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Unser heutiger Gastautor ist @textundblog. Scharfsinnig und kompetent leitet der studierte Germanist heute die eintägige Qualitätsoffensive auf Twitkrit ein. Normalerweise schreibt er tagsüber in seinem Weblog textundblog.de. Für uns hat ausnahmsweise eine Nachtschicht eingelegt, wofür wir herzlich danken.
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Die Literaturwissenschaft untersucht bei zu analysierenden Texten grundsätzlich auch den Umgang mit der Zeit. Germanisten unterscheiden dabei etwa zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit oder auch zwischen Rückwendungen und Vorausdeutungen. Wer das Fach studiert hat, wird längst den Klassiker erkannt haben, der jedem Germanistikstudierenden bereits im Grundstudium ans Herz gelegt wird: Eberhart Lämmert „Bauformen des Erzählens“. Doch hier auf Twitkrit soll es nicht um schnöde Literaturwissenschaft gehen, sondern um die Besprechung eines Tweets. Dass die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und die Vorstellung eines auf Twitter publizierten Textes auch ein großer Spaß sein kann, dürfen nun – so hoffe ich – alle erleben, die bis hierhin durchgehalten haben.

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@YFNL erzählt in 111 Zeichen (samt korrekter Zeichensetzung und unter beinahe schamloser Auslassung von ihr theoretisch noch zur Verfügung stehenden weiteren 29 Zeichen) eine komplette Kurzgeschichte, in der wir die wesentlichen Elemente Lämmert’scher Bauformenuntersuchung wiederfinden.
Die Rückwendung: Es wurde geduscht. Wir dürfen vermuten, dass es die Erzählerin war, die in der Ich-Form das Erlebte berichtet. Doch auch die Gegenwart wird geschildert: das Bad steht unter Wasser. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Ein sanitärer Schaden? Eine undichte Duschwanne? Übermäßiges Spritzwasser? Dies bleibt zunächst dahin gestellt. Doch kaum lesen wir weiter, kommt die Auflösung durch eine Vorausdeutung: die Erzählerin ist sich gewiss, dass nur ein Klempner dieses Problem lösen kann (also ist ein von ihr selbst verschuldetes übermäßiges Verteilen des Wassers im Badezimmer auszuschließen). Frau Lorelei, in Personalunion Akteurin und Erzählende, gibt der geneigten Leserschaft diese Information aber nicht durch bloße Faktenschilderung, sondern durch einen pointierten Witz: Sie sagt, sie könne in die Zukunft sehen und sähe einen Mann in Latzhose.
Das macht den Reiz dieses Tweets aus: Eine Alltagssituation, ein kleines Dilemma, wie es jedem von uns passieren könnte, wird geschildert und die in der Zukunft liegende Auflösung wird durch eine lustige Idee formuliert. Das Unabdingbare (ein Klempner muss her!) wird durch den Gag (seherische Fähigkeiten, Mann in Latzhose) angedeutet.
Dass sich unsere Erzählerin Frau Lorelei so gewiss ist, dass ein Klempner kommen muss, macht ihre Vision zu einer ‘zukunftsgewissen Vorausdeutung’. Lämmert unterscheidet in „Bauformen des Erzählens“ zwischen einer ‘zukunftsungewissen Vorausdeutung’ (der Erzähler weiß nicht mehr als die Figuren) und einer ‘zukunftsgewissen Vorausdeutung’, die einen Erzähler verlangt, der zumindest mehr weiß als die Figuren. Dieser kann somit sichere Angaben über das zukünftige Geschehen machen. Außerdem handelt es sich hier – und damit hat es sich dann auch ausgelämmert – um eine ‘abschließende Vorausdeutung’ die meist in eine Zukunft weist, die nicht mehr erzählt wird. Es wird uns – zumindest in diesem Tweet – nicht mehr berichtet, ob der „Mann in Latzhose“ auch kommen wird.
Als Schmankerl sei noch auf eine Replik auf @YFNLs Tweet hingewiesen (denn: ein Tweet ohne Antwort ist wie ein auf dem Schulhof erzählter Witz, über den niemand lacht). Also zum Abschluss nun ein Reply, das der Komik der Vorlage meines Erachtens in Nichts nachsteht. Nach so viel Analyse und Interpretation soll das Reply @Jeky aber schlicht für sich selbst sprechen:

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