Fluss
Alles rauscht, alles fließt – an einem vorbei. Vor allem auf Twitter. Wir versuchen kopflos zu folgen. Aufgaben hier, Selbstverwirklichung dort, Freunde irgendwo dazwischen und im Hintergrund immer das Tweetgetöse, als mediale Quasiabbild dieser schnelllebigen Welt. Wir rennen durchs Leben und wenn wir uns überhaupt einmal selbst vergegenwärtigen, dann kommt es uns so vor, als seien wir reine Gegenwartsgeschöpfe. “War das wirklich ich, der letzte Woche…?” und “Überhaupt: letzte Woche! – Erinnern ist doch eh prähistorische Archäologie!”
Und dann das:

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Die Zeit gefriert, alles steht still und diese paar Zeichen zerren einen in ein Paralleluniversum der Fragen.
“Wann werden wir anfangen, uns zu ändern?”
“Man kann nicht zweimal in den Selben Fluss steigen.“, sagte Heraklit und meinte, dass es nie das selbe Wasser sein wird, das einen umfließt. Aber was ist mit uns selbst: ist es nicht schon unmöglich, in ein und den selben Tümpel zu steigen? Weil wir selber der Fluss sind? Alle sieben Jahre sind alle Zellen des menschlichen Körpers komplett ausgetauscht. Kennt dieser Fluss überhaupt ein Wann?
“Wann werden wir anfangen, uns zu ändern?”
Wann ist der Zeitpunkt, der Ursprung des noch nicht gelebten Andersseins? War die Geburt nicht der Initialpunkt des Seins, des Seins als des Sich-Änderns, des immer Andersseins als eben noch? Hieße das nicht: ist die Identität nur im Jetzt möglich? Aber wie lange ist die Gegenwart? Wo war ihr Anfang?
“Wann werden wir anfangen, uns zu ändern?”
Wann ändert man sich? Genauer: wo ist dieser unendlich kleine Punkt, an dem man anfängt sich zu ändern? Gibt es eine Stetigkeit der Veränderung, so dass so etwas wie Identität unmöglich erscheint? Dann wäre der Anfang der Änderung nicht die Quelle des Flusses, sondern der Augenblick. Immer neu, immer frisch aus dem Jetzt hinaus in die Zukunft?
“Wann werden wir anfangen, uns zu ändern?”
Es geht dem Autor um die Zukunft einer Änderung! Um ein ins vielleicht Unendliche projiziertes Ziel einer Änderung: um ein Werden. Ja, es ist vielleicht mehr ein in einer Frage verpacktes Imperativ! Ein Aufruf zur Änderung! Verdammt noch mal: Wann werden wir uns endlich Ändern! Wann werden wir aufhören Kriege zu führen, wann werden wir mit der Welt verantwortungsvoll umgehen, wann werden wir für uns da sein, uns um einander sorgen? Wir, also die Menschen, die Menschheit. Oder doch nicht?
“Wann werden wir anfangen, uns zu ändern?”
Von welchem “Wir” spricht der Autor hier also? Wer sollte diese Änderung feststellen, oder sie fordern, aus welcher gesicherten Perspektive heraus? Eine, die nicht selber Teil des eigenen oder eines anderen Flusses ist? Und wäre diese Perspektivänderung nicht schon eine Änderung des Selbst? Eine Änderung dieses ominösen Wir? Und wenn, ist die Änderung mit den Gedanken um diesen Satz schon eingetreten? Die Erkenntnis als der erste Schritt zur Änderung?
All das – und noch viel mehr – schoss mir durch den Kopf, beim Lesen dieses Tweets. Aber vielleicht, so dachte ich noch, vielleicht will der KCU ja auch nur das Rauchen aufgeben. Und drückte Apfel-R.
Kommentieren
Das sagen die Anderen:
Ich bin beeindruckt Herr MSPRO;
waere man, ohne Ihre anderen Netz (Blog)aktivitaeten zu kennen, versucht, sich ein imagininaeres Bild von Ihrem Dasein, basierend auf Ihrer Twittertimeline, zu erdencken, differenziert sich selbiges enorm von Ihrem Realem . . . Wie erwaehnt, ich bin beeindruckt.
Nebenher stehen meine Zelte in Berlin und somit bin ich der Gattung “Hund” recht positiv zugeneigt :)
Ihr solltet Euch beide nicht aendern !
Gepostet von Pierro am 02. Mai 2008 um 01:44.Da muss ich Pierro Recht geben. Mir war die Tragweite dieses Tweets gar nicht so bewusst – genauso wenig wie die Beweggründe, die mich dazu veranlasst haben ih zu schreiben. Eigentlich auch keine so abwegige Forderung nach Zustandsveränderung. Hat doch bestimmt jeder mindestens eine Kleinigkeit, die zu ändern sich es lohnt. In dem Sinne nichts weiter als ein simpler Container mit einem besonderen Verlagen nach dem einen diskreten Zeitpunkt an dem aus Gewohnten Anderes wird. Hier genauer gesagt bezogen auf ein kollektives Laster. Deswegen das wir. Von daher habe ich mal das, was sowieso jeder gesagt hätte, einfach mal vorweggenommen.
Gepostet von Kai am 02. Mai 2008 um 02:00.[...] erfahren dürfen: Es gibt geistreiche Twitter-Autoren, die sich unbewusst oder ganz offen auf Heraklit, Nietzsche oder Heidegger beziehen – manche gar auf [...]
Gepostet von Die neue Klarheit at twitkrit am 08. Mai 2008 um 01:08.