Monatsarchiv für Juni 2008

 
 

Und dann wird man, was man hasst, nämlich Cineast

Hallo Hendrik, schön das Du da bist. Was ist Deine Geschichte?

Cinema
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Was klingt, wie ein Halbsatz aus einem für den Weltmarkt übersetzten Tocotronic-Lied, ist in Wahrheit Ausdruck tiefster mitmenschlicher Wärme, von größter Lebenshilfe aus freien Stücken.

Obwohl wir abgesehen von Besuchen italienischer Freiluftkinos, indischer Lichtspielhäuser oder südamerikanischer Multiplexen im Kino meist stumm und steif auf den bewegten Tonfilm konzentriert sind und es immer einen im Saal gibt, dem das Rascheln der Schokolinsen Grund für einen Amoklauf ist, obwohl also ins Kino gehen furchtbar asozial ist: Niemand geht gern allein ins Kino.
Wer anderes behauptet, hat keine Freunde.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder war schon mal allein im Kino. Manchmal geht das nicht anders. Manchmal findet sich einfach niemand, der sich diese koreanische Dokufiction über die Balzrituale der Seidenraupe im Zeichen des Klimawandels, dargestellt von 23 Absolventen der Filmhochschule Pjöngjang im Stile des Film Noir auch sehen will. Unverständlich, aber so was passiert.
Ich will den Film aber unbedingt sehen, also geh ich allein ins Kino. Nur nicht gern. Wenn das Spaß machen würde, hätten auch die Pornokinos am Bahnhof nicht so darunter zu leiden, dass jetzt alle vor dem Internet wichsen. Wer keine Sexualpartner hat, kann sich jetzt zu Hause verstecken und muss die Einsamkeit nicht mehr beim Kinogang durch die ganze Stadt tragen.

Alleine ins Kino gehen ist scheiße. Nur wer gibt das schon zu? Hendrik tut es mit herzzerreißender Offenheit. Er versteckt sich nicht hinter Ausreden, warum das schon ok wäre, er knallt es uns auf den Schirm: Hugely depressed fühlt er sich so allein. Statt es im verborgenen Kreis der anonymen Cineasten zu beichten, macht er Twitter zur Lebenshilfe für Filmfreunde.
Ja, verdammt, es schmerzt, allein ins Kino gehen zu müssen. Lasst uns darüber sprechen! Gründet Lichtspielhausbesuchsgemeinschaften, redet vor und nach dem Film über eure Gefühle, steht zu eurer Einsamkeit und findet so neue Freunde!

Danke Hendrik, dass du so offen warst.

die neue Patridiotie

PinkFlurry
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Schland? Dieser Elch ist irgendwie an mir vorübergegangen.

Da haben wir es vor zwei Jahren zur WM endlich geschafft, wieder patriotisch sein zu dürfen – und jetzt das. Ich habe absolut gar nix gegen Abk. und Wortverstümmelungen, und dennoch möchte ich nicht in einem Land namens Schland leben. Mit Schland assoziiere ich Schlund, Schlendrian, schlampig oder maximal Brotaufstriche. Der einzige Satz, der meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang Sinn hat, ist:

“Die Schlander fangen an zu plörken”.

Nein, nein, nein, ich hab den Schland voll!! So gehts nicht. Und schon gar nicht gegen die Ösis, Spaghettis, Käsköppe oder Froschmänner.

Also, liebe Schlander: Wer hats erfunden? verschlandelt? Bitte vortweeten!

Nachtrag: Es war der Raab, der Wortmetzger. Pah.

Schland™ hat die Raab TV-Produktion GmbH, Köln, Ende 2005 im beschleunigten Verfahren als Marke angemeldet (DPMA-Aktenzeichen 30550886.5).

Web 2.0? – Raus!

Es ist ja nicht so, als ob man sich auskennte, im Internet. Ein Chaos allenthalben. Wer findet sie schon wieder, die Website, die einen eben noch – kurz vor dem Firefoxabsturz – so begeisterte? Wer findet denn diese eine konkrete Information, die ganz, ganz sicher irgendwo im Internet steht, deren Ergooglebarkeit aber vor lauter Spamwebsites faktisch gegen null geht? Kurz: Das Netz ist ein verdammtes Chaos. Seit immer und nach wie vor.

Nun ist es ja nicht so, als wüssten das die Internetzuständigen nicht. Und so kamen sie bereits auf die aberwitzigsten Ideen. Zum Beispiel Web 2.0: Online- Bookmark- Verwaltungen, Linkgewichtete Suchmaschinenindizierungen, Tagging und überhaupt die ganze Crowdscourcingschwarte. Das sind die Schlagworte mit denen das Chaos in die Ordnung überführt werden soll. Die Idee dahinter: Wenn man die Ordnung nicht in die Daten bringen kann, muss man sie eben drauf setzen. In form von Metadaten.

Aber seien wir ehrlich: das Chaos ist nicht zu beherrschen, auch heute nicht. Die Apologeten des Web 2.0 sehen, verglichen mir dem guten alten Bibliothekar, immer noch ziemlich alt aus. Und ja, machmal wünscht man sich ihn wieder zurück, den Hüter der Ordnung. Aber der ist in weiter ferne, längst in Rente oder so. Also, was also tun?

hackr
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Dann müssen wir halt selber ran, denkt sich @hackr, ganz pragmatisch und ergebnisorientiert. Ähnlich wie die Wikipediander sollten wir alle mal den inneren Relvanznazi hervorkehren und einfach gnadenlos ausmisten. Dafür veranschlagt @hackr zwar gleich ein gutes halbes Jahr, aber ich finde die Einschätzung sogar durchaus optimistisch. Was tut man nicht alles für ein Internet, das nicht nur sauber ist, sondern porentief rein?

Und je konkreter ich mir den Vorschlag so durch den Kopf gehen lasse, desto charmanter wird er.

Bild.de? Braucht das jemand? – Raus!
Yahoo!? Nutz das noch wer? – Raus!
Second Life? Geisterstädte? – Raus!
98,72% aller Blogs? Lese ich nicht! – Raus!
Ein Pseudoliteraturkritikblog für 140Zeichenmessages? – Unverzichtbar!

Und so weiter und so fort.

Also Freunde der Ordnung, krempelt die Ärmel hoch! Jetzt wird aufgeräumt!

With A Little Help From My Followers

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Jeder Mann, der eine Frau an seiner Seite weiß, kennt diese Situation: Während er nur immerzu den größten Bogen um sämtliche Niederlassungen des Schuheinzelhandels zu machen pflegt, wird sie geradezu – wie von magischen Kräften – in ebendiese hineingezogen. Manchmal gelingt es ihr dann, ihn mit in das Geschäft zu ziehen. Dann sagt sie mit bedeutungsvoller Stimme, als hänge das Wohlergehen der gesamten Welt davon ab, dass sie noch unbedingt ein paar rote Halbschuhe (wahlweise Stiefel mit einem Engschaft oder Weitschaft) benötige und guckt plötzlich ganz verzückt, während sie den Schuh der Begierde aus dem Regal holt, und damit beginnt, liebevoll an diesem herumzunesteln, und ein Auge bereits mit größter Intensität nach der Schuhwerkfachverkäuferin Ausschau hält, die doch bitte schnellstmöglich das dazu passende zweite Exemplar aus dem Lager holen möchte, um das Paar dann beschwingt und mit federndem Gange zu probieren. Er guckt dann an ihr herunter und sagt mit ernster Stimme “Aber du besitzt doch bereits drei Paar rote Halbschuhe (wahlweise Stiefel mit Engschaft oder Weitschaft)” und wendet sich augendrehend und hilflos ab, weil er genetisch bedingt nicht nachvollziehen kann, wozu ein Mensch vier Paar rote Halbschuhe (wahlreise Stiefel mit Engschaft oder Weitschaft) benötigen könnte.

Ob dieses Phänomen auch auf @schuehsch zutrifft, erschließt sich uns bei der Lektüre dieses Tweets nicht – aber es könnte so sein. Gewiss ist jedoch, dass zu den hervorstechenden Charaktereigenschaften der Autorin eine Vorliebe für ausgefallene Schuhmode zählt, denn welcher Durchschnittsschuhträger kann schon ein grünes Modell sein Eigen nennen?

Was aber nun ist das Besondere an diesem – sprachlich recht schlicht komponierten – Tweet? Das Besondere ist die Freundschaft. Die möglicherweise latent vergessliche Schreiberin verlässt sich in einem für sie anscheinend wichtigen, wenn nicht sogar lebenswichtigen, Anliegen, nämlich dem Erwerb eines Paares grüner Schuhe, voll und ganz auf ihre Followers. Das ist mutig und zugleich ein großer Vertrauensbeweis. Sie weiß, dass sie sich auf ihre Twitter-Freunde verlassen kann und dass sich unter ihnen keine – oder zumindest nicht ausschließlich – Wesen mit fehlendem Schuh-Chromosom befinden, die @schuehschs Verlangen nach einem Grünschuh durch ein Unterlassen der erbetenen Erinnerung boykottieren könnten. Sie ist sich der kommenden gezwitscherten Gedächtnisstütze sicher und bedankt sich – wenn auch nur mit einer rudimentären Bitteschön-Dankeschön-Attiüde – sogar im Voraus. Die Form des Dankes wollen wir der Autorin jedoch nicht entgegenhalten, ist diese sicher nur dem auf 140 Zeichen stark begrenzten Raumes geschuldet.

Dieser Tweet zeigt uns anhand einer eben nur scheinbar alltäglichen Banalität, dass es auf Twitter nicht nur oberflächliches Gezwitscher gibt, sondern dass auch die wahre Freundschaft hier ihren Platz hat – gerade das macht diesen Tweet so wertvoll.

Weiß sehen

Als vor einigen Tagen die brasilianische Regierungsorganisation zum Schutz der indigenen Bevölkerung Funai Luftbilder von einem isolierten Indianerstamm schoss, dabei von den isolierten Menschen wiederum mit Pfeilen beschossen wurde und das ganze dann über modernste Wege als Nachricht zu uns kam, da war es auch 2008 noch einmal beinahe so wie zu Zeiten der großen Indiensucher, Goldgräber und Missionare:
Der Fremde wurde plötzlich sichtbar, aus Mythen werden Fakten (wobei die Frage ist, was an Fotografien und Pressemeldungen faktisch ist?).
Das Entdecken “neuer” Menschen aus fernen Gegenden ist ein Phänomen, das wir Menschen des 21. Jahrhunderts weitgehend nicht mehr kennen. Zwar sind uns jede Menge Zeitgenossen fremd, oft gilt das gar für unsere Eheleute, Eltern, Kinder oder gar uns selbst, aber wir haben bei allem gegenseitigen Unverständnis ein Bild voneinander, sei es auch noch so falsch.
Eine humanoide Lebensform als fremd erfahren, weil wir gar nichts von ihr wissen, das war einmal.
Wie ist eine solche Erstbegegnung? Die Weißbrote unter uns und all die, die in den Bildungsinstituten der Weißbrote verschult wurden, kennen die Berichte solcher Blind Dates. Die Fremden werden von den Europäern aus der Position des überlegenen Forschers und Entdeckers betrachtet, vermessen, beschrieben, versklavt.

Europa hat zwar die Demokratie, den Humanismus und die Menschenrechte as we know them hervorgebracht, in der Begegnung mit den anderen Kontinenten zeigt sich die Geliebte des göttliche Stiers aber noch egomanischer, ungestümer und brutaler als der Chef des Olymps je beschrieben wurde.
Dies manifestiert sich bis heute auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch: Ohne große Skrupel wird mit Blick auf Afrika gern vom “Schwarzen Kontinent” geschrieben. Was aber ist schwarz an Afrika? Die Hautfarbe der dort lebenden Menschen? Wir sind uns einig, dass das genau genommen auf kaum einen, sallopp gesprochen bei weitem nicht auf alle Afrikaner zutrifft.
Viel mehr erklärt sich diese Bezeichnung aus der christlichen Farbsymbolik, in der schwarz mit Attributen wie “böse” oder “finster” enggeführt wird.
Afrika galt vor dem Kolonialismus als finster, weil sich die Europäer nicht auskannten; einen “Schwarzen” zu sehen, war wie die Begegnung mit dem Unbekannten an sich. Während des Kolonialismus war es ein finstrer Kontinent, weil die Ausbeuter dort an Tropenkrankheiten verreckten und sich die Ureinwohner mitunter gegen den Segen der Zivilisation zur Wehr setzten, was Afrika immer etwas unangenehm machte. Heutzutage sehen wir ein finstres Afrika, weil sich die korrupten Diktatoren, die islamistischen Rebellen und die Warlords verschiedener Stämme einfach nicht einkriegen, statt endlich Demokratien westlichen Zuschnitts zuzulassen. Wie groß das kolonialisitische Erbe an dieser Situation ist und welche Konzerne von der Lage profitieren, bedenken wir besser nicht, sonst müssten wir noch die Schwarzmalerei bei unserem Afrikabild aufgeben.

Wahrscheinlich war all das nicht der Grund für Blabbermouth, folgenden einfachen aber für einen Westeuropäer eigentlich verwirrenden Satz zu twittern:
weisse
[Link (geschützter Account)]

Wenn wir schon Schwarze von Weißen unterscheiden, dann fragt sich der Weiße, warum nur twittert das andere Bleichgesicht so etwas Banales mit solch einer Begeisterung, die drei Ausrufungszeichen erfordert?
Es klingt, als ob bei Hagenbeck nicht mehr, wie im 19. Jahrhundert, Menschenschauen für Weiße sondern mit Weißen veranstaltet würden und Blabbermouth vor dem Gehege mit den Europäern steht.

Wie wäre es, wenn dies geschähe? Wenn uns der weiße Mensch bis heute unbekannt wäre, wir ihn in seiner terra incognita, dem weißen Flecken auf der Landkarte, neu finden würden, ihn vermessen, beschreiben und versklaven?
Vielleicht hilft ein derartiges Gedankenexperiment vom Neuentdecken des weißen Menschen ja dabei, dass die weißen Menschen selbst ein wenig darüber nachdenken, mit welch schwarzem Vokabular sie bei der Beschreibung von Fremden hantieren.

Das Auge Saurons

Das Auge Saurons
[Link]

Es ist sicher schon einigen aufgefallen, das “Auge Saurons” in der ZDF-Arena auf der Seebühne Bregenz/Österreich. @eTorsten zieht nun den einzig logischen Schluss, dass dieses “Auge Saurons”, welches bekanntlich über dem dunklen Turm Mordors schwebt, dann wohl seinen Ursprung in Mainz hat. Es mag nahe liegen, diese alte, stets umkämpfte Römerstadt mit Mordor zu assoziieren – jedoch – für den Sitz Saurons ein wenig zu provinziell. Auch möchte man der Harmlosigkeit der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht unterstellen, sie würden ihre Stätten auf Asche errichten.

Untersuchen wir also einmal, wer sich dieser Tage hinter dem “Auge Saurons” der ZDF-Arena verbergen könnte? Wie kann es passieren, dass das einstige “Auge Saurons” heute zum Symbol des Public Viewing wird?

Klar ist:
Die Menschen sind dem Fußball sehr schnell verfallen und wurden daraufhin Fanzul (schwarze Sprache, Deutsch: Ballgeister). Das sind schreckenverbreitende Wesen, die immer noch unter Saurons Macht stehen, und nach dem EINEN Ball suchen.

Und so werden Johannes B. Kerner, Trainer Jürgen Klopp und der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier zu Bilbo Beutlin, Aragon und Sam, während Frodo draußen auf dem Feld auf der Suche nach dem EINEN Ball bereits zwei davon versenkt hat.

Aber:
Der eigentliche Herr der Bälle ist Sauron, der dunkle Herrscher, denn er hat den Meisterball genäht, der Einfluss auf alle anderen Bälle der Macht hat.

Die Lösung findet sich schließlich als Inschrift auf dem “EINEN Ball”, den es zu versenken gilt im Schicksalstor:

Ein Ball, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Abseits zu treiben und ewig abzukassieren.
Im Lande Mordor, wo die Gebühren drohn.

Damit ist klar:
Das “Auge Saurons” ist die GEZ!!! Körperlos schwebend blickt sie dieser Tage aus der ZDF-Arena in unsere Wohnzimmer. Habt acht, dass der Gollum nicht morgen vor eurer Tür steht!!

Womit auch geklärt wäre, dass Mordor irgendwo in Köln liegt …


Die Twitterse

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