Twitkrit

Holzfällerfrühstück mit Bürobierchen

Schon gegessen, meine Damen und Herrn? Vielleicht eine Bratwurst vom Grill passend zum EM-Auftakt? Ich habe gerade einfach so aus Lust ein paar Brocken eines zwölf Monate alten Bio-Parmesans genascht. Das ist teurer als gute Schokolade und schmeckt auch deshalb so gut. Andere sind da anders drauf.
baranekWas im Twitteruniversum so verzehrt wird, hat sich Dirk Baranek, unser dieswöchiger Gastautor, angeschaut. Auch wenn ich nicht verstehe, wie jemand nach einem halben Leben in Berlin freiwillig nach Stuttgart ziehen kann (alle anderen machen das andersrum), ihm scheint das nicht zu schaden, er kann sich dennoch mit den genußvollen Seiten des Lebens beschäftigen und ist als Gastrokritiker prädestiniert für die Aufklärung über getwittertes Essen:

Twitterland hat Hunger und muss essen. Was auf Tisch, Hand oder vor die leuchtenden Geräte kommt, wird mit @having eben jenem having mitgeteilt. Der sammelt brav kulinarische Protokollnotizen (http://foodfeed.us/). Alle! Kann sich having diesem verführerischen Strom essbarer Welt entziehen? Braucht having schon bald eine Diät? Wir wissen es nicht, empfehlen aber schon mal die nullige Version, die offensichtlich auch cemb erfolgreich betreibt.
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Harhar, ein kleiner Scherz, verführerisch einfach vertweetet wie ein Gurkenschaum aus der molekularen Hexenküche zeitgenössischer Kochmeister. Der Genuss bleibt allerdings in einem Hauch von Geschmack stehen. Bissfestes und Magenfüllendes hier wie dort Fehlanzeige. Der Hunger nagt. Twitterland aber isst sich gerne satt, meist mit Pasta, Pizza und Schnitzelkonsorten. Nerd/vige Esskultur allerorten, wären da nicht die Tagesbars, in die es solvente Medienschaffer treibt. Dort nimmt man Saisonales, ein Stück Edelfleisch – klein, bitte – und gerne an ausgefeilfeilfeiltem Sößchen.
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Richtige Gourmets also doch da draußen? Klar doch, wer sucht, findet das Edelfresschen. Auch wenn man die größte Frittenbude der Welt aufsuchen muss.
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Es fressen eben nicht alle nur Scheiße, sehen wir ja tagtäglich, aber einige haben schon mal angefangen, auf diesem fremden Terrain des haut gouts ihre Geschmacksnerven zu trainieren. Wie wärs zum Beispiel mit der kalten Version?
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Twitterland nimmt Doping, braucht Doping, geht ohne Doping gar nicht. Kaffee ist definitiv das Lieblingshaving. Und wie Süchtige halt so sind: Ist das Zeug aus, wird umgehend substituiert, egal wie enttäuschend die Dröhnung auch ausfällt. Kalkulierte Desillusionierung ist kein prinzipielles Hindernis.
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Andere sind bodenständiger, betreiben systematisch Rauschaufbau mit Volksdrogen. Warum nicht sofort damit beginnen! Jetzt!
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Kein Ende in Sicht also, es wird weiter gegessen, gekocht und getrunken werden. Bis sie satt sind. Die Menge ist wichtig. Ursache und Wirkung sind überschaubar und definiert. Holzfäller nach der Arbeit- Oder Bauern.
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Vom Teufel geritten?

Bevor jemand meckert: ja, ich bespreche ihn schon wieder. Warum? Dafür gibt es mehrere Gründe. Neben der Tatsache, dass dieses Blog auch gut und gerne nur und ausschließlich @frank93-Tweets besprechen könnte, ohne seinen Sinn zu verlieren, gibt es tagesaktuelle Ereignisse, die so unumgänglich sind, dass sie ohne Rücksicht auf Verluste hier ihren Platz finden müssen. Und wenn frank93 einen Tweet raushaut, der “verbesserungswürdig” ist, dann ist das so ein Fall. (Außerdem haben wir eh so selten Verrisse hier)

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Betrachten wir zunächst nur den ersten Hauptsatz, wo die Welt noch in Ordnung ist: “tetrapakt mit dem teufel geschlossen“. Auch der unbeteiligte Beobachter weiß spätestens an dieser Stelle, dass wir es nur mit einem echten @frank93 zu tun haben können. Treffgenaue Wortspielereien, die in ihrer Rekombination einander kontextfremde Begriffe zu einem absurden Theater vermischt werden. Ganz großartig auch die Doppeldeutigkeit: Dadurch, dass nicht nur ein Pakt, sondern ein Tetrapakt geschlossen wird, kann man hier auch an das Schließen von wiederverschließbaren Tetrapaks denken. Die gelungene Kombination von Tetrapak und Teufel, sowie die davon losgestoßenen Assoziationsketten: Seele, Milch (brandaktuell), Verpackung, Hölle etc. stehen nun also im Raum, zusammen mit dem Leser und knistern vor sich hin, vor Spannung.

Sie stehen also im Raum und hier wird es schwierig. An dieser Position des Cursors hat sich @frank93 ganz offensichtlich in eine Defensivposition hineingeschrieben. Die Pointe ist bereits raus, schon jetzt, im ersten Halbsatz und dennoch hat er eine Stimmung und die assoziierten Geister herbeigerufen, die auf Befehle warten. Der Tweet kann hier unmöglich zu Ende sein. Jetzt muss noch irgendwas passieren mit den Geistern, sonst wirkt das ganze unabgeschlossen. Was also tun?

Frank entscheidet sich für: “… , mich dann aber beim öffnen bekleckert.

Der Satz nimmt den Tetrapak-Bezug auf und bekleckert sich dabei nicht grade mit Ruhm. Was kleckert denn hier? Der Teufel? der Pakt? Und wenn, was soll das bedeuten? Wo ist der Witz bei kleckernden Pakten? Gib es ruhig zu: Das kleckern ist EGAL!

Andererseits: die besprochene Doppeldeutigkeit des Verbes “schließen” wird zwar verfolgt, aber nur halbherzig. Denn ein “beim Öffnen” muss nicht auf ein vorheriges Schließen verweisen, wie jeder weiß, der seine Tetrapaks neu im Supermarkt kauft. Wenn dieser Bezug also überhaupt gemeint war, wird ihn kaum einer verstanden haben. Mit anderen Worten: dieser ganze Halbsatz, lieber Frank, ist: ÜBERFLÜSSIG!!!

Ja, das, genau das ist es, was das diktatorische Regime der 140 Zeichen uns immer wieder in den Hinterkopf prügelt – im Idealfall. Kein überflüssiges Blabla. Vor allem dann nicht, wenn es um so etwas so wichtiges und wertvolles geht, wie eine Pointe. Frank gilt gemeinhin als der Twitterer, der das am besten verstanden hat. Was ist passiert? Welcher Teufel hat ihn da bloß geritten?

Dabei ist hier das Elend ja immer noch nicht am Ende. Fassungslos muss ich mit ansehen, wie die bereits regungslos am Boden kauernde Pointe noch weiter malträtiert wird.

“… // (da will man mal die Welt retten ..)” Was haben wir denn hier? Ist das vielleicht ein Verlegenheitsanhängsel? Irgendwie merkt Frank, wie er die tolle Pointe verwässert hat, mit seinem Nebensatz. Irgendwie steht das ganze unrund im Raum und er weiß das, und so macht er genau den Fehler, den viele von uns – uns fehlbaren, lange nicht so genialen Twitterern – nur allzu oft machen in dieser Situation. Anstatt alles zu verwerfen und noch mal neu nachzudenken, schiebt er etwas noch uninspirierteres hinterher. Das “Weltretten” soll natürlich an den Pakt mit dem Teufel anknüpfen, der beim Kleckern ja unterging. Nur wieso Weltretten? Weltretten ist das neue Kleckern? Und überhaupt: das, lieber Frank, ist kein Literatweet, das ist ein Konstrukt. Eine vielteilige Installation. Sprerrig, geschustert, gestöpselt.

Nun aber genug geschimpft. Ich möchte lieber einen Weg aufzeigen, wie dieser Tweet zu retten gewesen wäre: Denn der Anfang, der die besagten Geister rief, ist ja nach wie vor grandios. Nur hätte man hier einen Punkt machen können, statt eines Kommas. Und man hätte im nächsten Satz, statt auf den schwierigen Bezügen von Teufel und Tetrapak rumzueinern, sie stattdessen brechen können und zwar genau mit jener unterschwelligen Doppeldeutigkeit, die das Wort “schließen” eingeführt hatte. Mein Vorschlag ist also:

tetrapakt mit dem teufel geschlossen. jetzt krieg’ ich’s nicht mehr auf.

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Das Rauschen der Krisen

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Birma, SPD, Bauernstreik – Krisen, wohin man blickt. @horax wird es auch zu viel, er kann das Wort “Krise” nicht mehr hören. Man kann ihn gut verstehen, denn kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein neuer Weltuntergang ausgerufen wird. Was gestern noch Spiegel-Affäre, Tschernobyl und BSE waren, sind heute Zumwinkel, Telekom und die nächste Twitter-Downtime. Gleich einem riesigen Twitterstream rauschen die realen Krisen dieser Welt nur noch an uns vorbei – eine wahre Inflation (von lat.: „das Sich-Aufblasen; das Aufschwellen“).

@horax wäre nun aber nicht @horax, hätte er diesen Zwitscher der Verzweiflung nicht mit großer List und Hintersinn verschlagwortet.

Nicht nur die Anzahl der Krisen bläht sich zunehmend auf, zu allem Überfluss wird auch noch alles immer hochpreisiger. War uns die Inflation – in Großelternsprech gern auch als “Geldentwertung” bezeichnet – in den letzten Jahren so fremd wie es Schallplatten und Tageszeitungen der Generation unserer Kinder schon heute sind, so beginnen wir nun langsam damit, uns an zweistellige Milch- und Benzinpreise zu gewöhnen. Wir müssen uns mit der dunklen Seite der Globalisierung abfinden: Der Preis dafür, dass jetzt auch die Chinesen Auto fahren und Milch trinken können, treibt ebendiesen nachfragebedingt in die Höhe.

Das Wort “Krise” trifft des Pudels Kern im Wesentlichen, aber was nützt uns das Lamentieren? Während unsere Großeltern in früheren Zeiten des Kohlemangels noch ihren Energiebedarf decken konnten, indem sie ihre wertlos gewordenen Banknoten in Öfen in Wärme umwandelten, so werden wir sicher rasch an den giftigen Dämpfen zugrunde gehen, wenn wir dergleichen mit unseren Kreditkarten versuchen. Bis dahin jedoch wollen wir die Worte #Krise und #Inflation nicht mehr hören und hoffen, dass trotz aller Unbill der Welt wenigstens Twitter künftig stabil laufen wird.

Diese genauen und differenzierten Überlegungen – Analyse der Ist-Situation, volkswirtschaftliche Zusammenhänge und angewandte Lebenshilfe in Form einer Hoffnungsspende – hat @horax meisterlich in weniger als 140 Zeichen verpackt. Vor dieser Leistung zöge ich meinen Hut, wenn ich einen hätte.

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Was haben Pferdesalben und Terror gemeinsam?

Pferdesalbe
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Meine erste Frage: Pferdesalbe, was’n das und wieso?
Mein erster Gedanke: Zunächst mutet es an wie einer dieser vielen Haushaltstipps von Großmuttern. Wer Pferdesalbe benutzt, lindert Mückenstiche auch mit Spitzwegerich, versucht, den Haaren durch Apfelessig-Spülungen einen seidigen Glanz zu verleihen, und putzt anderen Leuten mit Spucke Nutellaflecken von der Backe.
Dann habe ich recherchiert und siehe da, so falsch lag ich nicht. Es ist eine Salbe mit Heilkräuterextrakten, die nicht nur Wendyfreaks (ich genieße Pferd ja eher geschlachtet), sondern eben auch VolksläuferInnen bei Muskelschmerzen nutzen. Wieder was gelernt.

Und zugleich am eigenen Leib erlebt, wie Textverständnis funktioniert: Ein jeder Text (ich wiederhole mich) liefert uns Informationen, aber eben allermeist zu wenige, um ihn aus sich heraus zu verstehen. Wir benötigen dazu weiteres Wissen (welch Alliteration!), also Zu-Satz-Informationen. Bei einem Roman liegen die in Hülle und Fülle in den anderen hunderten und tausenden Sätzen des Werks begraben. Da braucht es mitunter nur wenig vom sogenannten Weltwissen, um etwas zu verstehen. Bei einem Tweet sieht das in seiner Kürze schon etwas anders aus. Wer da die einzelnen Wörter nicht von sich aus oder wie bei mir in diesem Falle nach Recherche in externen Weltwissensspeichern versteht, kommt kaum auf einen klaren Sinn.
Hier zeigt sich die strukturelle Nähe des Twitterns zum Hermetismus in der Lyrik. Ein hermetisches Gedicht ist so unklar geschrieben, dass es sich einer eindeutigen Interpretation entzieht. Tweets können bewusst so geschrieben werden. Ihre Kürze kombiniert mit dem Nichtwissen des Rezipienten macht sie aber unabhängig von jeglicher Autorintention oft auch im individuellen Rezeptionsakt zu einem hermetischen Text.

Beim heutigen Beispiel war “Pferdesalbe” zum Beispiel nicht die einzige unklare Stelle im Tweet.
Wieso liebt netzbarbie den 21sten Kilometer und nicht den 23sten? Gilt diese Liebe allen 21sten Kilometern aller Laufstrecken dieser Welt oder nur einem? Der Text bleibt vage.

Noch schlimmer: beim Versuch, Licht ins Dunkel der Signifikaten zu bringen, fällt dem Unwissenden eine politisch brisante Interpretationsleistung zu:
Was ist eine “Consul-Tante”? Nur eine altmodisch buchstabierte Verwandte eins staatlichen Vertreters im Ausland? Mitarbeiterin eines Hebebühnen-Herstellers? Hat sie irgendwas mit einem der vielen Hotels diesen Namens zu tun? Oder ist diese Bezeichnung gar der in Twitter versteckte Hinweis auf die Wiederbelebung einer nationalistischen Terrorgruppe aus der Weimarer Republik (ein Volk, ein Lauf, eine Salbe)?

Suchmaschinen und Datenbanken, Findbücher und Lexika mögen dem helfen, der auf der Suche nach Eindeutigkeit ist und keine Angst vor der Wahrheit hat. Alle anderen gehen jetzt eine Runde Joggen. Soll ja gesund sein und den Kopf von drängenden Fragen befreien.

P.S.: Ich glaube nicht, dass Consul-Tante eine Pferderasse ist. Sonst hieße es im Tweet wohl “VolkstraberInnen” oder kurz: Volkspferd*, also Esel. Und das macht den Tweet auch nicht sinnvoller.

*für die Freunde des Mittelhochdeutschen: “Dietmar”. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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Das Herz von Twitter

Das Herz von Twitter
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Twitter ist ein Tool für Nerds, für Web2.0 und Kommunikationsgeeks. Ja, stimmt. Das allein macht es jedoch noch nicht so spannend, sondern vielmehr die Einblicke in die emotionalen Augenblicke der Twitterer, die Vermischung von Sach- und Gefühlsebenen. So gelangt ein Tweet wie der von moeffju zufällig zwischen technische Announcements, Arbeitsatmosphären, Fussballberichterstattungen und allgemeine Twitterpullerei. Hat er das verdient? Nein, hat er nicht. Rauscht dieser Tweet vorbei? Nein, tut er nicht. Nicht für mich zumindest. Ich finde es schön, die emotionalen Momente der Twitterer einzufangen, denn in Wahrheit sind sie es, die mich dazu bewegen, den Menschen hinter den Tweets auch real zu begegnen. Zudem es doch so ist, das moeffju diesen Satz wahrscheinlich niemals bei einem Treffen in einer Kneipe laut aussprechen würde, während sich die anderen über die Twitter-Downtime erzürnen oder über Germany’s Next Top Model herziehen. Die Poetik von 140 Zeichen erlaubt all dieses Nebeneinander von Wut, Leidenschaft, Verliebtheit, Trauer, Stress, Arbeit, Ajax, CSS, Flash und Kaffee. Und ich vermute, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass viele von uns nach den Sachmeldungen des Tages auf den nächsten persönlichen Tweet warten, der uns dem Leben unserer Follower wieder 140 Zeichen näher bringt.

PS: moeffju, Kopf hoch, alles wird gut!

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