Twitkrit

Wir lieben es nicht

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Dieser Tweet ist soetwas wie das kleine Steak unter den 140-Zeichen-Nachrichten. Er ist weder quadratisch, praktisch, gut noch schwimmt er in Milch. Er macht keine Kinder froh, weiß nicht, was Frauen wünschen, und ist auch nicht die feine englische Art. Auch liefert dieser Tweet keine Fakten, Fakten, Fakten.

Dieses Blog wäre nicht dieses Blog, wenn wir diesen Tweet von @dasistdasende nicht einem 48-Stunden-Härtetest bei Kälte, Nässe, Hitze, Trockenheit, hohem Luftdruck unterzogen und unter Einfluss von Alkohol und Drogen auf Herz, Nieren und Leber überprüft hätten:

Das Ergebnis der Stifung Tweettest zeigt ganz deutlich, dass dieser Tweet mit als auch ohne Stern über keinerlei optische Qualitäten verfügt. Dies liegt nicht nur an seiner unvorteilhaften giftgrünen Umrandung, sondern vor allem am Inhalt, dem wir keinesfalls auf den Leim gehen sollten. Vertrauen ist bekanntlich der Anfang von allem und daher verdient dieser Beitrag das Prädikat “Twittererverdummung”. Wir lieben es nicht.

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Ficken im Feuilleton

Was dem Boulevard die Titten sind, ist dem Feuilleton das Besprechen von als Kunst verbrämter Pornographie. Pimpern passt permanent, Vögeln vinden vir voll vöhn, sei es als Aufhänger für konservative Moralergüsse.
Das Thema Tackern trägt die Leser zum Text. Deshalb heute was übers Bumsen:

Ficken wird so was von überbewertet. Wer auch immer die Idee hatte, dass das zu mehr als nur Fortpflanzung dienen soll, glaubt wohl auch, dass es in Swingerclubs aussieht, wie bei olle Hefner in der Villa. Dieser soziale Druck, beim Nackich-ineinander-Rumfuhrwerken Spaß zu haben, wird uns noch alle fertig machen. Leider sind wir keine Elefanten, bei denen meldet sich der Trieb wirklich nur zur Paarungszeit. Wir haben andere Bedürfnisse und zwingen uns dafür regelmäßig auf die Pirsch nach Frischfleisch. Dabei machen wir uns lächerlich, ziehen uns aus, performen wie der verhinderte Goldjunge Florian am Reck und bekommen am Ende nicht mal Bronze. Im Gegenteil, auf StudiVZ erfährt jeder, dass wir zu früh gekommen sind oder es aus anderen Gründen nicht bringen. Bettgeschichten sind Selbstmord auf Raten.
Zum Glück wurde das Internet erfunden. Hier können wir endlich den lästigten Trieb abschütteln, ohne echte Menschen dazuzuholen. Hier interessiert es niemanden, ob wir wirklich total rasiert sind oder ob das Silikon ist, was da aus dem BH quillt. Dank einschlägigen Bildergalerien und ebensolchen Filmportalen sowie den gängigen Foren ist jederzeit eine Wichsvorlage gegeben. Wenn es sein muss, jedesmal eine neue.
Aber noch schöner: Die Triebabfuhr wird zur Nebensache, wir können uns auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren:

cybersex
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Dank Internet entsteht so viel mehr schönes Gezwitscher, die Menschen haben Zeit für die Kunstproduktion und Twitkrit Material, das nicht schlüpfrig ist. Toll! Irgendwann wird Sex eine solche Nebensache sein, dass es entbehrlich wird. Dann hat die Kunst gewonnen.

Bis dahin aber gilt: Die Leser da abholen, wo sie zu finden sind. Auch wenn es am Ende um Restaurantkritik gehen sollte:

jerikosex
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Bukowskische Sommerlochphantasien

Das Sommerloch. Wir haben alle schon davon gehört. Manche von uns waren sogar schon mal darin und berichten Entsetzliches. Was genau ist das Sommerloch eigentlich? Wo ist es, wie sieht es innen drin aus, wie tief ist es wirklich und warum sind einige von uns drin und andere nicht?

Grund genug, dass sich auch @scienceblogs mit dem Sommerlochphänomen auseinandersetzt.
Sommerloch Scieneblog
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Sex aus Verzweifelung? twitkrit ist dieser Behauptung nachgegangen und hat in den Tiefen der Twitterdatenbank folgenden Dialog* entdeckt, der diese These durchaus stützen könnte:

Sommerloch 1
Sommerloch 2
Sommerloch 3

Anmerkung 1:
*dieser Dialog ist rein fiktiv und bedarf äußerster phantasievoller Anstrengungen um Dinge darin zu lesen oder gar zu interpretieren, die gar nicht drin stehen und ist wahrscheinlich durch datenbankstrukturelle Inkontinenzen des Failwhale entstanden.

Anmerkung 2:
Nein, Twitkrit ist nicht in einem Sommerloch.

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Batman 1.0

Ich war auch gerade im Kino. Und der diesmalige Batman hat ja mal einen ganzen Arsch voller Probleme. Musikindustriesque verprügelt er als erstes mal seine Fans, die als Copycats durch die Gegend flattern, denn die gehen ihm gehörig auf die Nerven. (Immerhin verschickt er keine Abmahnung) Und dann stolpert er während des ganzen Films über alle möglichen moralische Fallstricke. Es ist nicht leicht, der Gute(TM) zu sein.

Da gibt es zum Beispiel diese Szene, in der Batman eine riesige Überwachungsanlage installiert, um ganz Gotham City nach dem Joker abzusuchen. Der Clu: Per zu Ultraschallsensoren umfunktionierten Mobiltelefonen überwacht er jede Bewegung in allen Räumlichenkeiten. Und tatsächlich findet er so den Joker. Aber um welchen Preis? Allgegenwärtige Totalüberwachung!

Und ich als Twitteruser? Ich sitze da, und denk mir die ganze Zeit: das muss doch nicht sein! Und heute bestätigt @svensonsan meinen Verdacht:

svensonsan
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Batman hätte sich einfach einen Twitteraccount zulegen sollen. Er hätte sofort unglaubliche viele Follower um sich geschart, ganz besonders seine Copycat-Fans. Die hätten ihm jederzeit bereitwillig mitgeteilt, sobald ihnen jokerähnliche Schmatzgeräusche über die Schulter zischen würden. Diese allgegenwärtigen und dazu intelligenten Sonarsensoren unter Zuhilfenahme der Community, hätten ihm mindestens einen ebenso guten Dienst erwiesen.

Die beiden Konflikte also: Die Copycat-Fans sowie die moralische Anrüchigkeit von Totalüberwachung, hätten sich zu einer dialektischen Synthese in Twitter auflösen lassen. Crowdsourcing VS. Überwachung, Communitybuilding vs. Copycatverkloppung.

Aber da müssen wir wohl noch länger auf einen wirklich modernen Batman warten.

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Episodentweets

Überall auf der Welt geschehen scheinbar unabhängig voneinander Dinge. Allerdings nur scheinbar, denn während die Protagonisten der Tweets nichts voneinander ahnen, fügen sich ihre einzelnen Tweets zu einem Ganzen zusammen.

Während @writingwoman ihrem ungeliebten Job nachgeht,

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warten in anderen Teilen der Republik @schaezle

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und @daniel_r_

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voller Sehnsucht auf einen Anruf. Obgleich sie sich nicht trauen, selbst zum Hörer zu greifen und einander anzurufen, schellt es erneut bei @abotis:

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Diesem wird es aber bald zuviel, er wendet sich an die Presse:

[Link] (@bild_aktuelles entgegen der Gepflogenheiten aus
politischen Gründen nicht gefollowed, Anm. d. Red)

@plantasia hingegen sieht die eingehenden Telefonate weniger kritisch. Ganz im Gegenteil,

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sie freut sich sogar. Indes ist @writingwoman längst in ihre wohlverdientes Wochenende gestartet, aber selbst in der Disco wird sie noch von ihrer Arbeit verfolgt …

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Zum Glück wird die Musik irgendwann besser und @writingwoman tanzt die ganze Nacht bis in in den nächsten Morgen hinein. Glücklich darüber, dass sie endlich mal keine Anrufe tätigen muss, vergisst sie allerdings sogleich ihre nächste Schicht.

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Und so kommt es, dass sich auch auf Twitter die einzelnen Tweets zu einer geschlossenen Geschichte zusammenfügen. Während sich das Genre des Episodenfilms mit Streifen wie Magnolia im Kino längst durchgesetzt hat, feilen Regisseure auf Twitter noch etwas an ihren Drehbüchern. Episodentweets stecken noch in den Kinderschuhen, sind aber ganz sicher eine Spezies mit Potential.

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Bauformen des Erzählens

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Unser heutiger Gastautor ist @textundblog. Scharfsinnig und kompetent leitet der studierte Germanist heute die eintägige Qualitätsoffensive auf Twitkrit ein. Normalerweise schreibt er tagsüber in seinem Weblog textundblog.de. Für uns hat ausnahmsweise eine Nachtschicht eingelegt, wofür wir herzlich danken.
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Die Literaturwissenschaft untersucht bei zu analysierenden Texten grundsätzlich auch den Umgang mit der Zeit. Germanisten unterscheiden dabei etwa zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit oder auch zwischen Rückwendungen und Vorausdeutungen. Wer das Fach studiert hat, wird längst den Klassiker erkannt haben, der jedem Germanistikstudierenden bereits im Grundstudium ans Herz gelegt wird: Eberhart Lämmert „Bauformen des Erzählens“. Doch hier auf Twitkrit soll es nicht um schnöde Literaturwissenschaft gehen, sondern um die Besprechung eines Tweets. Dass die Verbindung von wissenschaftlicher Analyse und die Vorstellung eines auf Twitter publizierten Textes auch ein großer Spaß sein kann, dürfen nun – so hoffe ich – alle erleben, die bis hierhin durchgehalten haben.

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@YFNL erzählt in 111 Zeichen (samt korrekter Zeichensetzung und unter beinahe schamloser Auslassung von ihr theoretisch noch zur Verfügung stehenden weiteren 29 Zeichen) eine komplette Kurzgeschichte, in der wir die wesentlichen Elemente Lämmert’scher Bauformenuntersuchung wiederfinden.

Die Rückwendung: Es wurde geduscht. Wir dürfen vermuten, dass es die Erzählerin war, die in der Ich-Form das Erlebte berichtet. Doch auch die Gegenwart wird geschildert: das Bad steht unter Wasser. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Ein sanitärer Schaden? Eine undichte Duschwanne? Übermäßiges Spritzwasser? Dies bleibt zunächst dahin gestellt. Doch kaum lesen wir weiter, kommt die Auflösung durch eine Vorausdeutung: die Erzählerin ist sich gewiss, dass nur ein Klempner dieses Problem lösen kann (also ist ein von ihr selbst verschuldetes übermäßiges Verteilen des Wassers im Badezimmer auszuschließen). Frau Lorelei, in Personalunion Akteurin und Erzählende, gibt der geneigten Leserschaft diese Information aber nicht durch bloße Faktenschilderung, sondern durch einen pointierten Witz: Sie sagt, sie könne in die Zukunft sehen und sähe einen Mann in Latzhose.

Das macht den Reiz dieses Tweets aus: Eine Alltagssituation, ein kleines Dilemma, wie es jedem von uns passieren könnte, wird geschildert und die in der Zukunft liegende Auflösung wird durch eine lustige Idee formuliert. Das Unabdingbare (ein Klempner muss her!) wird durch den Gag (seherische Fähigkeiten, Mann in Latzhose) angedeutet.

Dass sich unsere Erzählerin Frau Lorelei so gewiss ist, dass ein Klempner kommen muss, macht ihre Vision zu einer ‘zukunftsgewissen Vorausdeutung’. Lämmert unterscheidet in „Bauformen des Erzählens“ zwischen einer ‘zukunftsungewissen Vorausdeutung’ (der Erzähler weiß nicht mehr als die Figuren) und einer ‘zukunftsgewissen Vorausdeutung’, die einen Erzähler verlangt, der zumindest mehr weiß als die Figuren. Dieser kann somit sichere Angaben über das zukünftige Geschehen machen. Außerdem handelt es sich hier – und damit hat es sich dann auch ausgelämmert – um eine ‘abschließende Vorausdeutung’ die meist in eine Zukunft weist, die nicht mehr erzählt wird. Es wird uns – zumindest in diesem Tweet – nicht mehr berichtet, ob der „Mann in Latzhose“ auch kommen wird.

Als Schmankerl sei noch auf eine Replik auf @YFNLs Tweet hingewiesen (denn: ein Tweet ohne Antwort ist wie ein auf dem Schulhof erzählter Witz, über den niemand lacht). Also zum Abschluss nun ein Reply, das der Komik der Vorlage meines Erachtens in Nichts nachsteht. Nach so viel Analyse und Interpretation soll das Reply @Jeky aber schlicht für sich selbst sprechen:

[Link] (nur für direkte Kontakte sichtbar)

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