Pudel ohne Kern
“Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile”, das wusste schon Aristoteles (382-322 v. Chr.), und auch heute noch sagt es sich ganz einfach dahin, als handle es sich um eine Selbstverständlichkeit. Demnach müsste auch ein Satz (= das Ganze) mehr sein als die Summe seiner Worte (= die Teile). Dass diese Schlussfolgerung nicht zutreffend sein muss, zeigt uns @marcel_w eindrucksvoll mit seinem obigen Tweet.
Was der Verfasser mit den aneinandergereihten Worten “Mein Kopfhaar outsourct” gemeint haben könnte, erschließt sich dem Reziepienten auch nach mehrmaliger Lektüre nicht vollständig. Ein jeder, der ein gut gezapftes kühles Bier vor sich stehen oder 3 Mark fünfzig auf der Bank hat, weiß um die Bedeutung des Possessivpronomens “mein”. Jeder, der morgens stundenlang vor dem Badezimmerspiegel steht und sich kämmt, weiß um die Bedeutung des Wortes “Kopfhaar”, und jeder, der schon einmal in einer lausigen Kantine zu Mittag gegessen hat, weiß, was “Outsourcing” bedeutet: Suppen kochen und Würste braten gehören nicht zu den Kernkompetenzen eines Verlagshauses oder Flugzeugbauers. Folglich lassen Verlagshäuser und Flugzeugbauer ihre Suppen und Bratwürste nunmehr von hierauf spezialisierten Fremdfirmen, die anstatt sozialversicherungspflichtig Beschäftigter aus Gründen der Kostenersparnis bevorzugt minijobbendes Suppenkoch- und Bratwurstbratpersonal einstellen, zubereiten. Dabei nehmen Verlagshäuser und Flugzeugbauer billigend in Kauf, dass alles schlechter schmeckt als zuvor und sich ihre Angestellten regelmäßig den Magen verderben – das alles zum Wohle der Aktionäre. Outsourcing ist also das Verlagern von unternehmensinternen Tätgkeiten an eine Fremdfirma zum Zwecke der Kosteneinsparung.
Um diesem Tweet auf den Grund zu gehen, müssen wir zunächst untersuchen, was eigentlich die Kernkompetenz des Kopfhaares ist. Im besten Falle schmückt das Kopfhaar seinen Träger und je nach Dichte spendet es ihm auch etwas Wärme. Was nun könnten aber die auszulagernden betriebsfernen Tätigkeiten des Kopfhaares sein? Die Produktion von Fett? Die Zucht von Läusen? Der Transport von Schuppen? Und abschließend stellt sich bei dieser Betrachtung die Frage, wer diese ungeliebten Verrichtungen billiger ausführen sollte als das eigene Haupthaar? Vielleicht der Bart, das Brusthaar oder gar das Schamhaar?
Man weiß es nicht und auch @marcel_w hilft uns nicht dabei, dieses betriebswirtschaftliche Rätsel zu lösen. Was und warum das Kopfhaar outsourct, erfährt der Leser leider nicht. Um bereits an dieser Stelle unseren treuen Leserbriefschreibern, die uns stets bei der Entschlüsselung geheimnisvoller Kurznachrichten unterstützend zur Seite stehen, vorzugreifen, sei angemerkt: Selbstredend haben auch wir in Erwägung gezogen, dass es im Bereich des Möglichen läge, dass @marcel_ws Kopf selbst beginnt, das eigene Haupthaar auszulagern. Aber in diesem Falle hätte uns der Autor diesen Sachverhalt mit Sicherheit in aller Deutlichkeit zu vermitteln vermocht.
Bedauernswert ist, dass es dem Autor nicht gelungen ist, in seinem Tweet eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen: An Platz kann es nicht gelegen haben, denn statt der maximal zur Verfügung stehenden 140 Zeichen werden hier lediglich 24 in Anspruch genommen. Der Bogen wird – auch noch unter Zuhilfenahme eines überflüssigen Anglizismus – nur halbt gespannt und verendet elendig im Nichts. Einmal mehr bleibt der Leser im Dunkeln tappend und ratlos zurück: Dieser Tweet ist wie ein Pudel ohne Kern. Hinsichtlich des Aufbaus von Spannungsbögen und dem Erzählen in sich schlüssiger Geschichten hat unser Autor noch Steigerungspotential. Wir geben ihm also eine zweite Chance und werden sein Schaffen weiterhin kritisch verfolgen.

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Das sagen die Anderen:
Ich glaube, er hat in der Twitter- Eile zwei Buchstaben vergessen und damit das Salz in der Suppe der Aussage: ge
Dummerweise werden diese wunderbaren beiden deutschen Buchstaben – auch in Anglizismen, oft in Ihrer fundamentalen Bedeutung unterschätzt. So auch hier:
Mein Kopfhaar outgesourct.
Gepostet von KMTO am 10. Juli 2008 um 09:47.Im Gegensatz zu obigem Kommentar von KMTO glaube ich nicht, dass das Affix “ge” vergessen wurde.
Gepostet von inconnue am 10. Juli 2008 um 13:52.Wenn man ganz einfach übersetzt, dann bedeutet “out” -> raus/aus und “source” -> Quelle. Damit aber würde der Proposition das Verb fehlen, was aber geschickt durch die “Germanisierung” des Anglizismus aufgefangen wird ( “t”, also 3. Person sing.) Zusammengefasst, wortwörtliche Übersetzung: Mein Kopfhaar aus der Quelle raus.
Somit würde dies Herrn Boschs ursprüngliche Idee des gemeinen Haarausfalls stützen.
MfG
vertippt, Korrektur:->mein Kopfhaar fällt aus der Quelle raus
Gepostet von inconnue am 10. Juli 2008 um 13:54.Im Übrigen müßte es im Präsens 3. Ps. Sg. korrekt “Mein Kopfhaar sourct out” heißen.
Gepostet von lady-kinkling am 10. Juli 2008 um 14:52.verehrte lady-kinkling: in diesem Falle (“sourct out”) aber würde die Bedeutung eine Andere sein: ausquellen, rausquellen, was aber genau das Gegenteil von ausfallen, also (“outsourct”) und dem damit verbundenen Bild des schütteren Haar bedeutet. Wie dem auch sei, die Interpretation scheint so einfach nicht zu sein.
Gepostet von inconnue am 10. Juli 2008 um 19:56.vielleicht geht es ganz profan um die anschaffung eines toupets.
Gepostet von hypotheticus am 10. Juli 2008 um 20:43.ad inconnue: Die Bedeutung verändert sich nicht. Englische Verben werden in der Regel der deutschen Konjugation angeglichen: ich source out, ich loade down. Einzelne Bestandteile von Fremdwörtern wörtlich zu übersetzen, wird immer problematisch bleiben.
Gepostet von lady-kinkling am 11. Juli 2008 um 11:25.ad hypotheticus: Klingt überzeugend.
Gepostet von lady-kinkling am 11. Juli 2008 um 11:26.verehrte lady – kinkling, ich möchte Ihre Kenntnisse überhaupt nicht anzweifeln, aber meiner Meinung geht es hier nicht um grammatikalische, lexikalische und/oder linguistische Richtigkeit. Ein Tweet ist v.a. persönlich, und kann, ist oft, hat Anspruch zu sein, oder ist Kunst. Dementsprechend wäre es falsch angebracht, diese Kurzaussagen an Reglementationen messen zu wollen. Der Künstler hat seine eigene, inhärenten Muster, seine eigene Logik, sich auszudrücken. Es liegt im Auge des Betrachters, oder diesmal im Auge des Lesers, dieser gewahr zu werden. Über die Qualität dieser Kunst kann man diskutieren, wie es hier der Fall ist, aber nicht, ob es richtig oder falsch ist.
Gepostet von inconnue am 11. Juli 2008 um 13:53.[...] eigenen Glaubensbekenntnisses darlegen? Oder geht das gar tiefer? Dass nämlich nicht immer das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sein muss. Dass die Teile: Karte, Schrift, Briefmarken in ihrer Summe das Ganze, die Postkarte, weit weit [...]
Gepostet von Irrungen im post Postzeitalter at Twitkrit am 11. Juli 2008 um 14:30.menno, den wollt ich auch twitkritten ;)
Gepostet von Picki am 11. Juli 2008 um 14:37.aber so schön hätte ich es nicht gekonnt!
Gepostet von Picki am 11. Juli 2008 um 14:37.Als Künstler mag ich mich hier nicht weiter zur Interpretation meines Kunstwerkes äußern (nur so viel: inconnue hat recht, mehr oder weniger).
Eine Anmerkung sei mir aber gestattet: Ich bin erschüttert, jawohl erschüttert, ausgerechnet auf twitkrit eine indirekte Aufforderung zu Opulenz und Verschwendung in Form des Einsatzes weiterer Zeichen vorzufinden.
Herzlichst,
Gepostet von marcel weiß am 21. Juli 2008 um 16:27.Ihr (vorerst) weiterhin treuer Leser
M. Weiß