Weiß sehen
Als vor einigen Tagen die brasilianische Regierungsorganisation zum Schutz der indigenen Bevölkerung Funai Luftbilder von einem isolierten Indianerstamm schoss, dabei von den isolierten Menschen wiederum mit Pfeilen beschossen wurde und das ganze dann über modernste Wege als Nachricht zu uns kam, da war es auch 2008 noch einmal beinahe so wie zu Zeiten der großen Indiensucher, Goldgräber und Missionare:
Der Fremde wurde plötzlich sichtbar, aus Mythen werden Fakten (wobei die Frage ist, was an Fotografien und Pressemeldungen faktisch ist?).
Das Entdecken “neuer” Menschen aus fernen Gegenden ist ein Phänomen, das wir Menschen des 21. Jahrhunderts weitgehend nicht mehr kennen. Zwar sind uns jede Menge Zeitgenossen fremd, oft gilt das gar für unsere Eheleute, Eltern, Kinder oder gar uns selbst, aber wir haben bei allem gegenseitigen Unverständnis ein Bild voneinander, sei es auch noch so falsch.
Eine humanoide Lebensform als fremd erfahren, weil wir gar nichts von ihr wissen, das war einmal.
Wie ist eine solche Erstbegegnung? Die Weißbrote unter uns und all die, die in den Bildungsinstituten der Weißbrote verschult wurden, kennen die Berichte solcher Blind Dates. Die Fremden werden von den Europäern aus der Position des überlegenen Forschers und Entdeckers betrachtet, vermessen, beschrieben, versklavt.
Europa hat zwar die Demokratie, den Humanismus und die Menschenrechte as we know them hervorgebracht, in der Begegnung mit den anderen Kontinenten zeigt sich die Geliebte des göttliche Stiers aber noch egomanischer, ungestümer und brutaler als der Chef des Olymps je beschrieben wurde.
Dies manifestiert sich bis heute auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch: Ohne große Skrupel wird mit Blick auf Afrika gern vom “Schwarzen Kontinent” geschrieben. Was aber ist schwarz an Afrika? Die Hautfarbe der dort lebenden Menschen? Wir sind uns einig, dass das genau genommen auf kaum einen, sallopp gesprochen bei weitem nicht auf alle Afrikaner zutrifft.
Viel mehr erklärt sich diese Bezeichnung aus der christlichen Farbsymbolik, in der schwarz mit Attributen wie “böse” oder “finster” enggeführt wird.
Afrika galt vor dem Kolonialismus als finster, weil sich die Europäer nicht auskannten; einen “Schwarzen” zu sehen, war wie die Begegnung mit dem Unbekannten an sich. Während des Kolonialismus war es ein finstrer Kontinent, weil die Ausbeuter dort an Tropenkrankheiten verreckten und sich die Ureinwohner mitunter gegen den Segen der Zivilisation zur Wehr setzten, was Afrika immer etwas unangenehm machte. Heutzutage sehen wir ein finstres Afrika, weil sich die korrupten Diktatoren, die islamistischen Rebellen und die Warlords verschiedener Stämme einfach nicht einkriegen, statt endlich Demokratien westlichen Zuschnitts zuzulassen. Wie groß das kolonialisitische Erbe an dieser Situation ist und welche Konzerne von der Lage profitieren, bedenken wir besser nicht, sonst müssten wir noch die Schwarzmalerei bei unserem Afrikabild aufgeben.
Wahrscheinlich war all das nicht der Grund für Blabbermouth, folgenden einfachen aber für einen Westeuropäer eigentlich verwirrenden Satz zu twittern:

[Link (geschützter Account)]
Wenn wir schon Schwarze von Weißen unterscheiden, dann fragt sich der Weiße, warum nur twittert das andere Bleichgesicht so etwas Banales mit solch einer Begeisterung, die drei Ausrufungszeichen erfordert?
Es klingt, als ob bei Hagenbeck nicht mehr, wie im 19. Jahrhundert, Menschenschauen für Weiße sondern mit Weißen veranstaltet würden und Blabbermouth vor dem Gehege mit den Europäern steht.
Wie wäre es, wenn dies geschähe? Wenn uns der weiße Mensch bis heute unbekannt wäre, wir ihn in seiner terra incognita, dem weißen Flecken auf der Landkarte, neu finden würden, ihn vermessen, beschreiben und versklaven?
Vielleicht hilft ein derartiges Gedankenexperiment vom Neuentdecken des weißen Menschen ja dabei, dass die weißen Menschen selbst ein wenig darüber nachdenken, mit welch schwarzem Vokabular sie bei der Beschreibung von Fremden hantieren.
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Das sagen die Anderen:
Tatsächlich hast Du Recht – bei meiner Aussage handelt es sich nicht um Menschen irgendeiner Hautfarbe, und auch wenn ich davon ausgehe, dass die meisten Leser das auch sicher glauben werden, möchte ich das nur kurz betonen.
Die Aussage war angelehnt an den Satz “Ich sehe tote Menschen” aus dem Film “The Sixth Sense” und bezieht sich auf mein aktuelles Projekt, bei welchem ich mit einer großen Menge Menschen zu tun habe, die alle (egal welcher Hautfarbe) in weiß gekleidet sind… So viel dazu.
Dein Artikel trifft es trotzdem auf den Punkt – und ich bin froh, dass ich so aufgewachsen bin und erzogen wurde, mir auch eben solche Gedanken machen zu können – vielleicht hätten “wir” es ja mal verdient, auf der anderen Seite zu stehen…
Gepostet von Blabbermouth am 10. Juni 2008 um 13:34.ich finde diesen Blogeintrag ganz schön zivilisationsfeindlich und antieuropäisch. …als ob Europäer die Sklaverei erfunden hätten… und als ob alle Entdecker Ausbeuter gewesen wären…
@bjoerngrau
Gepostet von marc am 10. Juni 2008 um 15:01.ich weiß, es ist viel einfacher Schuld auf ein Kollektiv abzuschieben als sich mit seinem eigenen Handeln auseinanderzusetzen. …aber musst du dein schlechtes Gewissen auf einen ganzen Kontinent projizieren?
Was haben die Roemer je fuer uns getan?!
Gepostet von christoph kratistos am 10. Juni 2008 um 16:03.Naja so simpel ist es dann doch nicht. Trotzdem, Selbsthass ist “stuff white people like” (http://stuffwhitepeoplelike.com/).
@blabbermouth: was alles so aus einem Satz werden kann… Danke nochmals!
@marc: Ich weiß nicht, woher Dein Empfinden kommt. Ich benenne (nicht sonderlich zurückhaltend formuliert, zugegeben) äußerst problematische Züge europäischer Weltpolitik der vergangenen 550 Jahre und zeige an einem(!) Beispiel auf, wie sich ein überheblicher Blick auf das Fremde bis in den alltäglichsten Sprachgebrauch einschleicht. Nicht nur bei mir; google doch mal “schwarzer Kontinent”, das wird auch von großen Medien unterschiedlichster politischer Richtung völlig ungebrochen benutzt.
Ich schreibe nirgendwo, dass die Europäer die Sklaverei erfunden haben oder, das alle Entdecker Ausbeuter waren. Aber sie haben “entdeckte” Völker versklavt, “entdeckte” Kontinente ausgebeutet und das alles unter anderem auch mit ihrem zivilisatorischen Vorsprung begründet.
Ja, sowas machen andere politisch und militärisch starke Mächte auch und haben es immer schon getan. Insofern ist es nichts genuin europäisches, das Fremde zu unterwerfen und zu zerstören. Hab ich aber auch nicht geschrieben.
Der Eintrag ist ein Versuch, ein einziges Sprachbild, das eine zweifelhafte Semantik besitzt, zu dekonstruieren. Dabei habe ich zivilisations- und europakritische Töne eingestreut. Kritisch, nicht feindlich. Ich habe dies nicht mit dem gleichsam fragwürdigen Umgang mit Fremden in anderen Kulturen relativiert, weil ich es besser finde, vor der eigenen Haustür zu kehren.
Ich weiß nicht, woher Dein Empfinden kommt. Mein Text hat Dir vielleicht ein paar Reizwörter geliefert, in seiner Argumentationsstruktur hat er leider wenig mit Deinem Angriff zu tun.
Was mich küchenpsychologisch noch interessiert: Welche Schuld könnte ich den auf das Kollektiv “Europa” abgeschoben haben?
@kratistos: Falls Du mir Selbsthass unterstellst: Danke, es geht mir gut. Das mit den Römern versteh ich ehrlich gesagt nicht.
Gepostet von Björn Grau am 11. Juni 2008 um 12:49.“Die Bibel hat doch recht” … ?
Gepostet von Julie Paradise am 15. Juni 2008 um 23:17.