Ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob heute in dieser virtuellen Welt überhaupt noch jemand was mit Entfremdung anzufangen weiß. Spürt Ihr noch diesen Widerspruch zwischen Natur und Kunst (auch im Sinne von künstlich)? Merkt Ihr noch, dass Ihr vom Affen abstammt und Euer iPod weder a priori zu Euch gehört, noch in der Lage ist, Euch direkt beim Suchen und Finden der Nahrung, vor allem aber nicht beim Verzehr behilflich zu sein?
Ist Euch nie aufgefallen, dass der Mensch ein Mängelwesen ist, zu dessen Natur es gehört, von der Natur entfremdet zu sein? Wir können keine Gazellen mit der bloßen Hand fangen.
Aber das ist Euch egal, Ihr seid gern naturfremd, oder? Wer braucht schon den Baum umarmen, wenn er die Hitze des Notebookakkus an den Schenkeln spürt?
Entfremdung ist normal, deshalb fällt sie nicht auf. Entfremdung liegt unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Auch, weil wir durch unsere Entfremdung unsere Produktivität entdeckt haben. Zivilisation entsteht durch Überwindung unserer natürlichen Mängel. Wer die Gazelle nicht mit der Hand erwischt, baut sich ein Jagdgewehr und einen Jeep und geht auf Safari. Dieses Bauen, dieses Herstellen, das Machen ist die Stärke des Entfremdeten.

Vielleicht liegt es an dieser Stärke, dass die einzig produktive Tätigkeit des naturnahen Menschen, dem Baby nämlich, in der Keimzelle der Gesellschaft, sprich der Familie, und bei dem Zausebart, der die Entfremdung freudig auf die Couch geholt hat, so viel Aufmerksamkeit bekommt und uns eben doch jeder Scheißdreck eine Menge angeht. Schau mal, was der kleine Mark-Michael da wieder in der Hose hat!
Gern wird das Ergebnis entfremdender, also die Natur begrenzender und somit zivilisatorischer Tätigkeiten mit dem Hochamt des Stuhlgangs verglichen:

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Allerdings wird die Entleerung des Enddarms durch ihre Überhöhung im Produktivitätswahn des vergesellschafteten Menschen selbst völlig entfremdet. Noch schlimmer wird es im Laufe der weiteren Entfremdung des jungen Menschen im Rahmen der Erziehung. So produktiv der Schiss ist, er bleibt Natur und die ist der Zivilisation fremd und muss abgedrängt werden. Und so müssen wir lernen, erst aufs Töpfchen und dann aufs Klo zu gehen. Wir entlassen unsere Natur ins Dunkel der Schüssel und spülen schnell, um möglichst schneller zu vergessen, dass wir doch nur Tiere sind.
Nur diese schnelle, diskrete und mit hohem technischen Aufwand betriebene Fäkalienentsorgung erlaubt es uns, über den zu lästern, der verschissen hat. Das Häufchen darf nicht überall sein, es muss über den Ablass am bestimmten Ort weg!
Das ist brutal und dem Tier in uns wesensfremd. Und so bleibt bei aller zivilisatorischen Maßregelung auch im Homo Virtualiensis der postindustriellen Welt (der sich sogar noch von der Entfremdung durch produktive Arbeit entfremdet hat) eine Sehnsucht nach der Natur. Und wo sucht er die? Da er nicht weiß, wo er sie im Urzustand finden soll, geht er dorthin, wo sie simuliert wird:

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P.S.: Der Autor trank beim Abfassen des Textes einen Kakao und lag auf einem braunen Sofa.

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen: