Was machst Du gerade?
“What are you doing?” ist die Frage, die über allem steht. Nur in den seltensten Fällen kann diese auch beantwortet werden, denn der Mensch ist kein Computer. Moderne Rechner sind multitaskingfähig, d. h. sie können mehrere Aufgaben parallel bewältigen. Der Homo sapiens indes ist hierzu in den allermeisten Fällen nicht in der Lage. So bleibt es ihm oft verwehrt, eine Tätigkeit auszuführen und gleichzeitig der Welt via Twitter mitzuteilen, welche Tätigkeit er gerade in diesem Moment verrichtet.
@zoee gelingt es mit spielerischer Leichtigkeit, uns diese menschliche Unzulänglichkeit anhand eines ernsten Themas nahezubringen. Hätte sie geschrieben “entsorge leiche”, so ginge diesem Tweet der Realismus ab; keiner Twitteratin ist schließlich zuzutrauen, noch während des Entsorgungsvorganges zu berichten. Verscharrungen und Gezwitscher vertragen sich nicht – zumindest auf den ersten Blick. Erst der Blick auf das Vergangene (“leiche entsorgt.”) lässt diesen Tweet realistisch wirken und regt auf diese Weise kunstvoll die Phantasie des Rezipienten an. Ob es sich bei dem entsorgten Leichnam um ein Katzenbaby oder gar den Ehemann der Autorin handelt, bleibt allein der Phantasie des Lesers überlassen – möglicherweise wurde auch der seit vielen Jahren zur Familie gehörende Goldhamster mit militärischen Ehren begraben.
Gegebenenfalls ist jemand von uns gegangen, möglicherweise aber auch nicht. Die Autorin lässt uns hierüber im Unklaren. Nur sie allein weiß um ihr Geheimnis, der Leser bleibt ratlos zurück und arbeitet sich an diesem Tweet ab. Der twitterarische Wert dieses Beitrages besteht darin, dass es der Autorin in nur sechzehn Zeichen gelingt, den Leser zu fesseln und die geistige Auseinandersetzung mit den geschriebenen Worte geradezu zu erzwingen. Der Rezipient verharrt in seinem Kreisdenken und es ist ihm unmöglich, die rätselhafte Botschaft zu entschlüsseln – und irgendwann heißt es wieder von Neuem: “What are you doing?”

Kommentieren
Das sagen die Anderen:
Weltklasse
Gepostet von Philipp am 22. Mai 2008 um 10:04.es war kein hamster, es war eine an altersschwäche verstorbene weisse maus. sie wurde -zwar ohne militär- aber in ehren und mit würde im hintergarten beerdigt.
Gepostet von zoee am 22. Mai 2008 um 10:33.@Philipp: Vielen Dank für das warme Wort.
@zoee: Das beruhigt mich. Dann war ich ja mit meiner Goldhamstertheorie doch ziemlich nah dran. Vielen Dank für des Rätsels Lösung.
Gepostet von bosch am 22. Mai 2008 um 10:38.immer gerne. wenn du irgendwann mal etwas zu entsorgen hast, melde dich einfach!
Gepostet von zoee am 22. Mai 2008 um 11:49.Super.
Und mein aufrichtiges Beileid an zoee (Das wurde hier bislang vernachlässigt).
Gepostet von lady-kinkling am 22. Mai 2008 um 12:19.@lady-kinkling: Danke. Es ist eben alles nur Boulevard – auch das Fachorgan für Twitteraturkritik. Die Story steht im Vordergrund, persönliche Schicksale können da schon mal untergehen. Das ist traurig, darum sage auch ich:
Mein herzliches Beileid, liebe zoee. Ich hoffe, Du kommst irgendwann über die Trauer und den Schmerz hinweg. Und auch über den Scherz.
Gepostet von bosch am 22. Mai 2008 um 12:27.Herrlich.
Gepostet von Tobias am 22. Mai 2008 um 13:59.Auch das ist Boulevard: sich an persönlichen Schicksalen weiden. Der Schmerz trat wiewohl noch nicht aus der hemdsärmligen Wortwahl (“entsorgt”) hervor.
Gepostet von lady-kinkling am 22. Mai 2008 um 15:48.@lady-kinkling: herzlichen dank! ich habe deine nette beileidsbekundung an die ex-maus-pflegemutter weitergeleitet, die sich sehr gefreut hat in ihrer trauer. immerhin sind hier noch drei andere mäuse, denen leider in absehbarer zeit das gleiche schicksal blühen wird. tja. die natur eben. aber ich bin da ganz ent-sorgt und optimistisch, was die zukunft betrifft. mäuse werden älter – kinder aber auch.
@bosch: ich komme durch, ganz sicher.
Gepostet von zoee am 22. Mai 2008 um 17:08.