Hölzern

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Die Konzentration eines Tweets auf 140 Zeichen ist eine quantitative Beschränkung von Aussagemöglichkeiten, die allerdings im guten Falle durch einen besonders reichen Bedeutuungsraum konterkariert wird und so einer kleinen Kurzmitteilung unterschiedliche Sinnebenen verleiht. Im vorliegenden Tweet gelingt dies durch die verschränkende Transmission zweier äußerst traditionsreicher Textsorten in die neue Gattung des Tweets.
Im Hauptsatz ist das Jesuswort anzitiert, das der Evangelist Lukas wie folgt wiedergibt:
“Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge?” (Lk 6,41f.; siehe auch Mt 7,3f.)
Der Nebensatz nutzt nun die zum semantischen Feld des Worts “Balken” gehörende Eigenschaft “aus Holz”, um das volkstümliche Sprichwort von den Streichhölzern, die bei starker Müdigkeit die Augenlider offen halten sollen, auf eben den Balken im Auge anzuwenden.
Da ein Balken um ein Vielfaches größer und stärker ist als ein gewöhnliches Zündholz, können wir deuten, dass das Auge (wir dürfen dies als pars pro toto “Lebewesen” lesen) außergewöhnlich müde ist.
Dies aber ist nur die augenscheinlich profane Lesart des hier zu besprechenden Tweets. Denn der biblische Balken, der hier die Stelle des Streichholzes einnimmt, ist eindeutig als Metapher zu lesen. Im Zusammenhang des Jesuswortes ist er die Hyperbel des Splitters im Auge des Bruders. Schon dieser wird, wie wir uns leicht vorstellen können, wahrscheinlich zu einer Beeinträchtigung der Sehkraft führen, während ein Balken, so er in ein Auge passte, wohl das Augenlicht gänzlich erlöschen ließe. Beide beziehen sich auf die unter Menschen weit verbreitete Unart, ohne jegliche selbstkritische Überprüfung der eigenen Sichtweisen anderen (dem Bruder) vorzuwerfen, sie sähen etwas im falschen Lichte, sprich, sie hätten eine unangebrachte Meinung.
Der Bibelspruch kritisiert die Hybris, über andere zu urteilen, ohne sich selbst zu hinterfragen. Diese Kritik erscheint uns besonders drastisch, wenn wir berücksichtigen, dass der Balken im Gegensatz zum Splitter eindeutig auch an die glühenden Metallstäbe erinnert, die bei Blendungstrafen vor das Auge gehalten oder in das Auge gestossen werden, um den zu Bestrafenden das Sehvermögen des Auges weitgehend oder zur Gänze zu zerstören.
Wir können also durchaus sagen, im vorliegenden Tweet wird das Zündholz durch die erörterte Verblendung des müden Wesens ersetzt. Was aber soll diese Aussage “die Verblendung reicht auch nicht mehr aus, um wach zu bleiben?”
Nachdem wir für den Balken eine metaphorische Bedeutung herausgearbeitet haben, dürfen wir nun natürlich nicht den Fehler begehen, den (im Tweet in Frage gestellten) Zustand des Wachseins nur im Litteralsinn zu begreifen. Auf der metaphorischen Sinnebene geht es nicht mehr um physische Müdigkeitszustände, sondern eher um die beispielsweise im “wachen Geist” enthaltene Aufmerksamkeit. Da wir uns, wie oben dargelegt mit Hybris und Verblendung auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Interaktion befinden, ist es legitim, dies auch für den Begriff der Aufmerksamkeit anzunehmen. Wenn wir also all dies auflösen, meint der vorliegende Tweet nichts anderes als ein durch äußerst intelligente und belesene Codierung poetisiertes:
“Die Verblendung reicht nicht mehr aus, um für andere aufmerksam zu bleiben.”
Diese Aussage aber ist offensichtlich widersprüchlich, ein Oxymoron, wie wir Freunde der Rhetorik zu sagen pflegen. Doch erst durch diesen Widerspruch zeigt sich das aufklärerische Potential dieses Tweets. Denn ihm gelingt es so, die Sinnlosigkeit eines ganz anderen Sprichworts zu entlarven. Denken Sie nach dieser Interpretation einmal über folgenden Satz nach:
Holzauge sei wachsam!
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Das sagen die Anderen:
Interessehalber: Ihr habt aber schon bei marthadear nachgefragt wg. öffentlichmachens eines eigentlich nicht für alle einsehbaren tweets? (nicht missverstehen, ich geh ja davon aus, dass Ihrs habt, nur bestätigt säh ichs auch gern).
Gepostet von roland am 06. Mai 2008 um 14:42.@roland: Wir haben in unserer “Twitkrit-Geschäftsordnung” festgelegt, dass wir bei protecteten Tweets beim jeweiligen Autor nachfragen, ob wir seinen Tweet im Rahmen einer Rezension verwenden dürfen. Bei öffentlichen Tweets sehen wir dies nicht als notwendig an, da diese für jedermann im Internet einsehbar sind. Ein Literatur- oder Musikkritiker fragt schließlich Autoren oder Musiker auch nicht, ob er über ihre Werke schreiben darf.
Weitere Fragen?
Gepostet von bosch am 06. Mai 2008 um 14:46.Nö, erstmal nicht. Genau so halte ich das übrigens auch für sinnvoll & richtig.
Gepostet von roland am 07. Mai 2008 um 07:18.