Klisch
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Es war schwierig für mich, nach dem Twitterlesungswochenende einen geeigneten Tweet zu finden, um ihn heute zu besprechen. Den obigen Tweet von @klischnet fand ich am geeignesten.

Ich kann diese Frage nur sehr subjektiv und in keinster Weise wikipedisk beantworten; muss sogar eben diese zunächst um eine Definition bemühen:

Selbstreferenzielle Systeme sind „operational geschlossen“; in ihren Prozessen beziehen sie sich nur auf sich selbst und greifen nicht in ihre Umwelt hinaus. Beispiel: Blogger schreiben über die Blogosphäre

Nach dieser Definition, wären MetaTweets, als Tweets über Twitter selbst, ein wesentlicher Aspekt eines selbstreferenzierenden Twitter-Systems. Die gibt es natürlich haufenweise, aber nicht ausschließlich.

Ein weiterer Aspekt sind die Prozesse, die sich nur auf sich selbst beziehen sowie die operationale Geschlossenheit. Hier gibt es meiner Meinung nach einen wesentlichen Unterschied zu Blogs. Pings und Trackbacks, als Instrumente gewollter Zirkelbildung, gibt es bei Twitter nicht. Es bleibt einzig die Möglichkeit des Replies – meines Erachtens nach zu schwach, um im System einen Selbstbezug zu dokumentieren. Sie verschwinden innerhalb von Minuten in der Timeline und erzeugen für den nicht-gefollowten Antwortenden im Zweifel einzig dann Aufmerksamkeit, wenn der Empfänger gnädigerweise seine erhaltenen Antworten durchsieht. Zu oft passiert es, dass Antworten auf Tweets, sei es aus Artenschutzgründen oder Unkenntnis über die Existenz der Reply-Nachseh-Funktion nicht bemerkt werden.

In diesem Sinne wäre Twitter vielleicht doch eher eine Art Megaphon-Dienst, bei denen jene, die auf dem grössten Follower-Haufen stehen unweigerlich den Eindruck der lautesten Tröte machen. Und zwar bei denen, die das System interpretieren. Das können Twitterer oder auch nur Leser sein, sofern die Tweets öffentlich sind.

Hans Rudolf Straub sagt dazu: Wenn wir als Menschen unsere Intelligenz dafür einsetzen, unsere Umgebung zu verstehen, so müssen wir uns natürlich selbst, und insbesondere die Intelligenz, d.h. unsere Art, die Umgebung zu interpretieren, ebenfalls in das Bild aufnehmen. Das ist der Zirkel der Selbstreferenzialität, der sich nicht umgehen lässt, wenn wir verstehen wollen, was uns umgibt. Wir sind Teil des Bildes, das wir ansehen.

Folgt man diesem Bildvergleich, war die Twitterlesung sicher der selbstreferenziellste Event des Twitterkosmarsmos. Twitterer sitzen in einem Raum, um Tweets vorgelesen zu bekommen, die sie selbst verfasst haben.

Die Systemtheorie meint dazu, daß eine überschaubare Menge von Referenzbegriffen, die in einem relativ geschlossenen und warmen Raum mit wenigen Akteuren redundant auftreten, schnelle Resonanz im System und Schwingung sichert.

„Gute Realität ist selbstreferenziell“ twittert @furukama, birgt jedoch auch die Gefahr der Systemerschöpfung, weil im engen Club der Twitterer möglicherweise keine Signale von aussen mehr wahrgenommen werden.

Würde ich Sprache mit einem Tweet gleichsetzen:

Ein Tweet ist im Binnenraum ein Kommunikationsmittel, in Bezug auf die Außenwelt eine Mauer und in Bezug auf die Innenwelt ein Gefängnis (vgl)

Bezogen auf Selbstreferenzialität hat die Twitterlesung die Systemumgebung von twitter.com verlassen und sich auf anderes Terrain begeben. Die habtische Realität, die es weder erforderlich macht, Mitglied von Twitter.com zu sein noch sich überhaupt in die digitale Realität zu begeben. Die Selbstreferenzialität der Systemumgebung wurde aufgebrochen. Leser von Printmedien hatten zumindest Systemzugang.

Um Deine Frage zu beantworten, lieber @klischnet: Ich weiss es nicht.
Vielleicht stellst Du die Frage besser einem schlesischen Weber oder einem Gärtner oder einem Kreuzfahrtschiffskapitän, denn die Beantwortung ist für einen Twitterer wohl zu selbstreferenziell, oder?


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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

HerrLehmann

Verehrte PickiHH,

twitter ist selbstreferentiell, eine twitterlesung ist es nicht. zur begründung:

(a) twitter ist selbstreferentiell, weil twitteruser über das medium twitter kommunizieren und sich mit ihren tweets aufeinander beziehen (können). diese rückbezüglichkeit in den kommunikationen ist eines der ersten mermale von selbstreferenz.

(b) verfasst man (frau) einen tweet, wird man teil der tweet-historie, man bleibt also als beobachter(in) nicht einfach draußen, sondern wird, indem man seine beobachtungen mitteilt, selbst teil der kommunikation (zumindest für die eigenen follower). mithin steht es den verfasser/-innen der tweets frei, nicht nur über beobachtetes zu kommunizieren, sondern durch die funktion des beobachtens selbst teil der kommunikation zu werden (analog zum prinzip, dass man nicht nicht kommunizieren kann).

(c) drittes kriterium für ein selbstreferentielles system ist die unterscheidung system/umwelt, also die frage, was gehört dazu und was nicht. grenzbildend sind die mitteilungen, die sich in (oder hinter) tweets verstecken, sie sind für außenstehende (system-fremde, nicht-twitterer) nicht beobachtbar. damit besteht eine grenze zwischen selbstbezug und fremdbezug, die im falle von twitter denkbar einfach ist, man twittert eben oder nicht. (die einfache unterscheidung zwischen innen und außen ist vermutlich eines der geheimnisse für den erfolg von twitter). worüber spielt in diesem sinne (zunächst) keine rolle.

die twitterlesung, an der ich via @hobnox teilnahm, war keineswegs selbstreferentiell. obwohl die inhalte teils rekursiv waren, fehlte in weiten teilen die möglichkeit der einflussnahme durch die beobachter. ebenso wurde durch die verbreitung in weiteren medien der innen-außen-bezug quasi „untergraben“. eine stärkere integration der während der veranstaltung erstellten tweets über die veranstaltung und damit die aufnahme der beobachtung in das beobachtete hätte hier gut getan…

ich hoffe, ich konnte helfen…
HerrLehmann

literatur:
luhmann, niklas, soziale systeme
baraldi et al, GLU
von foerster, wissen und gewissen

Gepostet von HerrLehmann am 28. Juli 2008 um 15:15.
PickiHH

Danke Herr Lehmann,
das ist natürlich viel ausführlicher und deutlicher. Wenn ein selbstreferenzielles System auch ein Monolog sein kann, dann kann ich Dir bei der Twittererklärung folgen. Bei der Twitterlesung gebe ich Dir Recht, allerdings hätte doch Deiner Argumentation folgend, eine stärkere Integration der, während der veranstaltung erstellten tweets über die veranstaltung und damit die aufnahme der beobachtung, wieder eine Selbreferenzialität hergestellt, oder?

Gepostet von PickiHH am 28. Juli 2008 um 17:34.
klischnet

Hallo PickiHH, das war auch einer meiner ersten ideen die ich hatte, als die veranstaltung anounciert wurde: cool – leute die ihre und andere tweets aus der vergangenheit (zusammengestellten) tweets praesentieren und was geschieht mit den echtzeittweets, wie wird dann waehrend der veranstaltung darauf eingegangen. Das waere dann moegicherweise der zirkelschluss zur selbstreferenzialitaet gewesen. Aber HerrLehmann hat gut deine ausfuehrungen ergaenzt… Was so ein tweet alles ausloesen kann… jedenfalls bin ich schon stolz ;-)

Gepostet von klischnet am 28. Juli 2008 um 18:01.
HerrLehmann

Betreff: Twitterlesung und Selbstreferentialität

Geschätzte PickiHH,

selbstredend hat auch die Twitkrit-Lesung eine gewisse Selbstreferenzialität. Da die Veranstalter/-innen dies auch förderten und anscheinend implizit voraussetzten, liege ich mit meiner polarisierenden Einschätzung (s. o.) nicht ganz richtig.

Systemtheoretisch gesehen könnte man jetzt in Details abschweifen (wie, das das soziale System „Lesung“ nur bedingt fortbesteht und damit anderen Anforderungen hinsichtlich seiner Reflexivität unterliegt), doch will ich einen solchen Diskurs nicht um des Diskurses willen führen und danke @pickiHH und den anderen für den gelungenen Abend und @klischnet für seinen tweet.

HerrLehmann

Gepostet von HerrLehmann am 28. Juli 2008 um 21:49.
KMTO

Twitter ist ein Meta- System selbstreferentieller Subsysteme. Nicht das System ist Selbstreferenziell, sondern die Elemente zueinander. Selbstreferenzialität ist also eine Eigenschaft des Systems, nicht dessen Tätigkeit. In Bezug auf Twitter wiegt aber das „Meta“ am Schwersten. Und ja – im Prinzip können Twitterer als Teil Ihres Systems _und_ des Meta- Systems dazu gar nichts sagen… Ich schweige…

Gepostet von KMTO am 31. Juli 2008 um 13:44.
Selbstreferentialität [update] at Twitkrit

[…] Wir nicht! Wir sind nicht selbstreferentiell. Wir bloggen schließlich über das Twittern, statt über das Bloggen zu bloggen oder über das Twittern zu twittern. Um genau zu sein, twitkritten wir. Und wenn wir hier nur mal kurz erwähnen, dass da jemand anderes das auch mal tut, dann ist das noch lange nicht meta, und wenn, dann jedenfalls nur ein bisschen. Jedenfalls nicht so wie Twitter, dieser selbstreferenzielle Scheiß, der immer auf sich selbst verweist (meistens auch noch zurück), aber darauf haben wir schon mal hingewiesen. […]

Gepostet von Selbstreferentialität [update] at Twitkrit am 26. November 2008 um 18:10.