiegen wurde, sondern, dass das “unangenehme Schweigen” filmerisch als solches thematisiert wurde.

Wir erinnern uns: Während sich im Hintergrund die Musik dramatisch steigert, sitzen sich Vincent Vega und Mia Wallace gegenüber – und schweigen. Ein unangenehmes Schweigen, ein Schweigen, das wir alle kennen aus diesen Situationen, in denen wir innerlich verzweifelt nach Gesprächsthemen suchen. Ein Schweigen, in dem man am liebsten vom Tisch aufstehen möchte, um zu gehen, nein, um zu fliehen. Denn der Druck erhöht sich mit jeder Sekunde, die Kommunikation fortzusetzen. Aber wie?

Kommunikation muss anschlussfähig sein. Einer der Schlüsselsätze der Systemtheorie ist in solchen Momenten greifbar. Kommunikation giert nach dem Anschluss an neue Kommunikation und dennoch ist es möglich, in kommunikative Sackgassen zu geraten. Ein Thema wurde beendet, ohne dass das nächste sich schon daraus ergab und schon steht man da, in mitten des Nichts und muss von neuem anfangen.

Das unangenehme Schweigen aber gibt es beim Instant Messaging kaum. Denn anders als bei einer Face-to-Face Unterhaltung gibt es nur eine abgemilderte “Präsenz” des anderen, die einen zwingen würde, die Unterhaltung um jeden Preis fortzuführen. Der grüne Punkt bedeutet nur, dass man erreichbar ist, nicht, dass man sich voll und ganz und ausschließlich der Kommunikation mit dem anderen hingeben wird. Das Onlineicon ist eine unverbindlichere, weniger verpflichtende Präsenz.

Und so kann man prima schweigen, Punkt neben Punkt, jeder vor sich hin und alle gemeinsam. Ohne dass es unangenehm wird, ohne dass sich irgendwer verpflichtet fühlt, etwas zu sagen. Und man hat dennoch das gute Gefühl, jederzeit den anderen vollquatschen zu können. Ihn zum Beispiel fragen, wie es ihm geht und was er so macht, wie ihm das Essen geschmeckt hat und wo er gerade ist.

Allein: Das muss man ja gar nicht mehr. Wozu gibt es Twitter?

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