Twitkrit

Duchamps Erben

Denquer Shit
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Irgendwann in der Nacht vom 09. Juli auf den 10. Juli ging es los. Schwarze Bauklötze stürmten die Tweets. Die meisten deutschen Twitterer waren im verdienten Offlineschlaf. Doch die Wachen unter uns entdeckten ihren Spieldrang und so wurde Twitter weltweit innerhalb von Minuten zu einem schwarzen Balkenmeer. Es wurde experimentiert, was man alles anstellen kann, mit diesen schwarzen Bausteinen, jenseits der Zensurmöglichkeiten.

Auf summize.com können zumindest die aktuellen Resttweets zu dem Phänomen begutachtet werden. (Man beachte dabei auch @saschalobo ‘s äußerst kreative Wortschöpfung)

Der Bauklotzkunsttweet von @denquer schaffte es am 10.07 auf das internationale FAVRD Leaderboard.

Ich finde es zwar schade, dass @denquer nicht ein Wort wie: Love, Freedom, Peace oder Failwhale ausgesucht hat, aber gut, schließlich ist Duchamps Klo auch berühmt.

Es ist klasse, zu sehen, was man alles anstellen kann in einem digitalen 140 Zeichen Raum. Ist dies der Anfang einer neuen Minimal Art? Wie wird sie heißen? Twitter Art? Micro Art?

Wir werden sehen. Spannende Zeiten für 140 Zeichen.

PS: Es sind extended ASCII Zeichen – wen es interessiert.

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fu weam bisch Du

Mein lieber @Holadiho, ich habe mich schon immer gefragt, wieso Du diesen Namen gewählt hast. Ist es der erstaunte Ausruf eines Allgäuer Jungen, der mit ehrfürchtig aufgerissenen Augen die Großstadt erblickt?

Holadiho Bub

Nun gut, ich hab mal nachgesehen, was “Holadiho” alles bedeuten kann, und habe Interessantes herausgefunden. Den wahrscheinlichsten Ursprung stellt wohl dieses Lied dar, welches sowohl die positive Einfachheit eines Allgäuer Burschen spiegelt als auch die geheime Firmenhymne von nugg.ad sein könnte.

Möglicherweise geht meine Interpretation aber in eine völlig falsche Richtung und die Wahrheit liegt in den, sicherlich angegeben, Nebeneinkünften durch Wandaufkleber. Ja, man wünscht sich ein “s” in den Namen des Designers, und schon wäre der Web 2.0 Skandal perfekt. @Holadio und @Kosmar verkaufen Allgäuer Wandtapeten.

Wie auch immer. Begreifen wir also Holadiho als einen Bub, dessen Wege aus den Bergen über Köln und Bielefeld schließlich nach Berlin führten.
Holadiho wohin

Holadiho Card

Trotz dieser vielen Stationen hat er noch immer das Herz eines “midlife Geisenpeters”, dessen sympatisch emotionalen und naiv ehrlichen Blick auf die Grossstadt man gerne folgt. Holadiho möchte den warmen Asphalt unter seinen Füssen spüren, wie einst die Kuhpisse.

Holadiho Fuss

Und wenn die Welt jährlich am 11. September um Anschlagsopfer und amerikanische Politik trauert, erinnert sich Holadiho wehmütig an den Viehscheid in seinem Heimatdorf und schmückt das derzeitige Rindvieh seiner Wahl um es durch Berlin zu treiben.

Holadiho Zone30

Holadiho Jogginghose

Aber man darf sich nicht täuschen lassen von diversen naiven Tweets, die einen glauben lassen, man habe es möglicherweise mit jemanden zu tun, der Abend für Abend gewissenhaft seine Spams durchliest

Holadiho Fat

oder selbst bei den kleinsten Fragen des Lebensmittelverzehrs Unsicherheiten zeigt.

Holadiho Bär

Holadiho ist ein knallharter Businessmann, der konsequent vorbereitet in Verhandlungen geht,

Holadiho Verhandlungen

sich kein X für ein U vormachen lässt, und uns diese Erkenntnis bezüglich des Xbergs auch mitteilt:

Holadiho Ende

Nein, lieber @Holadiho, das ist nicht das Ende. Das Ende ist erst in Sicht, wenn dieses eintritt:

Holadiho Enthüllung

Abgesehen davon nutzt Holadiho Twitter so vielfältig wie kaum jemand anderes. Er findet dort Mitarbeiter für sein Unternehmen, erteilt Urlaub und gibt Ratschläge zu allgemeinen Lebensfragen der selbigen, findet Wohnungen und korrespondiert liebevoll mit dem Mitbewerber.

All das macht ihn so lesens- und liebenswert.

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Irrungen im post Postzeitalter

Für ein derart hoch anspruchsvolles Blog wie TwitKrit ist es natürlich ganz normal, dem Leser vorraussetzungsreiche Artikel vor den Latz zu knallen. Bei diesem hier hatte ich allerdings meine Bedenken. Denn für das Verstehen dieser Besprechung ist so viel historisches Spezialwissen unabdingbar, dass es nicht mal bei unserer Leserschaft vorausgesetzt werden kann. Deswegen eine kurze Einführung in das Thema:

Lange bevor Direct Messages, ja, bevor überhaupt Twitter erfunden war, bekritzelte man dünne weiße Flächen, faltete sie und ließ sie von mehr oder minder bezahlten Menschen zu ihren Empfängern bringen. Diese so genannten “Briefe” (oder ihre kleine Variante, die “Postkarte”) dauerten meist mehr als einen Tag bis zu ihrer Zustellung und waren meist nicht mal “push”. Der Witz war, dass die Leute für diesen grottenschlechten Service sogar Geld bezahlten. Pro Zustellung. Noch heute gibt es eine kleine aber auf der ganzen Welt verteilte Sekte, die sich über dieses Medium Informationen hin und her schickt.

Da diese Sekte aber immer kleiner wird, verkauft auch kein Mensch mehr die so genannten “Briefmarken”. Über deren Erwerb konnte man die Zustellung einerseits bezahlen und andererseits ihre Abgeltung durch das Aufkleben auf den abzusendenden Brief beweisen. Heute fühlen sich dagegen vor allem gelbe Automaten, die allenthalben in der Gegend rumstehen, genötigt, diese Briefmarken zu verkaufen. Der durchschnittliche Automat, wiederum, sieht es aber nicht ein, passendes Kleingeld zurückzugeben, wenn man zum Beispiel eine 48 Centmarke mit einem 50 Centstück bezahlt, sondern er gibt es eben in form von 2 Cent-Briefmarken zurück.

So viel zum Backround des folgenden Tweets:
lisaRank
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Aber was will uns @kumullus jetzt damit sagen? Will sie uns auf die Sorgen und Nöte der oben angesprochenen Sekte aufmerksam machen, deren Mitglied sie zu sein scheint? Oder die Absurdität ihres eigenen Glaubensbekenntnisses darlegen? Oder geht das gar tiefer? Dass nämlich nicht immer das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sein muss. Dass die Teile: Karte, Schrift, Briefmarken in ihrer Summe das Ganze, die Postkarte, weit weit übersteigen können? Ja, sogar derart übersteigen, dass das so genannte “Ganze” ad absurdum geführt wird?

Man könnte an dieser Stelle sicherlich tiefer in die Materie einsteigen. Da wir als die Kritiker von morgen aber den Anachronismen von gestern gegenüber recht intolerant eingestellt sind, belassen wir es bei einem Hinweis an die Autorin:

Versuch es doch mal mit Fax.

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Pudel ohne Kern

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“Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile”, das wusste schon Aristoteles (382-322 v. Chr.), und auch heute noch sagt es sich ganz einfach dahin, als handle es sich um eine Selbstverständlichkeit. Demnach müsste auch ein Satz (= das Ganze) mehr sein als die Summe seiner Worte (= die Teile). Dass diese Schlussfolgerung nicht zutreffend sein muss, zeigt uns @marcel_w eindrucksvoll mit seinem obigen Tweet.

Was der Verfasser mit den aneinandergereihten Worten “Mein Kopfhaar outsourct” gemeint haben könnte, erschließt sich dem Reziepienten auch nach mehrmaliger Lektüre nicht vollständig. Ein jeder, der ein gut gezapftes kühles Bier vor sich stehen oder 3 Mark fünfzig auf der Bank hat,  weiß um die Bedeutung des  Possessivpronomens “mein”. Jeder, der morgens stundenlang vor dem Badezimmerspiegel steht und sich kämmt, weiß um die Bedeutung des Wortes “Kopfhaar”, und jeder, der schon einmal in einer lausigen Kantine zu Mittag gegessen hat, weiß, was “Outsourcing” bedeutet: Suppen kochen und Würste braten gehören nicht zu den Kernkompetenzen eines Verlagshauses oder Flugzeugbauers. Folglich lassen Verlagshäuser und Flugzeugbauer ihre Suppen und Bratwürste nunmehr von hierauf spezialisierten Fremdfirmen, die anstatt sozialversicherungspflichtig Beschäftigter aus Gründen der Kostenersparnis bevorzugt minijobbendes Suppenkoch- und Bratwurstbratpersonal einstellen, zubereiten. Dabei nehmen Verlagshäuser und Flugzeugbauer billigend in Kauf, dass alles schlechter schmeckt als zuvor und sich ihre Angestellten regelmäßig den Magen verderben – das alles zum Wohle der Aktionäre. Outsourcing ist also das Verlagern von unternehmensinternen Tätgkeiten an eine Fremdfirma zum Zwecke der Kosteneinsparung.

Um diesem Tweet auf den Grund zu gehen, müssen wir zunächst untersuchen, was eigentlich die Kernkompetenz des Kopfhaares ist. Im besten Falle schmückt das Kopfhaar seinen Träger und je nach Dichte spendet es ihm auch etwas Wärme. Was nun könnten aber die auszulagernden betriebsfernen Tätigkeiten des Kopfhaares sein? Die Produktion von Fett? Die Zucht von Läusen? Der Transport von Schuppen? Und abschließend stellt sich bei dieser Betrachtung die Frage, wer diese ungeliebten Verrichtungen billiger ausführen sollte als das eigene Haupthaar? Vielleicht der Bart, das Brusthaar oder gar das Schamhaar?

Man weiß es nicht und auch @marcel_w hilft uns nicht dabei, dieses betriebswirtschaftliche Rätsel zu lösen. Was und warum das Kopfhaar outsourct, erfährt der Leser leider nicht. Um bereits an dieser Stelle unseren treuen Leserbriefschreibern, die uns stets bei der Entschlüsselung geheimnisvoller Kurznachrichten unterstützend zur Seite stehen, vorzugreifen, sei angemerkt: Selbstredend haben auch wir in Erwägung gezogen, dass es im Bereich des Möglichen läge, dass @marcel_ws Kopf selbst beginnt, das eigene Haupthaar auszulagern. Aber in diesem Falle hätte uns der Autor diesen Sachverhalt mit Sicherheit in aller Deutlichkeit zu vermitteln vermocht.

Bedauernswert ist, dass es dem Autor nicht gelungen ist, in seinem Tweet eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen: An Platz kann es nicht gelegen haben, denn statt der maximal zur Verfügung stehenden 140 Zeichen werden hier lediglich 24 in Anspruch genommen. Der Bogen wird – auch noch unter Zuhilfenahme eines überflüssigen Anglizismus – nur halbt gespannt und verendet elendig im Nichts. Einmal mehr bleibt der Leser im Dunkeln tappend und ratlos zurück: Dieser Tweet ist wie ein Pudel ohne Kern. Hinsichtlich des Aufbaus von Spannungsbögen und dem Erzählen in sich schlüssiger Geschichten hat unser Autor noch Steigerungspotential. Wir geben ihm also eine zweite Chance und werden sein Schaffen weiterhin kritisch verfolgen.

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Ich ist Ich isst Ich ist Ich?

Ich (haha) hatte das postmoderne Individuum ja bisher als ein krisenhaftes verstanden. Da es sich nicht mehr durch Gottes weisen Ratschluss festlegen lässt, durch kein Kollektiv der Zunft, Kaste oder Klasse bestimmt ist und auch der (ebenfalls schon kriselnde) innere Zusammenhang eines Daseins zum Tode im Kampf gegen das Man und für die Jemeinigkeit obsolet wurde, dachte meine Wenigkeit sich das Ich als zwar ziemlich frei, aber eben auch sehr fragil.
Durch die Summierung irgendwelcher Bestandteile erst wird das Ich, was dann mehr als die Summe seiner Teile, nämlich das Wesen, ausmacht. Ich bin eben nicht ich, sondern mal Twitkriter, mal Twitterer, mal offline und so weiter. Manchmal bin ich nicht mal Björn Grau. Und das alles zusammen bin Ich (und noch viel mehr, wenn ich König von Deutschland wär). Das Ich als Baukasten.
Da aber beim Zusammenfügen des Kasteninhalts ganz schnell ein Teil fehlen kann (meine jahrelange Erfahrung mit Ikea und Lego, den skandinavischen Teilchensystemen für den postmodernen Menschen, lehrte mich dies anschaulich und mitunter schmerzhaft), kann auch ganz schnell das Ich futsch sein.
Dementsprechend war ich mit der positivistischen Selbstbehauptung im gestern besprochenen Tweet nicht einverstanden. Erst recht stutzig machte mich Pickis Verortung dieser zugegeben sehr geistreichen Variation auf Descartes in der Postmoderne. Aber mein Aber entsprang meinem Halbwissen. Ein Teil meines Ichs ist nämlich etwas dumm.
Immerhin weiß ich, dass gegen so etwas Lesen hilft. Geholfen hat mir Jürgen Meiers Rezension des Buches “Psychoanalyse des postmodernen Menschen” von Rainer Funk im “Freitag” vom 28.10.2005. Da finde ich eine Definition des postmodernen Ichs, die mir den gestern besprochen Tweet verständlich macht und mir gleichzeitig recht gibt. Das postmoderne Ich bleibt ein aus äußerlichen Einzelteilen konstruiertes, viel mehr noch, es ist lediglich ein behauptetes und wehe irgendwas geht mal verschütt.

Die heutigen postmodernen Ich-Orientierten [...] sind Macher (aktiv) oder Nutzer (passiv) eines “gemachten” Vermögens, das sie entweder ganz aktiv mitentwickeln und betreiben oder passiv nutzen. Das “gemachte” Vermögen kann das Handy, das Internet, der Kommunikationskurs, der Kunde, die Rhetorikschulung, der Platz in der Firmenhierarchie sein, also alles das, was von anderen gemacht und zelebriert wurde. Es ist, anders als das “menschliche” Vermögen, dem Menschen immer äußerlich.
[...] Durch sein Lebensmotto: “Ich orientiere mich nur an mir, und keiner hat mir zu sagen, wer ich bin. Ich bin, der ich bin. Ich selbst kann und will auch nicht definieren, wer ich bin”, entfremdet sich der Ich-Orientierte von echter Bezogenheit zum anderen Menschen. [...]
Der postmoderne Mensch mimt nach Funk den Souveränen. [...] Anders als der autoritäre Charaktertyp der Kriegsgeneration braucht der postmoderne Ich-Orientierte keine Autorität, [...], er hat schließlich sich und seine selbstinszenierte Wirklichkeit, die allerdings in dem Moment in Scherben fällt, da das “gemachte” Vermögen sich seinem Zugriff entzieht.
[...] Wer nur durch [ebenjenes] sein Ich zu inszenieren wusste, falle in tiefe Depression, wenn diese Objekte durch Stromausfall, Krankheit, Geldmangel oder Insolvenz sich von ihm entfernen.

Da kann der postmoderne Mensch sehr froh sein, wenn die Ich-Neukonstruktion so einfach geht, wie es sich MiaNiemand erhofft und das zur momentanen Ich-Vollständigkeit nötige gemachte Vermögen ganz einfach Naturalien sein dürfen:

Ichunvollstaendig
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servire individuum

willsagen
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Aufbauend auf Descartes “Cogito ergo sum” (lat.) – “Ich denke, also bin ich”, reicht @willsagen diese erkenntnistheoretische Facette des Rationalismus nicht mehr aus. Wir wissen, dass es uns gibt – die reine Existenzfrage stellt sich nicht mehr (außer vielleicht morgens um 6 nach einer durchzechten Nacht).

Vielmehr wissen wir heute um unsere Individualität und wollen sie im täglichen Leben respektiert sehen. Doch nicht nur das. Wir verlangen von anderen Menschen die Auseinandersetzung mit uns als Individuum. @willsagen formuliert zu Recht:

“Hey, ich bin jemand Besonderes, nämlich ICH mit all meinen speziellen Eigenschaften und Eigenheiten – also streng’ gefälligst Deine Birne an, wenn Du mit mir in Kontakt trittst.”

Durch die Neuformulierung Descartes verortet er damit diesen Tweet in der Postmoderne – der kulturellen und ökonomischen Auseinandersetzung mit Individualität. In der digitalen Realität von heute bedeutet dies nichts anderes als: “Personalisiere mich – aber bitte mit Verstand”.

Der postmoderne Aufruf an die Marketingagenturen des Landes lautet folglich:

“servire individuum! – bediene das Individuum!”

verbunden mit Aufforderung “Sapere aude! – Wage es, deinen Verstand zu gebrauchen!”

Also, fangt an zu denken! Geht das Risiko ein! Das Individuum ist angerichtet!

Aufruf:
Leider wurde der Verfasserin dieser Twitkrit nie der Genuss eines Lateinunterrichtes zuteil – daher wird darum gebeten, den Ausdruck “servire individuum! – bediene das Individuum!” fachgerecht ins Lateinische zu übersetzen. Vielen Dank!

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