Monatsarchiv für August 2008

 
 

Happens Shit?

Ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob heute in dieser virtuellen Welt überhaupt noch jemand was mit Entfremdung anzufangen weiß. Spürt Ihr noch diesen Widerspruch zwischen Natur und Kunst (auch im Sinne von künstlich)? Merkt Ihr noch, dass Ihr vom Affen abstammt und Euer iPod weder a priori zu Euch gehört, noch in der Lage ist, Euch direkt beim Suchen und Finden der Nahrung, vor allem aber nicht beim Verzehr behilflich zu sein?
Ist Euch nie aufgefallen, dass der Mensch ein Mängelwesen ist, zu dessen Natur es gehört, von der Natur entfremdet zu sein? Wir können keine Gazellen mit der bloßen Hand fangen.
Aber das ist Euch egal, Ihr seid gern naturfremd, oder? Wer braucht schon den Baum umarmen, wenn er die Hitze des Notebookakkus an den Schenkeln spürt?
Entfremdung ist normal, deshalb fällt sie nicht auf. Entfremdung liegt unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Auch, weil wir durch unsere Entfremdung unsere Produktivität entdeckt haben. Zivilisation entsteht durch Überwindung unserer natürlichen Mängel. Wer die Gazelle nicht mit der Hand erwischt, baut sich ein Jagdgewehr und einen Jeep und geht auf Safari. Dieses Bauen, dieses Herstellen, das Machen ist die Stärke des Entfremdeten.

Vielleicht liegt es an dieser Stärke, dass die einzig produktive Tätigkeit des naturnahen Menschen, dem Baby nämlich, in der Keimzelle der Gesellschaft, sprich der Familie, und bei dem Zausebart, der die Entfremdung freudig auf die Couch geholt hat, so viel Aufmerksamkeit bekommt und uns eben doch jeder Scheißdreck eine Menge angeht. Schau mal, was der kleine Mark-Michael da wieder in der Hose hat!
Gern wird das Ergebnis entfremdender, also die Natur begrenzender und somit zivilisatorischer Tätigkeiten mit dem Hochamt des Stuhlgangs verglichen:

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Allerdings wird die Entleerung des Enddarms durch ihre Überhöhung im Produktivitätswahn des vergesellschafteten Menschen selbst völlig entfremdet. Noch schlimmer wird es im Laufe der weiteren Entfremdung des jungen Menschen im Rahmen der Erziehung. So produktiv der Schiss ist, er bleibt Natur und die ist der Zivilisation fremd und muss abgedrängt werden. Und so müssen wir lernen, erst aufs Töpfchen und dann aufs Klo zu gehen. Wir entlassen unsere Natur ins Dunkel der Schüssel und spülen schnell, um möglichst schneller zu vergessen, dass wir doch nur Tiere sind.
Nur diese schnelle, diskrete und mit hohem technischen Aufwand betriebene Fäkalienentsorgung erlaubt es uns, über den zu lästern, der verschissen hat. Das Häufchen darf nicht überall sein, es muss über den Ablass am bestimmten Ort weg!
Das ist brutal und dem Tier in uns wesensfremd. Und so bleibt bei aller zivilisatorischen Maßregelung auch im Homo Virtualiensis der postindustriellen Welt (der sich sogar noch von der Entfremdung durch produktive Arbeit entfremdet hat) eine Sehnsucht nach der Natur. Und wo sucht er die? Da er nicht weiß, wo er sie im Urzustand finden soll, geht er dorthin, wo sie simuliert wird:

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P.S.: Der Autor trank beim Abfassen des Textes einen Kakao und lag auf einem braunen Sofa.

Sprichwörtlichkeiten

leddunk
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Wie steht es eigentlich mit der guten alten Sprichwörtlichkeit? Dieser Tweet von @leddunK jedenfalls, steht ihr recht skeptisch gegenüber. “Yet another” deutet zumindest an, dass es schon lange nur noch Gold ist, was glänzt, dass zumindest das Fernsehen diesen Glanz nicht mehr zu halten vermag, den es früher wohl mal ausstrahlte.

Früher wäre das sicher kein Grund zur Sorge gewesen, aber seitdem auch andere Mütter immer weniger schöne Töchter gebären, wird es einem schon kalt um die Füße rum. Und für jeden Hamburgerfahrenen Leser wird der Hinweis auf den Sonnenschein, der angeblich immer auf den Regen folgt, nur wie blanker Hohn wirken.

Das Leben sei eben kein Wunschkonzert, wirft gerade jemand ein, und Gott sei Dank können wir seit Napster und jetzt iTunes auch dem widersprechen. Denn ja, wer braucht schon noch das Fernsehen, seit es Internet gibt? Wo ich je nach Wunsch das Konzert – z.B. der Twitterstimmen – selber nach gusto zusammenfollowe.

Und auch hier – in Twitter – bewahrheitet sich die Haltbarkeitsgrenze von Sinnspüchen, ist doch der Tweet von vor zehn Minuten einige Äonen älter als die Zeitung von gestern. Und seit Ordnung schon lange nicht mehr das halbe Leben ist, müsste man endlich mal die Volltextsuche an seine Stelle setzen. Es sind schließlich auch schon viele Handwerker durch den nur noch notdürftig beblattgoldeten Boden gekracht, während echte Meister – z.b. @phogenkamp – tatsächlich schon vom Himmel fielen.

Auch andere Twitterer machen sich längst dran, die Platitüdenwelt zu entzaubern. Zudem sei auf die ganzen Beweistweets von iPhonebesitzern hingewiesen, die mit ihren kryptischen Wortentstellungen deutlichen aufzeigen, dass irren eben nicht nur menschlich ist.

Aber jetzt ist Schluss. Denn nach wie vor gilt: Man soll nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, während man im Glashaus sitzt.

Die nächste Kugel

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Schokolade, Erdbeer, Vanille, Haselnuss, Pistazie, Stracciatella, Waldmeister, Himbeere, Joghurt, Zitrone, Kirsche, Nougat, Melone, Karamell, Banane, Weiße Schokolade, Mokka, Krokant, Trüffel, Zimt, Kokosnuss, Eierpunsch, Aprikose, Brombeere, Kiwi, Amaretto.

Sechsungdzwanzigmal Eis – ob @kuechenhure diese nun in dieser Reihenfolge und/oder Kombination genossen hat, ist nicht überliefert. Fest steht nur: Speiseeis gehört zum Sommer wie der Erkältungstee zum Winter. Die vereinsamte Kugel in der Waffel ist für den Besessenen nicht nur ein zur Jahreszeit passendes Accessoire, er ist dem kalten Süßen mit Haut und Haar verfallen. Durch die vielfache Wiederholung des Wortes “Eis” hat der Autor diese Lust deutlich zum Ausdruck gebracht. Wie bei allen Leidenschaften ist die Grenze zur Sucht nur schwer auszumachen und sicher fließend. Aber was für Harald Juhnke der Alkohol war, scheint für @kuechenhure das Eis zu sein. Wie ein Besessener und ohne jegliche Kontrolle schaufelt er die sechsundzwanzig Portionsbällchen in sich hinein.

Die Adressierung an @having (vgl. “Present Progressive”, Verlaufsform der Gegenwart) dokumentiert, dass es sich hier tatsächlich nicht nur um das unbändige Verlangen nach gefrorenen Süßspeisen aus Wasser, Milch, Sahne, Zucker und Eigelb handelt, sondern dass die Orgie bereits in vollem Gange ist. Zügellos wird hier ausgelebt, wovon die meisten Menschen nicht einmal kühn zu träumen wagen: Milcheis, Fruchteis, Sorbet und Rahmeis in riesigen Mengen – immer rein damit in den Körper mit seinem für dieses Ausmaß eigentlich viel zu kleinen Magen. Kein Mensch ist für 26 Kugeln Eis gemacht, selbst wenn die Seele danach  giert. Kurzfristig scheint es befriedigend zu sein, dem Verlangen nachzugeben. Aber ein jeder Junkie weiß, dass das böse Erwachen zum Schluss kommt, denn wie immer gilt: nach der Party folgt der Kater. Aber wer diese Grenzerfahrung einmal erlebt hat, der muss es immer wieder tun, da hilft auch kein kalter Entzug.

Wir hoffen, dass sich @kuechenhure von seiner Überdosis zwischenzeitlich wieder gut erholt hat, und wünschen ihm auch beim nächsten Gang zum Eisdealer einen guten Appetit und eine schöne Nahtoderfahrung, wenn es das nächste Mal wieder heißt:

“Einmal Schokolade, Erdbeer, Vanille, Haselnuss, Pistazie, Stracciatella, Waldmeister, Himbeere, Joghurt, Zitrone, Kirsche, Nougat, Melone, Karamell, Banane, Weiße Schokolade, Mokka, Krokant, Trüffel, Zimt, Kokosnuss, Eierpunsch, Aprikose, Brombeere, Kiwi und Amaretto im Becher bitte.”

Blog von Twitter überrollt

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Unser Gastautor svensonsan hat einen Katzentick. Dank Internet kann er damit auch noch Geld, Ruhm und jede Menge Katzenhaare sammeln. Hauptsächlich aber vergleicht er die schönen Städte Hamburg und Berlin.
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Ab sofort ist es amtlich.

Twitter überrollt die Blogs dieser Welt und am Ende bleibt nur eine tote Katze unterm Leichenwagen.

Besser @mathematikos kann man eine Momentaufnahme der Blogs dieser Welt gar nicht formulieren. Die Katze ist nicht nur tot – nein, sie liegt auch noch in der Gosse unter dem Leichenwagen.

Wurde sie vom Leichenwagen überfahren? Warum steht der Leichenwagen überhaupt? Müsste er nicht fahren? Hat er die Katze nicht gesehen? Weiß der Leichenwagenfahrer, was ein Blog ist? Nutzt er Twitter? Kann er Blogs nicht leiden?

Wahrscheinlich werden wir niemals die näheren Umstände erfahren. Alles, was man weiß, ist die traurige Tatsache, dass die Katze tot unter dem Leichenwagen liegt.

Mein Beileid, kleine Katze.

Katze tot – Twitter wins.

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Hashtag
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Der Trick ist billig und verrät sofort, warum viele Menschen der Konzeptkunst nichts abgewinnen können.
@AllanWegan verpackt seine Beobachtungen über den für Außenstehende schwer nachvollziehbaren Wandel mancher Soziolekte (“Ey Alter, cool sagt man nich mehr!”) in eine für Außenstehende schwer nachzuvollziehende Schreibweise der Subkultur Twitter und versucht so am eigenen Beispiel aufzuzeigen, was er meint. Dadurch führt er natürlich seine Position als angeblich Außenstehender ad absurdum, ironisiert seine Verwunderung und lässt uns Rezipienten als die Dummen dastehen, die sich durch den von ihm komplett gehashtaggten Text kämpfen müssen.

Und doch funktioniert dieses Konzept. Durchgekämpft erkennen wir die banale Aussage des Tweets in unserem Leseakt und nicht im Tweet selbst. Wir mussten uns erst den subkulturellen Sprachwandel aneignen, uns über die Form des Tweets wundern, zu Innenstehern werden.
Wahrscheinlich kommen jetzt ausgefuchste Linguisten daher und verweisen darauf, dass der Sprachwandel innerhalb einer Subkultur ein vorrangig orales Phänomen sei, während die Totalisierung der Verschlagwortung eines Textes ein Phänomen der enzyklopädischen Ordnungswut aller Registrierfetischisten darstellt, aber: Die Herausforderung einer sich wandelnden Sprache, ganz gleich ob gesprochen oder geschrieben, ist und bleibt, sie zu verstehen. Und ein an sich banaler, grammatisch korrekter (das narzisstisch große “Ich” ist höchstens eine orthographische Unsauberkeit) Satz, der aber nicht mehr aus Worten, sondern aus Schlagworten in der spezifischen Form eines Kurznachrichtenportals im Internet besteht, hat sich formal wie inhaltlich weg vom bisherigen Verstehen gewandelt.

Ich kann beim Lesen und Kapieren des Tweets nicht einfach die Hashtags weglassen, denn dann wäre es nicht mehr derselbe Satz. Ich muss erst einmal das Wissen besitzen, dass bei Twitter ein Rautenzeichen, das bekanntlich gar keine Raute darstellt, vor dem Wort aus dem Wort ein Schlagwort macht, über dessen Eingabe in bestimmte Suchmaschinen ich alle (naja viele) Tweets finden kann, die dieses Schlagwort ebenfalls benutzen. Der Hashtag verwebt die Tweets untereinander, macht sie zum Netz im Internet und verweist so auf verwandte Tweets. AllanWegans Tweet hat sich eine Großfamilie erschaffen, die wir zwar nicht unbedingt kennenlernen müssen (aber wir können), nur bleibt es nicht aus, sie mitzudenken beim Versuch, diese konkrete Sprachäußerung zu dechiffrieren.
Hier gipfelt der Wille, einzelne Aussagen durch Schlagworte zu organisieren und in passenden Zusammenhängen wiederzufinden, in der Überorganisation. Das Potenzial des Hashtags ist es, eine Sprache nicht durch Exklusivität ihres Vokabulars zum Jargon einer bestimmten Gruppe zu verheimlichen, sondern durch Verschlagwortung den Text so weit zu öffnen, dass er nur denen annähernd zur Gänze erschließbar ist, die dem Umgang mit dem Rautenzeichen im Kontext des Twitterns gewachsen sind.
Gleichzeitig reißt der Hashtag den verschlagworteten Text heraus aus dem egomanen Monolog des “What are YOU doing?” und verknüpft ihn im vorliegenden Fall maximal möglich. Er ist die Linkschleuder unter den Sonderzeichen, der René Walter unter den Twitterfeatures, er zeigt uns, für was ein World Wide Web da ist: Zur Vernetzung!

das fabel(hafte) Wesen des Web

mattesmattes
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Mattes, mein lieber @MattesMattes,

ich möchte den Lesern von Twitkrit nicht vorenthalten, dass wir uns schon sehr lange kennen, uns sozusagen in der Wiege des Webs gegenseitig die Schnuller geklaut haben.

Und nun frage ich Dich: Ist dieser Tweet Dein Ernst? Ich erinnere mich zwar dunkel, dass im Vorstand der SinnerSchrader AG das Thema Bauerhof schon immer eine Rolle gespielt hat, aber Kühe umstoßen – na ja. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, und es ist eine Metapher für etwas ganz anderes.

Doch für was bloß? Ich kenne Dich als einen überlegten Innovator. Keiner, der die wild gewordene Web2.0 Herde durchs Dorf treibt, sondern eher der am Zaun lehnende Bauer, der die wildeste Kuh oder den blauen Spatzen bereits in seinem inneren Auge auf der Schlachtbank sieht. Schließlich hattest Du immer ein Blick für die Realitäten des Web.

Wer oder was steckt also hinter der Metapher der sich schlafenstellenden Kuh, die umzustoßen so blöde wäre? Ist es ein Mitbewerber? Oder ist es am Ende gar eine Warnung von Dir an all die web2.0igen Jungbullen, die sich Ihre Hörner erst abstoßen müssen – während Du so tust, als ob Du schläfst, aber sehr genau weißt, was passiert und Deine Weide voll im Griff hast?

Oder ist es am Ende doch nur eine ganz ordinäre Kuh, schwarz-weiss gefleckt, die Dir schlafenderweise an einem Sonntagnachmittag im Weg gestanden hat – und die Dich nach einem misslungenen Umstoßversuch wild schnaubend, mit Milch um sich spritzend, angegriffen hat?

Tja, am Ende ist das Web2.0 auch nur eine Weide wie jede andere und die Kühe wollen am Ende des Tages gemolken werden. Und der Spatz fliegt lustig twitternd über die Herde und lacht.

Das war jetzt eine Fabel.

Wir twittern uns, oder?

PS: der Link auf Dein Xing-Profil ist in Deinem Twitteraccount nicht korrekt.


Die Twitterse

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