max
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Denken wir jetzt nicht an bekannte Twitterati, deren Verlust uns unendlich schmerzen würde. Und schon gar nicht an den Tod eines Twitkriters. Denken wir zunächst überhaupt nicht an Twitter, nicht mal an das Web als solches. Denken wir lieber an Anna Nicole Smith. Oder besser: gedenken wir ihrer. Denn sie selbst wehrt sich gegen ihren Tod. Und etliche Journalisten ebenfalls. Sie wollen sie nicht gehen lassen, sondern beleben sie wieder und wieder in immer neuen Artikeln und Fotos, mit Mutmaßungen über die rätselhaften Umstände ihres Todes. Howard Stern, der nicht gerade für seine feinfühlige Art bekannt ist, geht sogar einen Schritt weiter und lässt eine von ihr besprochene Anrufbeantorteransage nach wie vor geschaltet. Wer will, kann also jederzeit die Grenze zum Jenseits überschreiten und sich seine Anrufe von der geisterhaften Stimme der prominenten Toten beantworten lassen.

Worum geht es also, wenn wir Tote in Medien (nein, nicht tote Medien) aufleben lassen? Worum geht es, wenn wir ihre Namen in Grabsteine ritzen oder aber sie – aus Pietätsgründen – in unserer Followingliste belassen.

Was machen wir also mit all den Artefakten, die wir heute online hinterlassen werden. Wird mein Blog nach meinem Tod eine ähnliche Funktion erfüllen, wie die Pyramiden von Gizeh für den einen oder anderen Pharao? Oder eher wie der Turm in Paris, über den das Gespenst des Herrn Eiffel nach seinem Tod noch tausende Architekten instruierte?

So oder so. Medien sind immer auch Medien des Jenseits. Egal ob es sich um Monumente im realen oder virtuellen Raum handelt. Nur ist uns das virtuelle in dieser Funktion noch unbekannt und die Vorstellung von virtuellen Friedhöfen ungewohnt. Dabei hatte das Virtuelle von Anfang an geisterhafte Züge und wies in seiner itelligiblen Beschaffenheit immer schon auf eine Art “Jenseits”. Aber – Hand aufs Herz – sind wir nicht auch – insgeheim, vielleicht unbewusst – aus diesem Grunde hier? Wegen der Unsterblichkeit? Ist nicht jeder Tweet auch von vornherrein ein Vermächtnis, ein vorzeitiger in den Boden gerammter Grabstein, der uns des ewigen Lebens versichert und mit dem wir, auch nach unserem Tod, mit den Lebenden sprechen werden können?

Deswegen: Nein, lieber @343max, entfollowe die Toten nicht. Vielleicht suchst Du dereinst den Dialog mit der Geisterwelt und findest sie nicht mehr, unter den 35 Millionen Twitteraccounts, die es dann vielleicht schon gibt. Und selbst wenn Dir nicht der Sinn danach stehen wird: Das “Jenseits” ist in Twitter jenseits der Timeline. Geht also auch nicht auf die Nerven und so.

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Also ich finde:

Das sagen die Anderen:

Max

Ich habe mir die Frage ja aus einer ganz anderen Perspektive gestellt: will ich eines Tages als Zombie-Profil weiterleben? Auf einem Account, der im schlimmsten Falle vielleicht Jahr später gehackt und zugespamt wird? Oder will ich nicht lieber, dass meine Follower mit einer Träne im Knopfloch den finalen unfollow-Link anklicken. Ich glaube, wir werden uns irgendwann Abschiedszeremonien auch für den virtuellen Raum brauchen.

Oder man macht das per Testament. “…meine Follower gehen an meine Kinder und meinen flickr-Account vermache ich dem MoMA…”

Gepostet von Max am 23. Mai 2008 um 02:03.
mspro

In diesem Fall plädiere ich für virtuelle Grabpflege. So wie wir heute Unkraut zupfen auf den Gräbern unserer Angehörigen, werden wir dereinst Spamkommentare aus ihren virtuellen Hinterlassenschaften löschen.

Gepostet von mspro am 23. Mai 2008 um 02:41.
mspro

Danke dür den Link, Bosch. Dort auch gefunden habe ich diesen tollen Beitrag.

Gepostet von mspro am 23. Mai 2008 um 10:36.